Das Online Magazindes AWO Magazins für Seniorenzentren

Generation Schellack

24. Februar 2015

2
Senior und Pflegerin hören Musik

Viele Seniorinnen und Senioren aus den AWO Häusern sind noch mit dem Grammophon aufgewachsen und haben Schellackplatten aufgelegt. Utensilien, die längst keine Rolle mehr spielen – ebenso wenig wie das Telefon mit Wählscheibe. Heute halten junge Menschen mit Smartphones Kontakt, hören darauf per Ohrstöpsel Musik und schicken sich nebenbei noch Bilder. Ein Bericht über Technik und ihre Auswirkungen für Jung und Alt.

Seniorin und Pfleger bestauenen alte SchallplattenHannelore Meyer hat noch gute Ohren, aber sie versteht trotzdem die Welt nicht mehr. Warum fummeln alle immer an ihren Handys herum, obwohl sie nicht telefonieren? Sie selbst hat ein seniorengerechtes Mobiltelefon mit großen Tasten, aber das ist so gut wie nie in Betrieb und nur für Notfälle gedacht. Fotos kann man damit schon gar nicht machen – wozu auch?

»Ich habe schon erlebt, dass Leute das Essen auf dem Herd fotografiert haben, um die Bilder anschließend herumzuzeigen «, berichtet die 88-Jährige beim Gespräch im Aufenthaltsraum des AWO Altenzentrums in Troisdorf und schüttelt dabei verständnislos mit dem Kopf. »Mich würde das nicht die Bohne interessieren.« Überhaupt sei Technik nie ein großes Thema für sie gewesen. Im Elternhaus gab es erst spät das erste Radio. Neuerungen, wie einen transportablen Plattenspieler und einen Fernseher, schaffte sie sich erst an, als sie bereits als Sekretärin arbeitete. »Ich hörte zwar die Lieder von Hildegard Knef oder Vicky Leandros, war aber nie so verrückt nach Schlagern wie meine Freundinnen, die regelrecht Jagd auf Autogramme machten.« Während Frau Meyer erzählt, gesellen sich zwei junge Leute hinzu: Emine Aydin, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Haus absolviert, und Christian Nitsch, der eine Ausbildung zum Sozialassistenten macht.

GrammophonEmine schnappt sich eine Schallplatte der hausinternen Sammlung und schaut auf die Hülle wie auf ein Museums-Exponat. 1995, im Jahr ihrer Geburt, gehörten Platten bereits der Vergangenheit an. Die Compact Disc galt damals als das Nonplusultra. Schnell setzte sich die silberne Scheibe gegenüber dem Vinyl durch. Die Vorteile lagen auf der Hand: Top-Klangqualität, Wegfall des lästigen Umdrehens bei gleichzeitig erhöhter Abspieldauer. Außerdem keine Kratzer und kein Knacken mehr, denn ein Laser tastet die versiegelte Oberfläche der CD ab, wobei der Player diese Signale in hörbare Töne umsetzt. Das neue Medium sollte damals ähnlich kompakt sein wie die Musikkassette; und der Legende nach einigten sich Philips und Sony auf 12 Zentimeter Durchmesser, weil so Beethovens Neunte Symphonie ohne Unterbrechung abgespielt werden konnte.

CD'sBeim nächsten Meilenstein des technischen Fortschritts ging es darum, Musik aus dem Internet auf Computer und Smartphones (das sind Handys, die z. B. mit Internetzugang, Kamera und Navigationssystem ausgestattet sind) herunterzuladen, Stichwort MP3. Entwickelt wurde dieses weltweit gängige Dateiformat maßgeblich am Fraunhofer Institut in Deutschland. Dabei handelt es sich um die Kompression von Musiksignalen. Die Möglichkeit, Songs über das Internet zu vertreiben, führte zu einer Revolution in der Musikindustrie.

Die meisten Senioren fühlen sich allerdings durch das enorme Tempo der Technik überfordert. Umso mehr freuen sie sich, wenn sie von vertrauten Geräten umgeben sind. So schmücken etwa Röhrenradios aus den 50ern, Schwarz-Weiß-Fernsehgeräte und sogar ein Grammophon die Räume in dem Troisdorfer Altenzentrum. Letzteres kennt Paul Flechner noch aus seiner Kindheit. »Ich sehe es förmlich vor mir, wie mein Vater mit diesem Riesentrichter eines Tages durch die Tür kam – das war eine Sensation«, erinnert sich der 96-Jährige, der bei Berlin aufwuchs, wo auch der Erfinder des Grammophons, Emil Berliner, herkam.

Musikbegeisterter Senior»Musik sollte man laut hören, nur dann erlebt man die ganze Palette der Gefühle. Was gibt es Schöneres als klassische Musik? Wenn ich Tschaikowsky oder Beethoven höre, spüre ich das bis ins Gewebe hinein. Früher hatte ich ein Abo für die Sonntagsmatineen in der Frankfurter Alten Oper – das war purer Genuss!«

Als der riesige Apparat aufgebaut war, wurde die Stahlnadel in den Tonarm gesteckt, an der Kurbel gedreht … und Evergreens der Comedian Harmonists gespielt. Auch das erste Radio löste in der Familie ein großes Hallo aus. Musikkassette»Mein Cousin hatte das Ding 1937 mitgebracht. Es funktionierte nur mit Spule, und meine Geschwister und ich drehten es permanent mächtig auf. Es war einfach zu schön, wenn die Musik das Haus erfüllte.«

Flechner war stets offen für Neues. So besaß er auch früh ein Handy, benutzt es jetzt aber wegen seiner Sehbehinderung nicht mehr. Bei einem über 90-Jährigen nichts Außergewöhnliches, aber für einen 28-Jährigen kann das Fehlen solch eines Geräts das Sozialleben nachhaltig beeinflussen. Eben diese Erfahrung machte auch Christian Nitsch. Der Azubi hatte sich bewusst gegen ein modernes Smartphone entschieden und musste feststellen, dass er nicht mehr zu Partys eingeladen wurde. Denn soziale Kontakte werden mittlerweile hauptsächlich über das Netz gepflegt, Verabredungen per WhatsApp ausgemacht. »Wer das nicht hat, wird ausgegrenzt«, sagt Christian, »so wie früher die Ökos.« Inzwischen haben ihm seine Freunde zum Geburtstag ein entsprechendes Mobiltelefon geschenkt. Emine Aydin, die mit 12 ein Handy bekam, lebt seit einem Jahr glücklich »ohne«. Nachdem sie ihres verloren hatte, wollte sie sich kein neues Gerät zulegen. »Ich hab ständig damit gespielt und SMSe geschrieben. Irgendwann empfand ich es nur noch als Stress«, erzählt die FSJlerin. »Inzwischen haben sich meine Freunde daran gewöhnt und rufen mich über das Haustelefon an.« Und zum Hören ihrer Lieblingsmusik hat sie einen MP3-Player, denn darauf könnte sie nicht verzichten. Wie sagte schon Friedrich Nietzsche: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.«

WAS IST eigentlich …?

MP3

MP3 codiert und speichert Musik. Im Vergleich zum Original benötigt eine MP3-Datei nur rund 10 Prozent des Speicherplatzes. So kann Musik schnell über das Internet übertragen und auf MP3-Playern gesammelt werden. Ein moderner MP3-Player programmiert je nach Größe zwischen 2.000 und 200.000 Minuten Musik – das sind mehr als 130 Tage ununterbrochene Wiedergabe! Die gesamte Sammlung eines Musikliebhabers passt somit auf ein Gerät, das nicht größer ist als eine Streichholzschachtel.

Smartphone

Seniorin mit einem SmartphoneEin Smartphone ist mehr als nur ein Mobiltelefon. Es verfügt nicht nur über die Standardfunktionen wie Anruf, SMS und MMS, sondern auch über Eigenschaften, wie sie ein Computer besitzt. Man kann damit mobil im Internet surfen, E-Mails verschicken und empfangen, Musik hören, Fotos machen. Die Bedienung eines Smartphones erfolgt nicht über Tasten, sondern über die Fläche des Bildschirms. Dieser wird auch Touchscreen genannt und mit den Fingern oder einem speziellen Stift bedient.

Whatsapp

WhatsApp ist ein Programm auf dem Handy, mit dem man kostenlos Nachrichten und auch Fotos verschicken kann. Das System ähnelt sehr der SMS, der Unterschied ist aber die Übertragung: Während die SMS auf den Kontrollkanal des Mobilfunknetzes zurückgreift, sendet WhatsApp seine Nachrichten über die Internetverbindung.

Twitter

Seniorin am ComputerDer Nachrichtendienst Twitter ist ein Kommunikationssystem, bei dem eine Unterhaltung entsteht. Wer sich auf der Website Twitter.com registriert, kann loslegen. Über den Computer oder das Handy können Nachrichten mit jeweils höchstens 140 Zeichen veröffentlicht werden. Diese Mitteilungen nennt man Tweets. Sie sind öffentlich und lassen sich auch über die Suchmaschine finden.

 

Kommentar schreiben