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Das Rezept der langen Liebe

5. April 2019

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© COMMWORK, Eric Langerbeins


Verliebt, verlobt, verheiratet – und dann? Verwitwet, zerstritten, geschieden oder glücklich bis ans Lebensende? Was hält Beziehungen zusammen? Wir haben sechs Menschen getroffen und mit ihnen über das wichtigste Gefühl der Welt gesprochen: die Liebe! Was ist ihr Geheimrezept für eine lange und glückliche Partnerschaft?

Früh am Morgen um 6:15 Uhr setzen sich Gottfried und Ilse Schreck auf ihre Fahrräder. Der Frühling macht sich langsam bemerkbar. Es ist wieder früher hell. Ihr Ziel ist das Schwimmbad im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Seit 30 Jahren ist es das tägliche Ritual des Ehepaars. »Schwimmen hält fit«, weiß die 83-Jährige. Um 6:45 Uhr sind sie im Wasser und ziehen ihre Bahnen. Alleine gehen sie nicht – nur miteinander. Und das seit rund 60 Jahren. In diesen Jahrzehnten gab es wenige Momente, in denen die beiden getrennt waren.

»Ich habe sie gesehen und es hat gefunkt.«

Vor 47 Jahren lernten sich Wolfgang (64) und Werner (77) Duysen kennen. Ihre Geschichte begann mit einem Geheimnis, einer versteckten Bar und einem Dackel. An einem Sonntag, Ende 1972, trieb es die beiden Männer in ein Lokal in Hamburg – das Klientel war ausgewählt, ein Geheimtipp unter Homosexuellen, die sich im Untergrund treffen mussten. Ein Dackel, der durch das Lokal streunte, blieb zwischen Wolfgang, damals 18, und dem 13 Jahre älteren Werner stehen. Beide wollten den Hund streicheln, ihre Hände berührten sich, sie schauten einander an und kamen so ins Gespräch. Es sollte der Beginn einer langen Liebe werden. »Es war damals nicht leicht, ein schwuler Mann zu sein«, erinnert sich Werner. »Mit Wenigen konnte man offen und ehrlich sprechen. Erst später dann.« Trotz gesellschaftlicher Hindernisse sind sie seit bald 50 Jahren ein Paar. Eine lange Zeit, in der sie sich viel erkämpften und einige Veränderungen miterlebten: Abschaffung des Paragraphen 175, eingetragene Lebenspartnerschaft und Eheöffnung. Sie bekannten sich drei Mal offiziell zu ihrer Liebe. Als erstes auf Hawaii. »Das war an unserem Jahrestag am 26.11.1997«, erzählt Werner stolz. Auch wenn ihre Hochzeit in Deutschland nicht anerkannt wurde, war es doch ein Symbol – für sie und für andere. Im Jahr 2001 folgte die Verpartnerung und am 1. Oktober 2017 die Trauung im Hamburger Rathaus. »Das hatte für uns eine rechtliche Bedeutung und ist auch eine gegenseitige Absicherung«, erläutert Wolfgang. Wie sie es geschafft haben, so lange zusammenzubleiben und zueinander zu stehen, kann Werner genau sagen: »Es braucht gegenseitiges Vertrauen. Man muss miteinander sprechen, aber auch zurückstecken können.« Die beiden Männer lieben das Reisen. Auch in diesem Jahr sind sie viel unterwegs. Im Winter machen sie eine achtwöchige Kreuzfahrt.

»Man kann sich streiten, aber man darf nie abends ins Bett gehen und böse sein! Ein Gute-Nacht-Kuss muss immer sein.«

Die Weite des Meeres kennt auch Horst Brosinsky gut. Als ehemaliger Seefahrer hat er die Welt gesehen. Das Schiff war seine Heimat. Von Hamburg nach Chicago, über Neufundland und Kanada, und das mehrere Male pro Jahr. »Na, ich bin in jungen Jahren viel rumgekommen«, erzählt der 89-Jährige. Ständiges Unterwegssein war für ihn Alltag. Bei einer Sache blieb er aber beständig: seiner Frau. »Wir lernten uns in Hamburg kennen. Ihre Eltern waren meine Vermieter«, erinnert er sich. Das war 1959. Sie verliebten sich und heirateten bald. »Offiziersdamen durften mitfahren. Wir waren sieben Monate gemeinsam auf dem Schiff. Auf engstem Raum, mit einer ausklappbaren Koje. Das schweißt zusammen.« Er lacht. Man sieht, wie schön diese Jahre für ihn gewesen sind. In Zeiten der Trennung schrieben sie einander Briefe, die einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten. Dauerzustand sollte das jedoch nicht werden. Frau Brosinsky nahm ihrem Mann ein Versprechen ab: die Seefahrten zu beenden. Und so blieb er ab 1963 am Festland. Dennoch reiste das Ehepaar in den gemeinsamen Jahren viel. Seine Frau starb 2008 nach 49 Ehejahren, kurz vor ihrer Goldenen Hochzeit. Er schaut gern auf die vergangene Zeit zurück. Sein Rezept für eine lange Beziehung: »Man kann sich streiten, aber man darf nie abends ins Bett gehen und böse sein! Ein Gute- Nacht-Kuss muss immer sein.«

»Man sollte nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Kopf dabei sein.«

»Man sollte nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Kopf dabei sein«, erklärt Christa Schuster, eine Frau, die heute weiß, was sie will. Als junge Frau heiratete sie schnell, wie es für die damalige Zeit üblich war. Über ihre Ehe spricht die 80-Jährige nicht viel. Das Paar bekam zwei Töchter und lebte zusammen in Hamburg. Doch nach zehn Jahren Ehe beschloss sie, die Beziehung zu beenden. »Ich wusste nicht zu 100 Prozent, was ich wollte. Ich wusste aber zu 200 Prozent, was ich nicht wollte.« Als geschiedene Frau mit zwei kleinen Kindern war es nicht immer leicht. In der Gesellschaft stieß sie wegen ihrer Entscheidung nicht selten auf Unverständnis. »Ich weiß noch, wie skeptisch die Nachbarinnen waren. Da kommt eine Geschiedene. « Liebe spielt in ihrem Leben eine wichtige Rolle und sie ist bereit, diese auch mehreren Menschen zu schenken. Sie ist eine Philanthropin, hat 31 Jahre lang ehrenamtlich mit körperlich und geistig behinderten Menschen gearbeitet und führt enge und beständige Freundschaften in jedem Alter. Auch Männerbeziehungen pflegte sie, aber keine führte mehr zu einer Ehe. »Ein Mann muss lachen können. Ich mag keine Engstirnigkeit, und Geiz ist für mich furchtbar. Man sollte für sich kompromisslos sein und wissen, was für einen selbst wichtig ist.«

»Wenn sie wiederkommt, freue ich mich auf sie wie am ersten Tag.«

Für Gottfried und Ilse Schreck ist es das Wichtigste, die Zeit miteinander zu genießen. Fast ihr ganzes Leben haben die beiden miteinander verbracht. Es war 1958, als Gottfried Schreck auf der Suche nach einer neuen Anstellung war. Als gelernter Konditormeister war er viel herumgekommen und hatte in Städten wie Amsterdam und Stockholm gelernt und gearbeitet. In Hamburg verschlug es ihn – war es Zufall oder Schicksal? – in die Konditorei Christiansen, den Familienbetrieb von Ilse Schreck. »Ich habe sie gesehen und es hat gefunkt«, erinnert er sich und seine Frau nickt ihm lächelnd zu. Es war klar, dass Herr Schreck in der Konditorei anfangen musste. Und so geschah es. 1960 heirateten sie dann und verbrachten fortan jede freie Minute miteinander – bei der Arbeit und in der Freizeit. »Wir haben Erfolge und Misserfolge geteilt«, betont Ilse Schreck. Darin sehen die beiden auch den Grund für ihre lange Liebe: Das Teilen gemeinsamer Erlebnisse und Hobbys, der Respekt voreinander und die Zeit zusammen sind wichtig und erhalten die Liebe. »Meine Frau geht zweimal die Woche für ein paar Stunden alleine ins Fitnessstudio. Nicht lange. Aber wenn sie wiederkommt, freue ich mich auf sie wie am ersten Tag.« Nächstes Jahr feiern sie Diamanthochzeit.

Eine lange Liebe wie die der Schrecks ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Der Trend zur späten Scheidung nimmt seit Jahren zu. Unmöglich ist es aber nicht. Paartherapeut Bernd Nickel kennt die Probleme und Gründe sowie Lösungsansätze. Lesen Sie mehr dazu in dem Interview mit Bernd Nickel.

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