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Demenz: Chaos im Kopf

4. September 2012

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Rund 1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Demenz. Im Jahr 2050 sollen es  doppelt so viele sein. Wie fühlt es sich an, wenn vertraute Menschen und Orte plötzlich so  fremd sind?

Das fragte sich die AWO Fachberaterin Birgit Mai und brachte die Ängste und  Orientierungslosigkeit von Betroffenen zu Papier.

Als sich Rudi Assauer Anfang des Jahres öffentlich zu seinem fortschreitenden Gedächtnisverlust bekannte, ging ein Ruck durch die Republik. Wenn es einen wie den legendären Schalker Manager trifft, kann es jeden erwischen – so schien die einhellige Meinung. Eine, die über die massive Medienberichterstattung nicht erfreut war, ist Birgit Mai.

»Das hat doch die Panik der Leute nur noch erhöht«

findet die Fachberaterin für Demenz, die bei der AWO Mainz in erster Linie Ansprechperson für Mitarbeiter und Angehörige von Betroffenen ist. Die Unsicherheit sei ohnehin schon sehr groß. Fast täglich erlebe sie verzweifelte Frauen und Männer, die nicht wissen, wie sie mit dem demenzerkrankten Familienmitglied umgehen sollen.

»Mir ging es nicht anders, als ich 2001 erstmals durch meinen Berufswechsel in die Pflege mit der Krankheit konfrontiert wurde«, so Birgit Mai. »Ich stieß ganz schnell an meine Grenzen und fand es unverständlich, warum diese Menschen auch nach dem hundertsten Mal nicht die Toilette finden.«

Die Krankheit überhaupt erst zu erkennen und einzuordnen sei manchmal schwierig und nur mit viel Praxiserfahrung möglich. Die hat die 53-Jährige gesammelt und schult nun selbst Mitarbeiter im richtigen Umgang mit Betroffenen; denn da kann eine ganze Menge falsch gemacht werden.

»Wichtig ist, das Umfeld so zu gestalten, dass sich der Erkrankte wohlfühlt. Und: Er soll sich fallen lassen dürfen.«

Um den Beschäftigten in Seniorenzentren das Thema Demenz zu veranschaulichen, hat sich Birigt Mai in eine Betroffene hineinversetzt und einen fiktiven Tag sehr anschaulich vom Frühstück bis zum Abendessen beschrieben. Das AWO Journal veröffentlicht hier die gekürzte Fassung:

Ein ganz normaler Tag …

Ich werde wach und frage mich, wo ich bin. Die Möbel kenne ich nicht, und dennoch ist mir dieses Zimmer vertraut. Ich lasse meine Blicke schweifen. Da ist mein Hochzeitsfoto – ach, war das ein schöner Tag. Wo ist eigentlich mein Mann? Ich glaube, er ist nicht mehr da. Traurigkeit steigt in mir hoch. Meine Blicke schweifen weiter … und Glück wechselt mit Traurigkeit. Ich schaue auf das Foto meines Sohnes. Wie stolz ich auf ihn bin. Er ist ein guter Junge.

Eine junge Frau betritt das Zimmer und wünscht mir freundlich »Guten Morgen«. Sie kommt mir bekannt vor, ich kenne jedoch ihren Namen nicht. Früher hatte ich ein sehr gutes Namensgedächtnis und sprach alle Stammkunden in meiner Bäckerei mit Namen an. Heute ist alles anders. Die junge Frau erinnert mich daran, dass es Zeit wird aufzustehen. Ich setze mich auf die Bettkante und weiß schon nicht mehr, wie es weitergeht. Ich schau die junge Frau hilflos an. Sie begleitet mich ins Bad. Ich wusste nicht mal, dass hinter dieser Tür ein Badezimmer ist. Was ist nur mit mir los? Mich macht diese Vergesslichkeit zornig und gereizt. Die junge Frau sagt mir, was ich tun soll. Als ob ich das nicht selbst wüsste. Da kommt so ein junges Ding und will mir erzählen, dass ich mich waschen soll. Ich komme mir bevormundet vor und zische ihr zu: »Das weiß ich selbst!«

Wo ist denn die Seife? Die junge Frau reicht mir eine Flasche und drückt oben auf ein Hähnchen, und da kommt Flüssigkeit heraus. Früher sah meine Seife anders aus. Der moderne Kram macht mich ganz kirre. Irgendwann ist die Morgentoilette erledigt und ich bin angezogen. Jetzt bin ich völlig geschafft. Die junge Frau sagt, ich soll in die Wohnküche gehen. Ich gehe aus der Tür des Zimmers und stehe auf einem langen Flur. Viele Türen. Ich öffne eine davon und schau hinein. Da schreit mich ein alter Mann an. »Raus!«, ruft er, und hebt dabei seinen Stock. Nix wie weg – nach Hause. Hier fühle ich mich bedroht.

Eine etwas ältere Frau kommt auf mich zu, hakt sich unter und spricht mich mit Namen an. Sie kennt mich. Endlich mal jemand, der mich kennt. Sie begleitet mich in einen Raum, wo schon andere sitzen. Ich bekomme einen Platz zugewiesen und mir werden duftende Brötchen und Kaffee hingestellt. Kaffee tut jetzt gut. Ich mache mir Sorgen, als ich feststelle, dass ich meine Handtasche mit der Geldbörse nicht dabeihabe.

Ich kann nicht bezahlen. Was mach ich nur? Ich stehe auf, aber bevor ich den Raum verlassen kann, ruft eine Dame mir zu, ich solle mich wieder auf meinen Platz setzen und frühstücken. Na, wenn die es sagt … Ich frühstücke. Wie gut das war.

Ich würde jetzt gerne noch etwas schlafen. Ich muss mein Bett suchen und verlasse den Raum. Wieder die vielen Türen und kein Ausgang. Ich komme mir vor wie in einem Irrgarten. Angst macht sich breit, mir geht die Luft aus, und ich habe immer noch keine Lösung für mein Problem gefunden. Ich rufe laut »Hallo, kann mir jemand helfen?« Immer wieder.

Endlich kommt jemand. Der junge Mann er-scheint mir wie mein Retter in der Not, und das sage ich ihm auch. Er freut sich und hakt sich bei mir unter. Ich bitte ihn, mich nach Hause zu bringen. Er schüttelt bedauernd den Kopf und sagt: »Leider muss ich noch etwas arbeiten. Aber später sehen wir mal, was wir für Sie tun können.« Das verstehe ich. Pflichtbewusstsein ist wichtig. Er lädt mich ein, an der Gymnastikrunde teilzunehmen, und ich wäre dumm, wenn ich ihn aus den Augen verlieren würde. Es macht Spaß, den Luftballon hin- und herzuschubsen. Das bringt viele Erinnerungen. Ich sehe mich als Kind mit einem Luftballon spielen. Luftballons waren sehr rare Artikel in meiner Kinderzeit. Ich muss lachen. Denn plötzlich platzt der Ballon und einige der Anwesenden kreischen laut. Ein neuer Ballon wird aufgepustet. Jetzt fällt mir mein Sohn ein. Auch er hatte viel Freude am Spiel mit Luftballons. Ich frage den jungen Mann, ob er weiß, wo mein Sohn ist. Er antwortet, dass mein Sohn sicher arbeitet, so fleißig, wie er ist, und so gut, wie ich ihn erzogen habe. Das freut mich und ich bin beruhigt. Ich bin stolz auf meinen Sohn. Ich stehe auf und will gehen. Der junge Mann bittet mich noch zu bleiben. Ich würde ihm den Gefallen gerne tun … wenn ich nicht dringend zur Toilette müsste. Aber ich sag ihm das nicht, ich trau mich nicht – er ist doch ein Mann. Also bin ich wieder auf der Suche … Und wieder nichts als Türen. Langsam bekomme ich Schweißperlen auf der Stirn. Und dann ist es passiert. Ich fange an zu weinen. Was ist aus mir geworden?

Ich will nach Hause. Nach Hause, wo ich mein Bett finde, wo mir der Weg zur Toilette vertraut ist, wo mein Sohn mich findet und mich die Nachbarin besucht … Die Tränen laufen unaufhaltsam. Eine Frau kommt auf mich zu, versucht mich zu trösten.Sie schaut an mir herunter und mir wird ganz heiß. Jetzt fliegt`s auf … Ich erkläre ihr, dass ich mich in irgendwas Nasses gesetzt haben muss, und tue völlig unbeteiligt. Sie erzählt mir, dass sie sich auch schon auf eine nasse Bank gesetzt habe, und wie unangenehm das war. Dann lädt sie mich zum Mittagessen ein und bringt mich zu einem Tisch.

Zurück in meinem Zimmer, schlafe ich ein und träume von vergangenen glücklichen Zeiten … Als ich wach werde, habe ich keine Ahnung, wie spät es ist. Ich fühle mich zeitlos, haltlos, ziellos, mutlos und verzweifelt. Ich bekomme vieles in meinem Kopf nicht mehr geordnet – ganz gleich, wie sehr ich mich bemühe. Plötzlich streichelt mir jemand sanft über den Rücken. Ich drehe mich um und schaue in das Gesicht eines stattlichen Mannes, der mir seltsam vertraut vorkommt. Er begrüßt mich mit den Worten: »Hallo Mutter« – es ist mein Sohn. Glückseeligkeit erfüllt mein Herz. Jetzt ist alles gut. Obwohl ich ein klein wenig irritiert bin. Ich hatte ihn ganz anders in Erinnerung. Er ist erwachsen geworden, und ich habe es nicht bemerkt. Wie seltsam. Aber in seiner Nähe fühle ich mich geborgen. Wir gehen spazieren. Ich freue mich über die Blumen und die Sonne. Er erzählt mir von Menschen, die ich kennen sollte, aber von denen ich nichts mehr weiß. Trotzdem tue ich so, als ob ich bestens Bescheid weiß. Er soll sich keine Sorgen machen.

Er bringt mich zurück in den Raum mit den anderen Menschen. Ich flehe ihn an, mich mit nach Hause zu nehmen, klammere mich an ihn. Auch er sagt mir, dass ich jetzt hier wohne. Ich lasse resigniert die Arme hängen. Ich sehe Traurigkeit und Schmerz in seinen Augen. Er verabschiedet sich und geht. Geschirr klappert, und ich werde gefragt, ob ich helfe, die Tische einzudecken. Ich lege Servietten auf jeden Platz. Das macht mir Freude. Früher hatte ich oft Gäste und alle haben sich bei mir wohlgefühlt. Ich war eine gute Gastgeberin, eine fleißige Hausfrau und eine gute Mutter. Wo ist mein Sohn? Warum kommt er nicht? Ich hab ihn doch so lange nicht gesehen. Ich frage die Schwester nach ihm. Sie sagt, er sei doch heute hier gewesen. Und wieso hat er sich bei mir nicht gemeldet? Wieso ist er gegangen, ohne mich zu besuchen?

Nach dem Abendessen weiß ich mal wieder nicht, wie es weitergeht. Ich frage die Schwester. Sie fragt, ob ich in mein Bett möchte. Ich habe hier ein Bett? Die Schwester bringt mich in ein Zimmer, von dem sie sagt, es sei meines. Die Möbel kenne ich nicht, und dennoch ist mir dieses Zimmer vertraut. Ich lasse meine Blicke schweifen. Da ist mein Hochzeitsfoto – ach war das ein schöner Tag. Wo ist eigentlich mein Mann? Ich glaube er ist nicht mehr da. Traurigkeit steigt in mir hoch. Meine Blicke schweifen weiter … und Glück wechselt mit dem Gefühl der Traurigkeit. Ich schaue auf das Foto meines Sohnes. Wie stolz ich auf ihn bin. Er ist ein guter Junge …

Der Tag von Menschen mit Demenz ist voller Hindernisse.

Die Gefühlslage wechselt ständig, aber es ist nie nur schlimm. Erinnerungen kommen und gehen, und man kann durch umsichtiges und einfühlsames Handeln manche schwierigen Situationen durchaus positiv gestalten. Die Zusammenarbeit mit den Angehörigen und gemeinsames Handeln zum Wohle des Betroffenen ist unabdingbar.

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