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(Überlebens-)Kämpfer

9. November 2012

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Sie sind geprägt vom größten Krieg des 20. Jahrhunderts.  Sie litten, schwiegen – und sie verdrängten. Aus dem  Trauma wurde ein Tabu. Doch wie gegenwärtig die Vergangenheit der heute  75- bis über 90-Jährigen noch immer ist, zeigen die Begegnungen mit Bewohnern  in den Seniorenzentren von Oberbayern. Lesen Sie erstaunlich offene Gespräche über Nazi-Deutschland, Leid, Gefangenschaft – und auch  über die (manchmal gescheiterte) Liebe.

Wenn Karl-Heinz Tappert an seine frühe Kindheit denkt, fallen ihm als erstes die Geburtstage ein. Nicht etwa die eigenen, sondern die des Führers. Jedes Jahr am 20. April putzten sich alle heraus. Die elterliche Wohnung in Pommern erstrahlte in festlichem Glanz, mit Fahnen an den Fenstern und dem Reichskanzler-Konterfei an der Wand. »Mein Vater war ein strammer Nazi. Er übte mit mir den Hitlergruß, noch bevor ich in den Kindergarten kam«, erinnert sich der 74-Jährige aus dem oberbayerischen AWO Seniorenzentrum Markt Schwaben. Auch einen anderen Tag wird er niemals vergessen: Drei Monate vor seiner Einschulung, im Februar 1945, standen die Russen vor der Tür – und warfen die Familie raus. Karl-Heinz, seine Mutter und Geschwister schlossen sich per pedes und Handkarren mit wenigen Habseligkeiten dem großen Bauerntreck über die Neiße nach Westen an. Ihre Begleiter: Hunger, Kälte und das Rattern der Tiefflieger.

»Immer wieder erfroren Leute in den Löchern, die die abgeworfenen Bomben ins Eis schlugen.«

Ein Charmeur und Schöngeist: Karl-Heinz Tappert

Nach schier nicht enden wollenden Wochen erreichten sie endlich Düsseldorf, wo die Großeltern lebten. Doch der Kampf ging weiter.

»Für meine Mutter war es besonders schlimm: Ihr Mann galt als vermisst und sie musste ohne finanzielle Unterstützung zusehen, wie sie uns über die Runden bringt.«

Im Alter von elf erfuhr der Schüler Karl-Heinz Tappert, dass sein Vater in der Hohen Tantra bei einem Gefecht ums Leben gekommen war. Genaueres wollte man ihm nicht sagen.

»Erst später wurde mir klar, dass Vater von der Reichspropaganda verführt worden war.«

Sein Mitbewohner Anton Scherer wuchs in einem Dorf bei Garmisch Partenkirchen auf und war damals schon alt genug, um zu ahnen, was in Hitler-Deutschland vor sich ging – auch wenn die Zeitungslektüre im Elternhaus verboten war. Mit 15, München richtete gerade die Winterspiele aus, las er zum ersten Mal in den Geschäften die Schilder, die Juden als unerwünscht diffamierten. »Aber wir kauften unsere Schuhe bei einem Juden«, sagt der 91-Jährige und macht eine Pause. Er kennt den unausgesprochenen Vorwurf, dem er qua Geburtsjahrgang ausgesetzt ist. Dann fährt er fort: »Eines Tages kam der Schuhverkäufer zu uns nach Hause und bot meiner Tante das Geschäft an. Er verließ das Land, und meine Tante übernahm den Laden.« 1940 wurde Anton, der eigentlich nach Kanada auswandern wollte, eingezogen. Er nahm am Russland-Feldzug teil, war in Finnland und Norwegen und leitete als Geschützführer das Feuer. Nie Angst gehabt? »Die muss man ablegen, sonst hat man keine Chance.«

Anton Scherer

Hart wie die Helme, die sie als junge Soldaten trugen, geben sich die meisten Männer bis heute. Wenn die Rede von Kriegsverletzungen ist, wird nicht über den Schmerz lamentiert, sondern es werden höchstens die Verwundungen aufgelistet. In der Nüchternheit eines Arztes hat beispielsweise Johann Summer aus dem AWO Haus Fürstenfeldbruck seine Verletzungen in einer Art Krankenakte notiert: Unterarm Streifschuss, Brust-Durchschuss, durch Granatenexplosion Zertrümmerung des Fußes, Splitterverletzungen in den Beinen und im Rücken. Psychische Probleme? Dafür war keine Zeit, als es ums nackte Überleben ging. Und wer es geschafft hatte, wollte später über den Horror nicht mehr reden. Aus Selbstschutz. Zu schlimm waren die Erlebnisse, um sie – und sei es nur mit Worten – zu wiederholen. Der Historiker Hans-Peter Schwarz, aktueller Kohl-Biograf, beschreibt es so:

»Die meisten dieser Kinder haben in jenen Jahren mehr erlebt als die später Geborenen in einem ganzen Leben: Die tägliche Sorge um die Angehörigen bei der Wehrmacht, Entsetzen über die Todesanzeigen, Wellen von Angst in den Luftschutzkellern und Hochbunkern, Hass auf die Feinde und zunehmenden Zynismus gegenüber dem NS-Regime.«

Johann Summer

Letzteren empfand Frank Tuijtjens von Anfang an. Als gebürtiger Holländer hatte er eine andere Perspektive. Mit neun in Rotterdam gerade aufs Gymnasium gekommen, stand er mit seinem Vater im Garten, als plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm losging. »Junge, wir sind im Krieg«, so der väterliche Kommentar. »Anfangs war ich nur überrascht und neugierig, doch im Laufe der Zeit wuchs die Wut auf die Deutschen«, so Herr Tuijtjens. Er erlebte, wie mehr als ein Dutzend unbeteiligter Zivilisten mitten auf der Straße von der Wehrmacht erschossen wurde – als Repressalie für einen getöteten deutschen Soldaten. »Aber darüber rede ich nicht gern, denn das führt nur wieder zu gegenseitigen Beschuldigungen«, so der 81-Jährige, und fügt hinzu:

»Außerdem haben wir Holländer nicht viel aus den Jahren 1939-45 gelernt, denn gleich im Anschluss führten wir einen Kolonialkrieg gegen die Indonesier.«

Frank Tuijtjens

Die Kapitulation nahmen die meisten Deutschen mit Erleichterung auf – doch die Zeit des Leidens nahm noch lange kein Ende. Es sollte Jahre dauern, bis sich so etwas wie Alltag einstellte. Über elf Millionen Männer waren in Kriegsgefan- genschaft; die letzte große Heimkehr aus der Sowjetunion fand erst 1955 statt. Was sie durchgemacht haben, kann keiner nachvollziehen, der es nicht am eigenen Leib erlebt hat. Wie AWO Bewohner Herbert Borawski aus dem Münchner Wilhelm-Hoegner-Haus. Er beschreibt die Zeit, stellvertretend für viele seiner Altersgenossen:

»Ich geriet in Estland in russische Gefangenschaft und kam ins Lager nach Kohtla-Järve. Von dort ging es mit dem Zug nach Segescha am ›weißen Meer‹, eine am Polarkreis gelegene, menschenfeindliche Gegend mit eiskalten langen Wintern und kurzen heißen Sommern. Die Fahrt im mit über 50 Soldaten vollgestopften Waggon dauerte elf Tage und Nächte. An Flucht war die gesamten fünf Jahre über nicht zu denken. Denn auf jeden Geflohenen wurde eine Kopfprämie ausgesetzt, und in der Not wurden viele zu Verrätern. Im Lager angekommen, litten die Menschen unter den katastrophalen hygienischen Bedingungen – ein Nährboden für schwere Erkrankungen, denen die ausgehungerten Männer wenig entgegenzusetzen hatten. Dazu kam die dürftige Kleidung, die extreme Kälte, Ungeziefer wie Wanzen und Flöhe und auch die Unterernährung mit all ihren Mangelerscheinungen. Jedem Gefangenen stand am Tag 200 Gramm Brot zu, mit Sägespänen versetzt und gekocht, nicht gebacken. Somit enthielt es viel Feuchtigkeit, die das Gewicht nach oben trieb, doch der Nährwert blieb bescheiden. Dennoch waren Misstrauen und Bespitzelung für ein Stück Brot an der Tagesordnung, denn alle litten Hunger. Viele Gefangene überlebten diese Strapazen nicht.«

Männer wie Herbert Borawski wollten nach all dem Elend nur noch eines: anfangen zu leben. Nicht nach den Sternen greifen, sondern in der Normalität das Glück finden: arbeiten, heiraten, Kinder bekommen. Genau das tat Anton Scherer. Zuerst half er im landwirtschaftlichen Zuchtbetrieb seiner Eltern, dann bekam der leidenschaftliche Autofahrer einen Job in einer von Amerikanern betriebenen Werkstatt. 1949 heiratete Herr Scherer und wurde Vater. Doch die Ehe hielt nur vier Jahre. »Ich hatte bei der Brautschau leider falsch gelegen«, sagt er beim Gespräch auf der Gartenbank im AWO Seniorenzentrum Markt Schwaben. »Meine damalige Frau ging in die Schweiz und ich blieb mit unserem Sohn zurück.« Ein alleinerziehender Vater war damals in Bayern so selten wie eine Frau im Schützenverein. Er nahm die Herausforderung an und lernte bei seinem späteren Arbeitgeber, dem Bayern-Express, seine zweite Frau kennen. 1962 wurde er wieder Vater eines Sohnes, sechs Jahre später war er wieder alleinerziehend – diesmal durch den frühen Tod der Gattin.

Mehr Glück in der Liebe hatte Peter Dopfer aus Feldkirchen-Westerham, der über ein halbes Jahrhundert an der Seite »meines Mädchens« bleiben durfte. »Gertrud und ich waren ein Herz und eine Seele«, so der gebürtige Allgäuer, der mit neun Brüdern und einer Schwester aufgewachsen ist. Heute gibt dem Witwer in einsamen Momenten die Musik und das Spiel auf seiner Posaune Kraft.

Peter Dopfer

Ein wahres Kraftpaket ist noch immer Frank Tuijtjens. Jeden Tag strampelt der Bewohner vom AWO Haus Egenhofen auf dem Standfahrrad in seinem Zimmer. »Und damit auch mein Gehirn fit bleibt, gehe ich regelmäßig Staaten durch, zum Beispiel in Afrika, inklusive der Hauptstädte.«  Es gibt kaum ein Land, in dem der einstige Pilot, der ab 1959 für die Flugzeugwerke Dornier neue Modelle testete, nicht schon selbst gewesen ist. »Die Fliegerei hat mich von jeher fasziniert«, sagt er.

»Ich war drei und hörte im Radio, dass KLM mit einem Transportflugzeug am schnellsten von London nach Melbourne flog. Wie alle Holländer platzte ich fast vor Stolz über diesen Weltrekord.«

Später flog er selbst einen und raste mit einer zweimotorigen Maschine auf maximaler Höhe durch die Lüfte. Viele Schwarz-Weiß-Fotos erinnern an diese Glanzzeiten, in denen Frank Tuijtjens in seinem hellen Overall so kernig-glamourös aussieht wie eine Mischung aus Gunter Sachs und Jean-Paul Belmondo. Auch an ihn wieder die Frage, ob er nie Angst hatte. Schließlich war er zweifacher junger Vater, testete Düsenjets und Starfighter, war als Spionagepilot im Einsatz und flog sogar den ugandischen Diktator Idi Amin. – Angst? Vielleicht. Aber die Männer seiner Generation halten solche Gefühle lieber unter Verschluss.

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