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Geistig fit – und im Pflegeheim? – Fördern statt unterfordern

5. April 2017

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Geistig fit Altenheim

Viele der im Seniorenzentrum lebenden Menschen sind hochbetagt, demenziell erkrankt und bettlägerig. Doch was ist mit den noch rüstigen Frauen und Männern? Fühlen sie sich unterfordert, oder gibt es genug Angebote und geistige Anregung? Einblicke in diverse Seniorenzentren der AWO Bayern.

Ursula Kammholz, 86 Die Heimratsvorsitzende des AWO Seniorenzentrums Miesbach bezeichnet sich als Autodidaktin: »Ich hatte keine lange Schulbildung, aber wenn mich etwas interessiert, dann mache ich mich schlau.« © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Ursula Kammholz, 86
Die Heimratsvorsitzende des AWO Seniorenzentrums Miesbach bezeichnet sich als Autodidaktin: »Ich hatte keine lange Schulbildung, aber wenn mich etwas interessiert, dann mache ich mich schlau.«
© Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Was raschelt denn da in den Zweigen und zwitschert im schönsten Moll »Hilü didelü-dü-dü-düh«? Ursula Kammholz blickt von ihrer Lektüre auf, erhebt sich vom Stuhl und tritt ans Fenster. Da entdeckt sie den Piepmatz, dessen unscheinbar bräunlich-graues Geflieder so gar nicht zum schönen Gesang passt. Ist es ein Zilpzalp? Die Bewohnerin des AWO Hauses im bayerischen Miesbach schnappt sich ihr Vogelbestimmungsbuch: Beim Balkon-Besuch handelt es sich um einen »Fitis«, der jetzt aus dem tropischen Afrika zurückgekehrt ist. Wieder etwas gelernt! Ob Vögel, Flora und Fauna oder Gott und die Welt – wenn Frau Kammholz etwas nicht weiß, macht sie sich schlau. Kein Wunder, dass sie zum zweiten Mal in Folge zur Heimratsvorsitzenden gewählt wurde. Die gebürtige Schlesierin setzt sich für die Interessen ihrer Mitbewohner ein, bringt aber auch Themen auf den Tisch, die sie selbst für wichtig hält, zum Beispiel Energie sparen: »Beim Verlassen des Raumes sollte man das Licht ausschalten, und wenn man das Fenster öffnet, darf die Heizung nicht an sein«, findet die 86-Jährige und fügt hinzu: »Als Kriegskind weiß man das, aber manchmal sage ich das auch zu den jungen Mitarbeitern hier.« Auch politisch bekennt sie Farbe – seit 1992 als SPD-Mitglied. Anlass waren die rassistischen Übergriffe in Hoyerswerda. »Das ist ja gar nicht weit weg von Dresden, wo ich geboren bin«, sagt die Mutter eines fast 60-jährigen Sohnes. »Ich war damals so entsetzt, was da in Deutschland passiert ist und wollte durch meinen Parteibeitritt ein Zeichen setzen.«

Ursula Kammholz ist zwar auf einen Rollstuhl angewiesen, gehört aber zu den wenigen von 154 Seniorinnen und Senioren des Inge-Gabert-Hauses, die noch geistig topfit sind. Wie geht man damit um, eine Ausnahme unter den mehrheitlich stark pflegebedürftigen Mitbewohnern zu sein? »Das Haus muss sich nach der Mehrheit richten«, da ist die Frau eines inzwischen verstorbenen Ingenieurs pragmatisch. »Aber ich hole mir schon, was ich brauche.« Zum Beispiel bekommt sie jeden Morgen die Zeitung gebracht und hört viel »Bayern 2«, der Radiosender »für das Publikum, das sich für das Warum hinter den Dingen interessiert«. Eines bedauert sie dennoch: »Viele Mitbewohner sind schwerhörig, benutzen aber kein Hörgerät. Damit schalten sie auch geistig ab. Es kann kein Gespräch stattfinden, das ist schade.«

Walter Zorn am iPad

Walter Zorn, 85
Seit Juli 2016 lebt der Witwer im AWO Seniorenzentrum Miesbach, wo er sich sehr wohl fühlt. »Ich kann mich gut alleine beschäftigen und lese viel im Internet.«
© Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Einer, mit dem sie sich gerne unterhält, ist Walter Zorn, der erst vor einem halben Jahr ins AWO Seniorenzentrum nach Miesbach gezogen ist. Wie sie liest der einstige Diplom-Handelslehrer gerne und interessiert sich für Politik, Natur und Musik. An den im Haus angebotenen Spielen nimmt er nicht teil – lieber tauscht er E-Mails mit ehemaligen Schülern aus oder recherchiert im Internet. »Ich erwarte nicht, dass man mich hier beschäftigt«, sagt der 85-Jährige. »Ich muss mich schon selber fordern.«

Mit Bingo-Nachmittagen ist dieser so agilen Klientel nicht beizukommen. Und doch haben solche niedrigschwelligen Angebote in einem Seniorenzentrum ihre Berechtigung. Die Herausforderung besteht letztlich darin, sich auf die körperliche und geistige Verfassung jedes Einzelnen einzustellen. Und wenn jemand gerne Schach spielt, aber keinen Partner im Pflegeheim findet? Dann schaltet man eine Anzeige im örtlichen Schachclub. So geschehen im Inge-Gabert-Haus. »Dank unserer inzwischen zehn Betreuungsassistenten können wir jenseits des Wochenplans ganz individuell auf die Bedürfnisse reagieren«, sagt Einrichtungsleiterin Rosemarie Holzapfel. So habe man einen PC-Kurs ins Leben gerufen, um einem Bewohner die Möglichkeit zu geben, mit seiner in der Türkei lebenden Tochter regelmäßig zu skypen. Solche Nachfragen kommen allerdings eher selten vor, da ein Großteil der Bewohner nicht mehr in der Lage ist, aktiv den Alltag zu gestalten:» Vor zehn Jahren wohnten hier gerade mal fünf Personen über 90 Jahre, heute sind es 51 «, so Frau Holzapfel.

Hochaltrigkeit ist keine Randerscheinung mehr, sondern Ergebnis der steigenden Lebenserwartung. Und die wiederum geht meist einher mit körperlichen und kognitiven Verlusten. Dass aber selbst Greise noch Ansprüche an ihr Leben haben, zeigt derzeit die sehenswerte Kino-Dokumentation »Ü 100«. Regisseurin Dagmar Wagner lässt acht Hundertjährige zu Wort kommen, darunter Erna Rödling, die erst mit 97 ihre Leidenschaft für Fußball entdeckte – aus Ermangelung eines guten Fernsehprogramms!

Auch Ludwig Eisenkolb fachsimpelt als großer FC-Bayern-München-Fan gerne über Fußball mit seinen beiden Tischnachbarinnen im AWO Seniorenzentrum Aying – selbst wenn die eine Bewohnerin BVB-Anhängerin ist. Nur wenige im Speiseraum können den lebhaften Gesprächen des Trios folgen. Der 90-Jährige hat dafür Verständnis, schließlich kümmerte er sich selbst jahrelang um seine demente Frau, mit der er noch die Diamantene Hochzeit feierte, bevor sie starb. Sie fehlt ihm, und doch habe er hier »noch ein schönes, erfülltes Leben«. Es ist ein wahres Vergnügen zu beobachten, mit welcher positiven Energie Herr Eisenkolb seine Zeit verbringt: angefangen von der morgendlichen Zeitungslektüre über Gedächtnistraining, Gymnastik bis zum Spielenachmittag mit Kindergartenkindern und regelmäßigen Kegelabenden. »Ich mache alles mit, was geboten wird und fühle mich weder unter- noch überfordert.« Langeweile ist für den Vater eines Zahnarztes, der einst die Abendschule besuchte, um als Spitzendreher beruflich weiterzukommen, ein Fremdwort. Kommt sie doch einmal auf, dann schaut er sich einen der zahlreichen Filme an, die er mit seiner Kamera festgehalten hat, viele davon auf Veranstaltungen der AWO. Ein festes Ritual und Teil seiner Lebensfreude ist der monatliche Gang ins Restaurant. Mal gönnt er sich etwas beim Italiener, mal ein Wok-Gericht oder etwas herzhaft Bayerisches.

Eines wird in den Gesprächen mit Frau Kammholz, Herrn Zorn und Herrn Eisenkolb deutlich: Alle eint eine Extraportion Eigenantrieb. Die schützt sie davor, sich einsam und ausgegrenzt zu fühlen. Ob man sich im Heimbeirat engagiert, an einem Computerkurs teilnimmt oder über die Bundesliga diskutiert – Hauptsache, man ist in Kontakt mit anderen und verschanzt sich nicht in seinem Zimmer.

Um auch den rüstigen Bewohnern etwas zu bieten, lässt zum Beispiel die AWO Feldkirchen-Westerham einen Yogalehrer ins Haus kommen. Außerdem findet alle paar Wochen ein »Geselliger Abend« statt. »Das ist eine Kulturveranstaltung, die unter einem bestimmten Thema steht«, erzählt Sozialdienstleiterin Stefanie Schmid. »Ende April geht es um den Frühling, zu dem Gedichte vorgetragen werden, Lieder, Sketche … dazu genießen die Bewohner ein Glaserl Wein, Bier und Knabbereien – und vor allem das Miteinander.«

Senior spiel Veeh-Harfe

Gerhard Stohwasser, 66
Musik ist eine große Leidenschaft des Rentners, der nicht nur gerne klassische Konzerte und Opern besucht, sondern auch tanzt und seit fast zwei Jahren Veeh-Harfe spielt.
© Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Viele tun sich schwer, im Alter auf andere zuzugehen – sie sind es nicht gewohnt, haben es nie gelernt. Doch wenn die Berufstätigkeit vorbei ist, der Partner bereits verstorben und die Kinder nicht in der Nähe wohnen, sollte man sich einen Ruck geben und aktiv werden. Wie gut das den Menschen tut, weiß Hannelore Emontz-Meister, die in München-Unterschleißheim das AWO Begegnungszentrum für Senioren leitet (s. auch Porträt, S. 18). Jeden Tag kommen dutzende Männer und Frauen ins Gebäude in der Pegasusstraße, um hier mit Gleichgesinnten Mittag zu essen oder an einem der zahlreichen Kurse teilzunehmen. An diesem Montag stehen Englisch, Qi-Gong, Sturzprävention und »Veeh-Harfe« auf dem Programm. Letzteres ist ein Musikinstrument, das man ohne Vorerfahrung sofort spielen kann – und das deshalb besonders beliebt ist bei älteren Leuten, weiß Gabi Bacher, die als Musikgeragogin den Kurs leitet. Vor allem: Man musiziert in der Gruppe! Vier Damen und ein Herr sitzen um einen Tisch, auf den Knien die Harfe, die eher an eine Zither erinnert, und zupfen mit dem Zeigefinger die Saiten. »Ich wollte etwas mit Musik machen, aber keine Noten mehr lernen«, erzählt Isolde Kornbichler. »Nach jeder Stunde gehe ich beglückt nach Hause.« Auch Gerhard Stohwasser hat sichtlich Spaß am Veeh-Harfe-Unterricht, den er durch eine Zeitungsanzeige entdeckt hat. Seit 2015 ist er in Ruhestand, machte sich aber bereits drei Jahre vor der Rente Gedanken über das Danach: »Man fällt in ein Loch, aber es ist nicht so tief, wenn man rechtzeitig alte Hobbys ausgräbt und auch offen für Neues ist«, so der ehemalige Techniker an der TU München.

Gehirnjogging beim Kartenspiel in der wöchentlichen Schafkopf-Runde

Waltraud Breunig, 67
Nach 40 Jahren in Nürnberg zog die ehemalige Musiklehrerin nach München – und fand in der AWO Begegnungstätte für Senioren neue Bekannte. Freude am geselligen Austausch und Gehirnjogging gleichermaßen ist das Kartenspiel in der wöchentlichen Schafkopf-Runde.
© Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Diese Erfahrung machte auch Waltraud Breunig, die in der Cafeteria der AWO Begegnungsstätte sitzt und gerade Schafkopf spielt, ein traditionelles bayerisches Kartenspiel. Nach dem Tod ihres Mannes und dem Umzug von Nürnberg nach München musste sie sich einen ganz neuen Bekanntenkreis aufbauen – und wandte sich an Frau Emontz-Meister. Die fragte die einstige Musiklehrerin, ob sie nicht Lust hätte, den Singkreis zu leiten. Inzwischen tritt sie sogar mit dem Seniorenchor auf. »Das ist eine positive geistige Anspannung«, findet die 67-Jährige, die auch die Zeit mit den Kartenspielern genießt.

Alles Beispiele, die zeigen: Es ist nie zu spät, um noch etwas zu finden, das Sinn gibt und Freude bereitet. Und eine gute Anlaufstelle ist die AWO mit ihren deutschlandweiten Angeboten.

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