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Freunde im Alter

21. November 2011

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Oh, jetzt muss ich denken«, murmelt Erna Peter und beugt sich noch näher zum Schachbrett. »Wo steht denn der Läufer?« – »Hier«, ruft ihr Günther Brendel zu, »auf verlorenem Posten!« – Von wegen! Mit solchen Sprüchen kann man die 99-Jährige nicht aus dem Konzept bringen. Nach kurzem Grübeln zieht sie fix ihre Dame nach links. »Frau Peter, machen Sie keinen Ärger – was soll ich denn nun tun?« – »Ich würde sagen: aufgeben!« Die beiden kämpfen mit harten Bandagen gegeneinander, versuchen den jeweils anderen bei jedem Zug auszutricksen.

Doch am Ende der Partie reichen sie sich, ob als Gewinner oder Verlierer, stets die Hände – und das seit über 45 Jahren.

Kennengelernt haben sich die beiden Bielefelder im Schachclub Brackwede, wo sie jeden Donnerstag gegeneinander antraten. Irgendwann konnte sich Frau Peter kaum noch fortbewegen, Gehör und Sehkraft ließen nach – nicht aber die Lust am Rochieren. Also kam Herr Brendel mit dem Schachbrett unterm Arm ab sofort zu ihr nach Hause. Der Donnerstagnachmittag ist beiden heilig, auch nachdem Erna Peter – inzwischen im Rollstuhl sitzend – 2009 ins AWO Seniorenzentrum »Rosenhöhe« zog. Jetzt spielen sie auf ihrem Zimmer oder bei schönem Wetter draußen. »Mich hält das geistig fit«, sagt die Seniorin, die in diesem Juli ihren hundertsten Geburtstag feiert – natürlich nicht ohne Herrn Brendel, den sie noch immer siezt. »Wir waren schon ein paar Mal beim Du«, erzählt der 77-Jährige, »aber meine Hochachtung ihr gegenüber bringt mich immer wieder zurück zum Sie.« Besonders imponierte dem einstigen Kaufmann, dass seine Schachpartnerin einmal auf einer Schiffsreise vom russischen Kapitän herausgefordert wurde und ihn schachmatt setzte.

Als eine »Gemeinschaft des Geistes«, bezeichnete einst der deutsche Philosoph Ferdinand Tönnies die Freundschaft. Diese Definition trifft sicherlich auch auf die fast ein halbes Jahrhundert währende Verbindung zwischen Erna Peter und Günther Brendel zu. Nie spielte der große Altersunterschied eine Rolle – es war und ist gegenseitiger Respekt und die gemeinsame Lust am logischen Denken.

Freunde zu haben, mit ihnen Gedanken, Freud und Leid zu teilen, ist wichtig fürs Wohlbefinden, und zwar vom Kleinkind- bis zum Greisenalter. Ohne soziale Kontakte besteht gerade bei älteren Menschen die Gefahr der Vereinsamung. Sie befinden sich nicht mehr im Berufsleben und haben oft ihren Partner bereits verloren. Aber wer nicht das Glück langjähriger Freundschaften hat, sollte sich auf keinen Fall in sein Schneckenhaus zurückziehen. Es ist nie zu spät für neue Bekanntschaften! Auch mit 80 plus finden sich Gleichgesinnte, mit denen man gern etwas unternimmt, sich austauscht oder auch unterstützt.

Irmtraut Nehrkorn, die in einer Seniorenwohnung des AWO Seniorenzentrums »Prof. Rainer Fetscher« in Dresden lebt, ist sogar der Meinung, dass man »als alte Schachtel aufgeschlossener ist als früher und man allein durch seine Vergangenheit zahlreiche Anknüpfungspunkte hat«. Allerdings mag das an der gemeinsamen Biografie als DDR-Bürger liegen.

»Uns blieb doch gar nichts anderes übrig als zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu helfen«, so Freundin und Mitbewohnerin Käte Owoc.

»Wenn ich zum Beispiel als kinderlose Frau drei Bananen zugeteilt bekam, war es für mich selbstverständlich, sie an Familien weiterzugeben.« Heute ist die 84-Jährige froh, jemanden wie Irmtraut an ihrer Seite zu haben. Die beiden Frauen passen aufeinander auf, helfen sich in den Mantel ebenso wie beim Vorlesen der Speisekarte. Sie unternehmen Tagesfahrten, machen einmal im Jahr eine Gruppenreise im Kleinbus, treffen sich mittags zu einer Tasse Kaffee und abends auf ein Gläschen Wein oder Rotkäppchen-Sekt. Dann schauen sie sich gern Fotos aus alten Tagen an, als sie noch mit ihren inzwischen verstorbenen Männern gemeinsam feierten. Heute ist ihre größte Angst, auch die beste Freundin zu verlieren.

Das ist vor zwei Monaten Gabriele Schönberg aus dem Dresdner AWO Senioren- und Pflegeheim »Albert Schweitzer« passiert. »Käte Meyer und ich kannten uns seit der 8. Klasse«, erzählt die 91-Jährige. »Sie wurde Werbemalerin, ich Journalistin. Als sie vor drei Jahren hier ein Zimmer bezog, war die Freude beiderseits groß.« Doch Käte ging es zunehmend schlechter, erkannte bald nicht mehr ihre Freundin, die bis zum Schluss am Krankenbett bei ihr blieb.

»Ich glaube, sie hat meine Nähe gespürt, unsere Freundschaft ist friedlich zu Ende gegangen.«

Freunde, das ist inzwischen wissenschaftlich belegt, schenken Lebenszeit. So konnte jüngst eine Studie der australischen Flinders Universität nachweisen, dass häufige Treffen, intensive Unterhaltungen und ein ehrlicher Umgang mit Freunden die Lebenserwartung um bis zu 22 Prozent erhöhen. Noch konkreter formulierten es Forscher aus den USA: Einsamkeit sei genauso schädlich wie der Konsum von 15 Zigaretten am Tag! Damit alte, alleinstehende Menschen nicht vereinsamen, baut die AWO Hamburg derzeit spezielle Netzwerke auf. Stadtteilkoordinatoren sollen als »Lotsen« unterstützen und Kontakt zu den betroffenen Personen aufnehmen. »Aktion Augen auf! Mehr Aufmerksamkeit für ein Altern in Würde«, lautet die aktuelle Kampagne.

ine Freundschaft ist wie ein Baum, beginnt ein von jeher beliebter Eintrag im Poesiealbum. Und weiter: »Es zählt nicht, wie hoch er ist, sondern wie tief seine Wurzeln reichen.« Bei Lilli Sturmhöfel und Urula Bornmann aus Leipzig reichen sie bis ins Jahr 1941. Damals lernten sie sich bei der Reichsbahn kennen: Die eine saß hinterm Schal-
ter, die andere arbeitete beim »Ausgleichsamt« für fehlende und überzählige Sendungen. Der Kontakt verlor sich etwas, als beide heirateten, und wurde aufgefrischt, als sich die Frauen zufällig beim Friseur wieder begegneten.

Später gingen die Witwen viel auf Reisen. »Wir sind beide Widder, verstehen und ergänzen uns wunderbar«, sagt die 89-jährige Ursula Bornmann. »Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß und fühle mich an Lillis Seite sicherer. Umgekehrt kann ich Lilli, die etwas schwerhörig ist, bei der Unterhaltung in Gesellschaft helfen.« 2008 zogen die Freundinnen gemeinsam ins AWO Seniorenzentrum »Clara Zetkin« ein. Und seitdem vergeht kein Morgen, an dem sie nicht erst miteinander telefonieren und sich nach dem Wohlergehen erkundigen, bevor es zum Frühstückstisch geht.

ürsorge empfindet auch Irene Freitag für ihre Freundinnen Margret Lepper und Waltraud Reinhold, die sie seit Jahrzehnten kennt und für die sie als Ehrenamtliche nun im Bielefelder AWO Seniorenzentrum »Baumheide« sorgt. Schöne Erlebnisse wie gemeinsame Radtouren und Grillen im Schrebergarten schweißte die drei genauso zusammen wie ihre Kinderlosigkeit, Krankheiten und nun der Umzug ins Seniorenheim, den Irene Freitag jeweils mitorganisierte. »Das ist schon ein großer Einschnitt«, sagt die 80-Jährige, die selbst noch zu Hause wohnt, sich aber bereits vor zehn Jahren für einen Platz vormerken ließ.. Füreinander da zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten – das ist es, was Freundschaft ausmacht. Oder, noch einmal aus dem Poesiealbum zitiert: »Ein wahrer Freund trägt mehr zu unserem Glück bei als tausend Feinde zu unserem Unglück.«

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