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Das Geheimnis langjähriger Beziehungen

5. April 2019

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Bernd Nickel, systemischer Berater und Paartherapeut

Bernd Nickel arbeitet als systemischer Berater und Paartherapeut in eigener Praxis in Grünstadt in der Pfalz. Das AWO Journal fragt nach dem Geheimnis langjähriger Beziehungen.

Herr Nickel, Sie bieten in Ihrer Praxis Paarberatung speziell für ältere Paare an. Warum?

Ich habe festgestellt, dass viele Menschen auch lange nach der Midlife-Crisis noch einmal eine Krise durchleben. Sie fragen sich, ob das jetzt alles war und stellen das eigene Leben auf den Prüfstand.

Wie wirkt sich das auf Beziehungen aus?

Viele entwickeln in dieser Phase eine neue Lebensphilosophie. Sie wertschätzen, dass sie mit ihrer*m Partner*in vielleicht schon 30 oder 40 Jahre zusammen sind, stellen aber auch fest, dass sie sich fortan mehr Raum lassen wollen, um das Leben im Jetzt zu genießen.

Wie sieht das konkret aus?

Ich habe zum Beispiel ein Paar in meiner Beratung, die mit über 60 Jahren und nach langer Ehe nun ihre Freiheiten ausloten wollen. Sie haben beschlossen, ein Paar zu bleiben und weiterhin unter einem Dach zu leben, aber losgelöst von eingefahrenen Mustern.

Der Eintritt in den Ruhestand markiert oft einen neuen Lebensabschnitt – eine Gefahr für die Ehe?

Wenn ein Partner in den Ruhestand geht, ändert sich das Leben gravierend. Plötzlich sind beide Partner ganztägig zu Hause und man hockt sprichwörtlich aufeinander. Das ist dann wieder eine ganz neue Beziehung und muss neu ausgelotet werden. Langeweile, gefühlte Leere und das ständige Zusammensein bieten jede Menge Konfliktpotenzial.

Was können Paare in dieser Situation tun?

Distanz schafft Nähe. Es geht darum, wieder eigenständiger zu werden. Da ist es wichtig, auch mal etwas ohne die*den Partner*in zu unternehmen. Treffen Sie sich mit Gleichgesinnten, suchen Sie sich ein Hobby oder machen Sie Sport.

Was ist das Geheimnis langjähriger Beziehungen?

Ganz einfach: Partner*innen in langen Beziehungen akzeptieren die Macken der*des anderen.

Das heißt, eine lange Beziehung ist mehr Arbeit als Glück?

Da frage ich zurück: Was ist Glück? Das definiert jeder anders. Glücklich kann man auch alleine sein. Aber die Chemie zwischen zwei Partnern muss natürlich schon stimmen. Und das, was dann kommt, würde ich nicht Arbeit nennen, denn es sollte sich nicht nach Leistung anfühlen. Stattdessen gilt es, Toleranz zu üben und die*den anderen so anzunehmen, wie sie*er ist.

Und wo bleibt die Liebe?

Liebe ist ein großes Wort und hat viele Bedeutungen. Ich stelle meinen Klient*innen oft die Frage: »Warum wollen Sie zusammenbleiben? « Dann antworten 90 Prozent: »Weil wir uns lieben.«

Das ist doch romantisch und lässt hoffen.

Nun ja, im Grunde ist es Nebel in Tüten und heißt erst einmal gar nichts. »Ich liebe dich.« kann heißen »Ich brauche dich.« oder »Ich will etwas von dir.« und noch sehr viel mehr. Am Ende kommt man dann eigentlich immer zu der Frage nach dem Nutzen der Beziehung. Ein ganz trivialer Nutzen ist zum Beispiel, dass man nicht alleine ist und im Notfall Hilfe erwarten kann.

Was hält Paare am Ende zusammen?

Das ist unterschiedlich. Manchmal sind es die Kinder oder es ist – ganz nüchtern – das gemeinsame Vermögen. Und es klingt paradox, aber auch Streit kann ein Faktor sein, der Paare zusammenhält. Denn wer sich streitet, ist dem anderen noch wichtig. Bei den meisten ist es aber die Vertrautheit: Man weiß die*den andere*n einzuschätzen, weiß, was man hat und was nicht. Wenn daraus sogar noch eine Art Zufriedenheit entsteht, stehen die Chancen gut, dass auch eine lange Beziehung weiterhin besteht.

Sollte man sich als älterer Single noch mal auf eine Beziehung einlassen?

Warum nicht? Jede neue Beziehung hat Chancen und Risiken. Es ist immer Abenteuer pur, egal in welchem Alter.

Haben Beziehungen heute eine andere Qualität?

Absolut. Früher gab es viele Vernunftehen, vor allem Frauen waren auch finanziell abhängig von ihren Partnern. Scheidungen waren seltener, nicht zuletzt aus Angst, mittellos dazustehen. Man hat die Zähne zusammengebissen und manches erduldet. Heute wünschen sich Paare dagegen eine Beziehung auf Augenhöhe. Ist das nicht gegeben, lässt man sich eben wieder scheiden.

Spielt da auch mangelnde Verbindlichkeit eine Rolle?

Ja, mittlerweile ist der*die Partner*in Ware geworden. Wer heute Single ist, findet mit Dating-Apps in wenigen Tagen eine*n neue*n Partner*in. Diese Portale gibt es im Übrigen für Menschen jeden Alters, auch für Ältere.

Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Das ist zeitgemäß. Man sollte sich nicht dagegen wehren, sondern lernen, damit umzugehen. Smartphones und Internet gehören heute einfach dazu, auch in unsere Beziehungen. Deshalb ist es aber heute nicht leichter oder schwerer, eine*n Partner*in zu finden, es ist schlichtweg anders.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft zum Schluss?

Hören Sie auf, Dinge zu ändern, die nicht zu ändern sind. Man macht aus einem Adler keinen Pinguin. Wenn Ihr*e Partner*in zum Beispiel gerne auch mal Zeit alleine verbringt, werden Sie das nicht ändern. Es gibt immer nur zwei Möglichkeiten: akzeptieren oder gehen.

Weiterührende Informationen unter www.erlebte-paarberatung.de

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