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Auf eine Tasse Kaffee mit Senta Segnitz

17. November 2014

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Senta Segnitz, 95 Jahre alt, aus der AWO Senioreneinrichtung Käthe Kollwitz

Die 95-jährige eloquente Dame, die erst seit Frühjahr in der Berliner AWO Pflegeeinrichtung Käthe Kollwitz wohnt, führte ein für ihre Generation sehr emanzipiertes Leben.

AWO Journal: Sie haben einen wunderschönen, klangvollen Namen – Kompliment!

Senta Segnitz: Vielen Dank! Meine Eltern liebten Wagner-Opern und nannten mich nach der Senta aus dem »Fliegenden Holländer«. Später ärgerte ich mich über die gleichen Anfangsbuchstaben, denn wer will sich schon mit SS abkürzen?

Sie sind Jahrgang 1919, d. h. Ihre Kindheit und Jugend spielte sich vor dem Zweiten Weltkrieg ab. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?

Mein Vater war damals Direktor am Deutschen Institut für Normung, das 1920 in Berlin als DIN gegründet wurde. In dieser Position gehörten wir zu den oberen Zehntausend. Wir wohnten in einem wunderschönen Haus in Lichterfelde-West und ich besuchte eine Privatschule, in der nicht mehr als zehn Kinder pro Klasse unterrichtet wurden. Das Elend ging los, als sich mein Vater in seine Sekretärin verliebte. Meine Mutter war eine stolze Frau und ließ sich das nicht gefallen. Sie gab alles auf, zog mit mir in eine kleine 1,5-Zimmer-Wohnung und ging arbeiten.

Das muss eine große Umstellung für Sie gewesen sein…

Allerdings, denn ich war ja bis dahin eine kleine, verwöhnte Prinzessin. Plötzlich ging es in den Schulferien in den Harz nach Thüringen, während mein Vater mit der neuen Frau an seiner Seite nach Italien fuhr. Da meine Mutter Vollzeit arbeitete und sich während der Woche nicht um mich kümmern konnte, besuchte ich das Blissestift, das damals ein Waisenheim war. Ich war das einzige Scheidungskind. An den Wochenenden wohnte ich bei meiner Mutter und alle 14 Tage bei meinem Vater.

Heutzutage gang und gäbe, damals eine Ausnahme. Haben Sie unter der Situation gelitten?

Vieles war furchtbar, aber im Nachhinein auch eine wichtige Zeit, in der ich fürs Leben gelernt hab. Als ich selbstständiger war, habe ich die Schule gewechselt und bin dann ganz zu meiner Mutter gezogen. Ich war froh, bei ihr zu sein, und nahm den langen Schulweg von 45 Minuten zu Fuß gerne in Kauf.

Wie ging es nach der Schule weiter?

Mit Abschluss der 10. Klasse wollte ich meine Mutter finanziell unterstützen und arbeiten gehen. Mein Vater holte mich nach Hamburg, wo er inzwischen mit der neuen Familie in einem englischen Landhaus direkt am Wald lebte. Es war nicht einfach, mit der Frau unter einem Dach zu leben, die ich für das Scheitern der Ehe meiner Eltern verantwortlich machte. Aber ich besuchte die Handelsschule, was mir großen Spaß machte. In meine Klasse ging auch Sybille von Blomberg, die Tochter des Reichskriegsministers.

Als Sie mit der Ausbildung fertig waren, ging kurz darauf der Krieg los. Kein guter Start…

Ich bin mit 18 wieder zurück nach Berlin gegangen und habe die Reichskristallnacht erlebt. Heute bin ich fassungslos, wie wenig mich die damalige Situation bekümmert hatte! Ich war viel zu sehr mit mir und meinem Leben beschäftigt, als dass ich mir Gedanken über das Leid der Juden gemacht hätte. Das ist mir heute sehr unangenehm.

Wie haben Sie die Kriegsjahre in Berlin verbracht?

Ich arbeitete als kaufmännische Angestellte und bekam 200 Mark im Monat. Mit 23 heiratete ich, aber mein Mann musste bald darauf in den Krieg ziehen und kam in Gefangenschaft. In dieser Zeit verliebte ich mich in einen wesentlich älteren, verheirateten Mann und wurde schwanger. Da gab es natürlich viel Gerede. Meine Mutter hat aber immer zu mir gehalten und mir keine Vorwürfe gemacht. Sogar mein Mann verzieh mir. Wir blieben freundschaftlich verbunden, auch als ich elf Jahre später dann den Vater meiner Tochter heiratete. Wir führten eine sehr glückliche Ehe. Aufgrund des Altersunterschieds muss ich leider nun schon lange ohne ihn zurechtkommen.

Haben Sie später wieder gearbeitet?

Ich hatte Glück und sogar mit 55 Jahren noch mal eine Stellung in einem Krankenhaus bekommen. Mit dem Geld bin ich dann auf Reisen gegangen – außer Australien habe ich alle Kontinente gesehen. Ich kann wirklich dankbar sein, denn ich führte ein sehr schönes Leben.

Woran können Sie sich heute erfreuen?

Ich lese sehr gern, und manchmal gehe ich sogar noch ins Grunewalder Schlossparktheater – verbunden mit einem Besuch im nahen Lokal »Paulsborn«. Dort sitze ich denn im Biergarten und esse etwas Gutes. Diese Stunden genieße ich sehr.

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