Das Online Magazindes AWO Magazins für Seniorenzentren

Auf eine Tasse Kaffee mit Ursula Bießmann

26. August 2014

1
Ursula Bießmann sitzt gemütlich im Garten mit einer Tasse Kaffee

Die vielseitig interessierte Bewohnerin (91) lebt seit 2013 im schleswig-holsteinischen AWO Servicehaus Lensahn. Ihre Meinung: »Wer ein erfülltes Leben hatte, zehrt im Alter von seinen Erinnerungen.«

AWO Journal: Frau Bießmann, Sie sehen sehr rüstig aus und haben ja auch bis zu Ihrem 90. Lebensjahr alleine in Ihrem Haus gewohnt. Was hat Sie dazu bewogen, in ein Seniorenheim zu ziehen?

Ursula Bießmann: Vor etwa zehn Jahren erkrankte ich an der sogenannten AMD, einer altersbedingten Makula-Degeneration, bei der die Netzhaut verkalkt und schließlich – wie inzwischen bei mir – zur Erblindung führt. Unter diesen Umständen konnte ich nicht mehr den Haushalt führen. Außerdem: Anders als zu Hause, bin ich hier unter Leuten und kann noch an vielen Dingen teilnehmen. Großen Spaß macht mir zum Beispiel die Zeitungsrunde, bei der uns die Nachrichten vorgelesen werden.

Welche interessieren Sie dabei am meisten?

Der Kulturteil! Seit ich denken kann, schlägt mein Herz für das Theater und die Oper. Ich wuchs in Schwerin auf, wo es ja ein sehr schönes Staatstheater gibt. Das wurde einst der italienischen Renaissance nach empfunden und blieb Gott sei Dank von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont. Als Schülerin besuchte ich oft Vorstellungen mit meiner Mutter, die ein Abonnement hatte. Das prägte mich sehr.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten? Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Leider ist es mir nie gelungen, Karten für die Festspiele in Bayreuth zu ergattern. Aber ansonsten habe ich schon sämtliche Bühnen dieser Welt erlebt, wie in Berlin, Wien, Zürich, Monaco, New York, San Francisco … Das waren immer wunderbare Reisen, auf denen ich natürlich auch Land und Leute kennenlernte. Besonders beeindruckt hat mich Island, das wir per Bus in 14 Stunden durchquert haben. Übrigens ein sehr musikalisches Volk. Fast jeder dort singt in einem Chor!

Besonders für eine Frau Ihrer Generation sind Sie weit gereist …

Ja, ich habe etwas aus meinem Leben gemacht und zehre nun von all diesen unzähligen schönen Erlebnissen.

Gerade jetzt, wo ich kaum noch etwas sehe, ist das viel wert. Wenn ich zum Beispiel Klassik oder Kultur-Radio höre, kann ich sofort Bilder in meinem Kopf abrufen und die Erinnerungen sind wieder da, als ob ich in dem Moment vor Ort bin.

Haben Sie das Interesse an Kultur und Reisen mit Ihrem Mann geteilt?

Nein. Er ging zur Jagd, ich zu Konzerten. Für ihn war es das Größte, um vier Uhr morgens im Hochsitz auf das Wild zu warten, für mich, abends dem »Gefangenenchor« aus Nabucco oder Lohengrin zu lauschen. Unser jüngster Sohn hat das Natur-Gen geerbt. Er ist Biologe und führt die Urlauber übers Watt.

Und Ihr anderer Sohn?

Der ist leider schon verstorben. Er kam 1944 zur Welt. Da war ich 22 Jahre und gerade ein Jahr verheiratet. Mein späterer Mann machte mir quasi schon am ersten Tag des Kennenlernens einen Antrag. Er besuchte damals die Wirtin in Jena, bei der ich während meiner Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin mit anderen jungen Frauen wohnte. Auch er bezog dort ein Zimmer während des Studiums – bis er zum Krieg eingezogen wurde. Damals hatte er ein paar Tage Urlaub und schaute, wie gesagt, bei der Wirtin vorbei. Wir saßen dann alle beisammen, und da sprang der Funke über.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet – dafür hatte man im Krieg wohl keine Zeit.
Stimmt, trotzdem willigte ich nicht sofort ein. Mir war es wichtig, dass ich erst mal meine Ausbildung abschloss und auch er in festem Lohn und Brot stand. Aber das dauerte ein Weilchen. Nachdem mein Mann aus dem Krieg heimgekehrt war, sind wir erst mal zu meinen Eltern gezogen. Er durfte als Deutsch- und Geschichtslehrer nämlich nicht unterrichten, erst recht nicht in Ostdeutschland. Deshalb beschlossen wir wegzugehen.

Und so sind Sie dann im schleswig-holsteinischen Lensahn gelandet?
Zunächst nur mein Mann, der über Kontakte wieder eine Stelle als Gymnasiallehrer bekam. Als alles gut über die Bühne ging, holte er mich und unsere beiden Söhne 1952 nach.

So konnten Ihre Jungs im Westen aufwachsen und Sie später herumreisen.
Ja, ich habe mein Leben in vollen Zügen genossen. Natürlich war es nicht immer einfach. Aber Jammern war noch nie meine Art. Ich versuche im Hier und Jetzt das Beste aus allem zu machen. Wie nun auch als Bewohnerin im Altenheim, die so gut wie nichts mehr sieht. Wenn man seine Situation annimmt und offen für Neues ist, kann man noch viel Schönes erleben, egal in welchem Alter.

Kommentar schreiben