Das Online Magazindes AWO Magazins für Seniorenzentren

Auszeit mit der AWO

1. Juli 2014

3
Altenpflegerin der AWO am Strand in Grossenbrode

Urlaubsreif? Dann ab an die Ostsee! Unter dem Motto »Atempause vom Alltag« bietet die AWO demenziell erkrankten Menschen und ihren Angehörigen ein deutschlandweit einzigartiges Erholungsprogramm. Zu Besuch bei den Sommerfrischlern an der Küste in Großenbrode.

Maritimes Ambiente im Landhaus am Fehmarnsund

Maritime Figuren bei der AWO in GrossenbrodeLandhaus am Fehmarnsund, Strandstraße 1: Schon die Adresse lässt einen tief durchatmen. Nur wenige Meter hinter der Ortseinfahrt von Großenbrode ragt ein Fahnenmast mit der Flagge von Schleswig-Holstein gen Himmel, der so blau ist wie das nahe Meer. Eine aus Holz geschnitzte Möwe steht wie zur Begrüßung vor dem Eingang des AWO Kurhauses, auf der Wiese sind eine Boje sowie ein Segelboot platziert. Das maritime Ambiente setzt sich auch drinnen fort: Kleine Seemänner und Kapitäne mit Pfeife stehen auf dem Zimmerschlüsselkasten neben der Rezeption. Die Wänden werden gekleidet von nostalgischen Galionsfiguren, Ruder, Bullaugen, Angeln, einer Schiffsglocke aus Messing sowie einem dekorativen Brett mit Seemannsknoten. Die Farben friesisch-blau, von der Gardine bis zur Sofaecke. Und auch sonst wimmelt es nur so von Küsten-Schnickschnack, wie Muscheln, Seesterne und Miniatur-Leuchttürme. Das Besondere an diesen Gegenständen, die Tische und Regale schmücken: Man kann sie nicht verrücken, sie sind fixiert. Ein winziges, noch dazu unsichtbares Detail, das aber den großen Unterschied zu anderen Hotels deutlich macht: Hier urlauben in erster Linie demenziell erkrankte Menschen. Damit die sich im Haus (unfall)frei bewegen können, werden solche Sicherheitsmaßnahmen getroffen.

Deutschlandweit einzigartige Anlage für den Urlaub mit demenziell Erkrankten

Im November 2013 hat das von der AWO betriebene Haus an der Ostsee seine Pforten geöffnet. Es ist das zweite seiner Art und wurde nach dem Vorbild vom »Landhaus Fernblick« im sauerländischen Winterberg konzipiert. Dort können Demenzkranke und deren Angehörige bereits seit 2005 Urlaub machen. »Das Angebot wird sehr gut angenommen«, sagt Andreas Frank von der AWO Kur und Erholungs GmbH, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft der AWO Westliches Westfalen e. V. »Unsere Stammkunden wünschten sich häufig eine zweite Urlaubsadresse an der Küste.«

Mit Fehmarnsund habe man nun eine passende Alternative gefunden. Diese beiden Ferienanlagen sind deutschlandweit einzigartig. Andere Veranstalter mit gleicher Zielgruppe reservieren in der Nebensaison lediglich in normalen Hotels bestimmte Bereiche für Gruppen Betroffener, in den AWO Anlagen können diese individuell und ganzjährig anreisen.

Ruheoase vom Alltag

AWO-Grossenbrode_10Bis zu 1,4 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Die meisten von ihnen werden zu Hause betreut. Entsprechend erholungsbedürftig sind die Angehörigen, deren Leben sich rund um die Uhr um den Erkrankten dreht. »Der Bedarf nach solchen speziellen Ruheoasen wie unseren ist riesig«, weiß Andreas Frank. »Uns geht es vor allem darum, dass die Partner der demenziell Erkrankten mal Zeit für sich haben und sich mit Gleichgesinnten austauschen können.« Außerdem biete man ihnen die Möglichkeit, an Kursen über Pflege und gesunde Ernährung teilzunehmen oder sich in einer Sozialberatung über Leistungsansprüche zu informieren.

Beim Rundgang durch das ebenso geschmack- wie liebevoll eingerichtete AWO Haus erzählt Frank, dass sich der Geschäftsführer der AWO Westliches Westfalen e. V., immerhin der größte Bezirksverband der AWO, höchstpersönlich um das Interieur gekümmert habe – so wie schon um das in Winterberg, das im ländlichen Stil daherkommt. »Wolfgang Altenbernd legt großen Wert darauf, dass sich das Flair der jeweiligen Gegend im Haus widerspiegelt und sich die Gäste wohlfühlen.« Außerdem stelle man sich sowohl in der Ausstattung (Orientierungshilfen, Pflegebetten, barrierefreies Bad …) als auch in der Infrastruktur (gerontopsychologisches Fachpersonal) ganz auf die Klientel ein. »Wer hier urlaubt, will nicht auf seinen dementen Partner verzichten und ihn in die Kurzzeitpflege geben.«

Loslassen fällt hier leicht

AWO-Grossenbrode_02Das war auch nie eine Option für Beate Linde, die Herrn Frank von ihren Aufenthalten im Landhaus Fernblick kennt. »Loslassen ist ganz schwierig, wenn man rund um die Uhr, also täglich 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr für seinen Partner da ist.« Als wegen der fortschreitenden Demenz ihres Mannes Bernd keine normalen Urlaube mehr möglich waren, entdeckten sie die AWO Einrichtung in Winterberg. »Dort fühlten wir uns beide sofort wohl und aufgehoben. Es wurde zu unserem zweiten Zuhause«, erzählt die 56-Jährige beim Gespräch im sonnendurchfluteten Wintergarten, in dem sich jetzt andere Feriengäste hinzugesellt haben, um über ihre Erfahrungen zu berichten. »Zuletzt waren wir auch hier im Landhaus Fehmarnsund und verbrachten 14 großartige Tage – dann starb Bernd.«

Heute ist Beate Linde, die in Remscheid eine Selbsthilfegruppe für Angehörige leitet, hier, um selbst wieder Kraft zu schöpfen und Betroffenen Mut zu machen. Sie weiß schließlich aus langjähriger Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn sich der Partner immer merkwürdiger verhält und der Bekanntenkreis mit Rückzug darauf reagiert. »Anders als bei Krebs, sind Krankheiten, die mit dem Kopf zu tun haben, noch immer tabuisiert.« Eine Frau mit kurzen  grauen Haaren, die sich als Elinor Wese-mann vorstellt, nickt und sagt: »Das Schlimme ist, dass mein Mann noch mitbekommt, wie sich die Freunde nicht mehr melden. Ihn macht das sehr traurig.« Freude habe mit ihm aber die Zugfahrt von Hannover ins schleswig-holsteinische Oldenburg gemacht, wo das Paar am Bahnhof vom Hotelservice abgeholt wurde.

Zeit um Kraft zu schöpfen

Jeden Morgen um zehn bringt die 84-Jährige ihren Mann Horst für zwei Stunden in die Tagespflege. Dort wird er mit anderen demenziell Erkrankten von Fachkräften betreut. Auf dem Programm stehen Gedächtnistraining und leichte Gymnastik, Singen, Spielen oder auch Spaziergänge durch den Bewegungs- und Sinnesgarten.

Dazu stehen Gruppenräume und ein Snoozelenraum mit Wasserbett, Sternenhimmel, Licht, Duft und Klängen zum Entspannen bereit. Letzteres sollen auch die jeweiligen Partner, die durch die oft jahrelange Rundumbetreuung körperlich wie psychisch ihre Grenzen erreicht haben. Sie können die freie Zeit z. B. für Wellness nutzen. Es gibt eine Sauna, ein Schwimmbad sowie einen Fitness- und Physiotherapiebereich. »Eine ambulante Badekur wird ohne Probleme verschrieben«, weiß Simone Hohnsbehn, die das Landhaus am Fehmarnsund leitet. Überhaupt ist vielen Angehörigen nicht bewusst, dass ihnen pro Jahr 28 Tage und bis zu 1.550 Euro »Verhinderungspflege« zustehen. Dieses Kontingent liegt häufig brach, weil nicht bekannt ist, dass man davon auch gemeinsam Urlaub machen kann (mehr Infos dazu unter www.gesundheits-und-pflegeberatung.de).

Tagespflege für demente Urlauber

AWO-Grossenbrode_03Renate Schulz ist hier, weil sie ihren Mann zu Hause in Duisburg gern zur Tagespflege bringen würde, und nun schaut, wie es beiden damit geht. In Großenbrode genießt sie am meisten die frische Seeluft. Die macht den Kopf frei für das, was ihr seit Jahren auf der Seele drückt.
Die 79-Jährige erinnert sich noch genau an den Moment, als der Arzt sie und ihren Mann Lothar mit der Diagnose Alzheimer-Demenz konfrontierte: »Da bleibt die Welt erst mal stehen. Heute habe ich keinen Ehemann mehr an meiner Seite, sondern ein Kind.« Mit der Krankheit setzte auch eine Typveränderung ein: Plötzlich redete ihr eigentlich eher introvertierter Mann wie ein Wasserfall. »Damit muss man auch irgendwie klarkommen«, sagt Renate Schulz beim Abschied, und macht sich auf den Weg zur Fango-Behandlung. 30 Wohlfühl-Minuten, bevor sich alle wieder zum gemeinsamen Mittagessen im Speisesaal treffen.

Bis zu fünf Stunden täglich können die dementen Gäste betreut werden. Viele nehmen dieses Angebot jedoch nur am Vormittag wahr. Schon das ist eine große Umstellung und ein Lernprozess für beide Seiten: Wie nimmt mich der Partner danach wahr? Stellt sich ein Fremdheitsgefühl ein, vielleicht schlechtes Gewissen? Oder überwiegt die Freude des Wiedersehens? »Ich hatte meinen Mann eigentlich nur für zwei Vormittage in der Woche zur Tagespflege angemeldet«, erzählt Annegret Kwiattek. »Aber weil ich selbst sehr angeschlagen bin, riet mir der Therapeut, Herbert täglich betreuen zu lassen. Nun nehme ich in dieser Zeit Massagen, was mir unheimlich gut bekommt.«

Auf das Meer schauen und loslassen

Den Nachmittag verbringt das Ehepaar aus Marl, wie ein Großteil der Gäste, am liebsten am rund 1,2 km entfernten Strand, wohin sie der AWO Shuttlebus chauffiert. »Hier einfach gemeinsam sitzen und auf das Meer schauen, das ist für uns am schönsten«, sagt Frau Struck, die mit ihrem an Demenz und Parkinson erkrankten Mann angereist ist. Auch die Ausflüge in die Umgebung sind sehr beliebt. Das jeweils angebotene Programm steht als kleine Tagesübersicht in der »Morgenpost«, die beim Frühstück auf den Tischen ausliegt. Neben der Menüauswahl und der Wetterprognose ist auch immer eine Lebensweisheit zu lesen. Heute lautet sie: »Menschen mit einem sonnigen Gemüt gelingt es wesentlich leichter, über den eigenen Schatten zu springen.« Ein Zitat, das wunderbar zu Günter Opitz passt. Der 81-Jährige genießt wortwörtlich in vollen Zügen den Aufenthalt im Landhaus Fehmarnsund, wo er jeden Morgen anderthalb Stunden seine Bahnen im beheizten Schwimmbad zieht. Er ist mit seiner sehr pflegebedürftigen Frau Dora hier und hat gerade drei Tage nachgebucht, weil es ihm so gut gefällt. »Am Anfang des Urlaubs wurden alle Gäste zu einer Vorstellungsrunde eingeladen«, erzählt der gebürtige Brandenburger. »Der Gruppenleiter hatte einen Gesprächsleitfaden dabei, aber das war gar nicht nötig – uns verbindet ja das gleiche Schicksal.« Das habe etwas sehr Befreiendes. Alle würden frei von der Leber erzählen. Manchmal sei es traurig, wenn jemand vor lauter Weinen nicht über zwei Sätze hinauskäme, manchmal aber auch lustig, weil jeder schon komische Situationen mit dem dementen Partner erlebt habe.

Normalität und Unbeschwertheit spüren

AWO-Grossenbrode_04Endlich mal wieder Normalität zu spüren und Unbeschwertheit – das ist es, wonach sich alle sehnen, und was sie hier an der Ostsee in Fehmarnsund zumindest zeitweise erleben. Wie an den regelmäßig stattfindenden Tanzabenden. Denn auch wenn fast alles im Kopf ausgelöscht ist – an die Walzer- und Foxtrott-Schritte erinnern sich alle noch. Und dann fühlt es sich wieder an wie früher, als man versunken in den Armen des geliebten Partners über das Parkett schwebte.

Kontakt

Landhaus am Fehmarnsund

Strandstraße 1 · 23775 Großenbrode · Tel. 04367 9970-0
E-Mail: landhaus-am-fehmarnsund@aw-kur.de

Weitere Infos (auch zum Landhaus Fernblick)
unter: www.aw-kur.de

 

Kommentar schreiben