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Dehnübungen beim Kartoffelschälen

15. Februar 2012

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Boden, Bank und Barren – die meisten verbinden diese Sportgeräte automatisch mit jungen und äußerst biegsamen Hallenturnern, die akrobatische Übungen wie Saltos, Handstände oder Pirouetten während des Trainings oder auf Wettkämpfen zum Besten geben. Nicht so die Freundinnen Roswitha Wahl (75) und Renate Recknagel (70) – Deutschlands älteste Synchronturnerinnen zeigen, dass derlei Übungen auch für aktive Menschen über 70 überhaupt kein Problem sind.

„Für Sport ist es nie zu spät.“ Davon sind die rüstigen Rentnerinnen absolut überzeugt. Und sie selbst sind dafür der beste Beweis. Zwar turnen die beiden Bremerinnen schon seit ihrer frühesten Kindheit, jedoch zwangen sie Beruf und Familie über viele Jahre hinweg zu einer langen Pause im aktiven Sport. Ihrem Turnverein „Bremen 1860“ sind sie trotz allem die ganze Zeit über, auch als Jugendleiterinnen, treu geblieben. Als Renate Recknagel mit bereits 50 Jahren ihrer Freundin zeigt, dass sie immer noch Spagat kann, fühlt sich Roswitha Wahl sofort in ihrem Ehrgeiz gepackt und beginnt zu üben. Von da an trafen sich die zwei regelmäßig zum Trainieren und eroberten langsam aber sicher ihre Fitness von damals zurück.

Eine Einladung zu einem großen Turnfest in München 2005 brachte so richtig Schwung in die sportliche Karriere der Freundinnen.

Eigentlich hatten sie sich nicht viel davon versprochen. Sie wollten lediglich dabei sein. Also reisten sie mit gepackten Turntaschen in den Süden Deutschlands – und belegten den ersten Platz. Von da an starteten die Synchronturnerinnen vollends durch. Sie studierten ihre eigens entwickelten Choreografien am Barren oder auf der Bank ein und turnten sich so in die Herzen zahlreicher Jurymitglieder der Deutschen Turnmeisterschaften. Insgesamt holten Roswitha Wahl und Renate Recknagel seither elf Meistertitel im Geräte-Vierkampf.

Kein Wunder also, dass sich der Bekanntheitsgrad von Deutschlands ältesten Synchronturnerinnen auch außerhalb der heiligen „Turn“-Hallen schnell erhöhte. Nur zwei Jahre nach dem legendären Sieg beim Münchener Turnfest wurden sie über Nacht bundesweit berühmt. Mit einer Kür an der Bank traten sie im TV-Sendeformat „Das Supertalent“ auf und brachten vor allem Juror Dieter Bohlen zum Staunen. Schließlich gehörten sie zu den zehn Finalisten der TV-Show.

Inzwischen sind sie immer wieder gern gesehene Gäste in Deutschlands Talk- und Unterhaltungsshows.

Eine Frage, die Roswitha Wahl und Renate Recknagel jedes Mal gestellt wird, liegt auf der Hand: „Wie schaffen Sie es, in ihrem Alter noch so fit zu sein.“ Die Antwort der zwei Freundinnen bringt es auf den Punkt. Denn ihrer Meinung nach, ist fast alles machbar, wenn man es nur will. Natürlich gehört neben allem Spaß an der Sache auch ein bisschen Disziplin dazu. Deswegen bauen die zwei in ihren ganz normalen Alltag kleine Übungen ein, die sie stets beweglich halten. Schon morgens vor dem Aufstehen wird erst einmal eine Runde „Luftrad“ im Bett gefahren. Und selbst beim Kartoffelschälen in der Küche werden die Beine abwechselnd gedehnt, indem sie sie einfach auf der Arbeitsfläche ablegen.

Immer wieder betonen die Synchronturnerinnen, dass das Alter beim Sport komplett irrelevant ist. Eine Beobachtung, die sie auch in den Gymnastikkursen für Senioren machen, die sie in ihrem Bremer Turnverein regelmäßig geben. Viele ihrer Kursteilnehmer wachsen wie sie selbst an den sportlichen Herausforderungen. Heute können sie alle oft Dinge, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären. Da wundert es nicht, dass der Spagat für Roswitha Wahl und Renate Recknagel eine der leichtesten Übungen ist.

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