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Alte Handwerkskunst bewahren! Die Letzten ihrer Art!

5. Mai 2014

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Klöppeln, weben, schmieden, dreschen, fflachsen – bevor Maschinen und Computer den Alltag beherrschten, war Handarbeit gefragt. Viele Bewohner der AWO Häuser kennen noch die alten Techniken, etwa das Mähen der Wiesen mit der Sense. Davon berichtet der einstige Bauer Georg Kammermeier aus dem niederbayerischen Seniorenzentrum Geiselhöring.

Etwas anderes als Landwirt? Diese Frage stellte sich Georg Kammermeier nie. Nicht, weil er sich keine Alternativen vorstellen konnte – es gab schlicht keine. Er wuchs mit zwei Brüdern auf dem Hof seiner Eltern auf, in Haindling, einem Ortsteil von Geiselhöring. Das Dorf gehört zu Bayerns Kornkammer und war berühmt für seine Viehmärkte; der letzte fand 1977 auf dem Marktplatz statt. »Wir besaßen neun Hektar Land, viele Rindviecher, Schweine, Pferde und sogar eine Kutsche«, erinnert sich der 86-Jährige. Ein Jahr vor Kriegsende wurde sein Vater eingezogen, vier Jahre später starb er. Da war Georg zwanzig und übernahm den Hof.

Das A und O sei eine Schneide, so fein wie eine Rasierklinge. »Sonst wird das Gras nicht geschnitten, sondern nur umgebogen «, erklärt Georg Kammermeier und zeigt dabei auf den Dengelstock des historischen Werkzeugs, das im AWO Seniorenzentrum Geiselhöring noch zum Schneiden des Grases für die Hasen in Gebrauch ist. »Das Schärfen des Senseblattes nennt man Dengeln. Dabei muss man sehr präzise mit Dengeleisen und Dengelhammer umgehen«, so Kammermeier, der sich sichtlich wohl fühlt mit dem alten Gerät.

Beim Mähen, so fährt er fort, komme es auf die richtige Stellung an. So wird die Sense mit einem kreisrunden Schwung direkt auf dem Boden aufliegend durch das Gras gezogen. Diese Bewegungen sollten gleichmäßig, in ruhigem Tempo und bei aufrechter Körperhaltung durchgeführt werden. Damit das gelingt, muss man die Wörbe (den Stiel) individuell auf die jeweilige Person anpassen. »Viele Betriebe haben mir ihre Sensen gebracht – ich gehörte schon damals zu den wenigen, die dieses Handwerk noch beherrschten«, sagt der Niederbayer. »Aber in den letzten Jahren meines Berufslebens hatte ich auch einen Mähdrescher und war froh darüber. Moderne Geräte vereinfachen die mühsame Feldarbeit dann doch.«

Er könne verstehen, dass heutzutage kaum noch junge Leute Landwirte werden wollen. Auch seine beiden Kinder hatten kein Interesse, den Hof zu übernehmen, als er 1989 in Rente ging. Das liegt nun schon 25 Jahre zurück. Und doch träumt Georg Kammermeier jede Nacht von seiner Zeit als Bauer. Wie er zum Beispiel an Heiligabend noch mal in den Stall schaute und sah, wie eine Kuh gerade kalbte. Danach sei sie nicht mehr aufgestanden; es blieb nur die Notschlachtung. Unvergesslich auch die Jahre nach dem Krieg, als es fast kein Futter fürs Vieh gab und die Familie um ihre Existenz bangte. »Einmal war es so schlimm, dass ich loszog und das Gras an den Straßenrändern abschnitt.«

Und trotzdem: Georg Kammermeier war mit Leib und Seele Landwirt und hat bis letztes Jahr auf seinem Hof gelebt. Ein großes Hobby von ihm war das Körbeflechten. Das bringt er nun dem Hausmeister des Seniorenzentrums, Sepp Marterer, bei – damit diese alte Handwerkskunst nicht ausstirbt.

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