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Apfelnostalgie statt Allergie

Auf den Obstwiesen von Eckart Brandt reihen sich ganz besondere Apfelbäume: Ihre Früchte sind Fahrkarten für eine Reise in die Vergangenheit. Sie schmecken nach Kindheit und süßen, unbeschwerten Spätsommertagen im Garten der Großeltern. Und für Apfel-Allergiker bieten die alten Sorten weniger Risiken.

Apfelbäume
©Judith Bernhard

Die Äpfel am Marktstand von Eckart Brandt tragen pompöse Namen: Gravensteiner, Goldparmäne, Prinz Albrecht von Preußen. Es sind Apfelsorten, wie sie früher in vielen Obstgärten reiften, an der Obsttheke moderner Supermärkte aber vergeblich gesucht werden. Der Obstbauer weiß um die Nostalgie, die er mit seinen Äpfeln weckt: »Viele Menschen haben vergessen, wie intensiv ein Apfel schmecken kann. Sie sind an den immer gleichen, wässrig-süßen Geschmack der Supermarktäpfel gewöhnt. Wenn sie dann eine der alten Sorten kosten, werden Erinnerungen wach.«

Die Vielfalt bewahren

Apfel
©Judith Bernhard

Auf rund 2,5 Hektar etwa 70 Kilometer westlich von Hamburg betreibt Eckart Brandt das »Boomgarden- Projekt« (www.boomgarden.de). Hier sollen rund 350 alte Obstsorten, davon rund 250 Apfelsorten, vor dem Verschwinden gerettet werden. Der Pomologe, wie Obstbaukundler im Fachjargon genannt werden, tut dies nicht nur der Kindheitserinnerung zuliebe. Sein Engagement versteht sich als klare Gegenbewegung zum wirtschaftlichen Trend. Die marktgängigen Sorten lassen sich auf wenige Ausgangssorten zurückführen. Rentabilität und Profit stehen bei ihrem Anbau im Vordergrund – auch wenn diese Ziele nur durch den Einsatz von Pestiziden erreicht werden.

»Ein Baum, der nicht ohne Chemiekeule auskommt, den soll die Evolution holen«, lautet Brandts Urteil zu den Pflanzenschutzmitteln. Etwa 80 Prozent der alten Sorten seien so robust, dass der Verzicht auf das Spritzen ihr Wachstum ihren Ertrag nicht beeinflusse. Nicht umsonst stehen diese Sorten in einer langen Tradition bäuerlicher Lebenskultur.

»Mit den alten Apfelsorten verschwindet nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein genetischer Schatz, der Robustheit und Unanfälligkeit verspricht. Diesen Gen-Pool gilt es, auch für Neuzüchtungen zu erhalten.«

Weniger Allergene

Apfelbäume
©Judith Bernhard

Auch für die Gesundheit leisten die alten Sorten einen wichtigen Beitrag. Dass Äpfel voll von wertvollen Inhaltsstoffen sind, ist bekannt. Aber nicht jeder kann lustvoll hineinbeißen. Rund zwei Millionen Menschen reagieren laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) allergisch auf bestimmte Züchtungen. Viele frische Äpfel lösen bei ihnen Juckreiz im Gaumen- und Rachenbereich aus, manchmal sogar Atembeschwerden.

Ein Faktor, der das Allergiepotenzial eines Apfels bestimmt, ist sein Gehalt an Polyphenolen. Ein Stoff, der das Apfel-Allergen ausschaltet. Da Polyphenole aber auch das Fruchtfleisch schneller braun werden lassen, wurden sie aus modernen Sorten wie Jonagold oder Elstar herausgezüchtet. Traditionsäpfel hingegen sind reich an Polyphenolen. Für Apfelallergiker lohnt sich ein einfacher Test: Oftmals zeigt sich eine Reaktion bereits, wenn ein Stück ungeschälter Apfel an die Lippen gehalten wird.

Apfelexperte

An seinem Marktstand und auf den zahlreichen Veranstaltungen, die er mit seiner breiten Palette an Obst und Obstprodukten wie Marmeladen und Säften bereichert, teilt Brandt sein umfangreiches Wissen mit Interessierten. Zudem berät er auch jene, die auf der Suche nach dem richtigen Obstbaum für den Garten sind. Wenn er sich für einen Lieblingsapfel entscheiden müsste, wäre es der Finkenwerder Herbstprinz. Eine Sorte, die noch in den 60er Jahren im Hamburger Raum stark verbreitet war, heute aber fast verschwunden ist. Ihr verdankt der Obstbauer auch seinen Spitznamen: Herbstprinz. Ob er ihm gefällt? »Auf jeden Fall passender als Pink Lady«, sagt er und lacht.


Schmeckt! Neues vom Apfelmann von Eckart Brandt, Hamburg Paradies, 128 Seiten, 16 Euro

Persönlich und informativ zugleich erzählt Eckard Brandt in seinem neuen Buch vom »Boomgarden-Projekt«, von Lieblingsäpfeln und von Sorten, die keine Allergien hervorrufen.

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