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Frühlingserwachen

11. November 2011

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Ob mit Lie­dern, Gedich­ten oder Gegen­stän­den – auf die jah­res­zeit­li­che Akti­vie­rung von demen­z­er­krank­ten Bewoh­ne­rIn­nen kommt es an.

»Wenn der Frühling kommt, dann schick’ ich dir Tulpen aus Amsterdam … tausend rote, tausend gelbe, alle wünschen dir dasselbe …«

Die meisten SeniorInnen, die hier im Kreis sitzen und singen, wissen nicht mehr, was sie gestern zu Mittag gegessen haben – den Text des beliebten Nachkriegsschlagers hingegen beherrschen sie aus dem Effeff. Denn: Wer unter Demenz leidet, verfügt zwar nur über ein sehr eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis, die Erinnerung an die Vergangenheit klappt jedoch oft erstaunlich gut. Das heißt, die Betroffenen können selbst lange zurückliegende und gespeicherte Informationen abrufen. In einer Welt, die ihnen aufgrund der nachlassenden Gedächtnisleistung immer fremder erscheint, sind solche vertrauten Erlebnisse wie gemeinsames Musizieren von alten Schlagern Balsam für die Seele.

Alte Texte und Melo­dien holen die Demenz­kran­ken oft für eine Zeit lang wie­der in die Wach­heit zurück

»Text und Melodie kitzeln die Erinnerung wach«, sagt Christiane Langer, Wohnbereichsleiterin im südhessischen AWO Seniorenzentrum »Horst-Schmidt-Haus«. »Das heißt, die demente Person wird durch die Musikreize aufmerksam und in die Wachheit zurückgeholt – zumindest für eine Weile.« Der Singkreis am Freitag gehört wie die von Therapeuten geleiteten »Erinnerungsgruppen« zum sogenannten ganzheitlich-rehabilitierenden Modell, nachdem hier die rund 75 Prozent Demenzerkrankten der insgesamt 131 BewohnerInnen gepflegt werden. Grundgedanke dieses Konzepts, das von der renommierten Pflegewissenschaftlerin Monika Krohwinkel stammt: sich weniger an den Defiziten als an den Fähigkeiten zu orientieren und die Betroffenen durch Beobachtung und empathisches Zuhören fördern.

Eine große Rolle spielen dabei die Jahreszeiten, die mit ihren Ritualen den Menschen ein zeitliches Korsett und Aufhänger zur Kommunikation geben. Derzeit bestimmt Frühling den Heimalltag – von der Musik bis zu den Mahlzeiten, vom Frühjahrsputz bis zur Kräuterernte im hauseigenen Garten. Die SeniorInnen singen also nicht nur »Veronika, der Lenz ist da« – er wird ihnen auch mit frischen Beeren, Spargel oder dem »Hessen-Klassiker« Grüne Soße auf dem Teller serviert. »Außerdem setzen wir mit unserer Dekoration optische Reize«, sagt Christiane Langer, die seit 25 Jahren im AWO »Horst-Schmidt-Haus« arbeitet, das jetzt Weidenkätzchen, Tulpen und Osterglocken schmückt. »Neben unserem großen Garten gibt es auch einen kleineren, der durch seine besondere Bepflanzung und Ausstattung mit Wasserspielen und Pfaden aus Gras, Holz oder Kiesel selbst stark verwirrte Menschen stimuliert.«

Sinn­li­che Erfah­run­gen wie rie­chen, schme­cken und hören sind wich­tige Bestand­teile der 10-​​Minuten-​​Aktivierung

Eine weitere Maßnahme, um demente BewohnerInnen zu motivieren, ist die »10-Minuten-Aktivierung«, die in den AWO Einrichtungen vom »Horst-Schmidt-Haus« in Heusenstamm bis zum Altenwohnzentrum im ostfriesischen Norden umgesetzt wird. Wie funktioniert die Methode, die einst Ute Schmidt-Hackenberg entwickelte und damit vom baden-württembergischen Gesundheitsministerium ausgezeichnet wurde? In einer Schachtel werden für jeden einzelnen Bewohner Dinge gesammelt, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben: Näh- oder Werkzeug, Einweckgläser, Fotografien oder Postkarten. Mit dieser Erinnerungsbox geht der Mitarbeiter auf die demente Person zu, lässt fühlen, riechen, schmecken oder hören. Der Beginn eines schönen Gesprächs, das positive Assoziationen weckt. Nach rund zehn Minuten lässt die Konzentration des pflegebedürftigen Menschen meist nach und er ruht sich aus. Zum Beispiel im »Snoezelenraum«, der inzwischen zum therapeutischen Repertoire in vielen AWO Einrichtungen gehört. Dabei handelt es sich um einen gemütlichen Rückzugsort mit Liege, Aromalampen, farbigen Lichtspielen und Meditationsmusik. Dank der finanziellen Unterstützung des Fördervereins »Lebensbilder« entsteht bald auch im AWO Seniorenzentrum Heusenstamm solch eine Wohlfühloase. Aber jetzt freuen sich erstmal alle BewohnerInnen und MitarbeiterInnen auf den Höhepunkt im Frühjahr – »Tanz in den Mai«. »Da geht bei uns richtig die Post ab«, erzählt Christiane Langer. »Vier Stunden lang wird zu Akkordeonmusik geschunkelt und getanzt, was das Zeug hält!«

Infos

Der Förderverein »Lebensbilder« unterstützt die Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz im »Horst-Schmidt-Haus« der AWO Heusenstamm. www.lebensbilder.org

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