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Hat Schönheit ein Haltbarkeitsdatum?

Helga Winkler
©Karsten Thormaehlen

Das Haar ist dünn und grau. An den Augen und Mundwinkeln ziehen Falten ein Netz aus feinen Linien. Durch die dünne Haut an den Händen schimmern blaue Äderchen. Die Zeit zeichnet auf dem Körper wie ein Pinsel auf einer Leinwand, und je länger sie an ihrem Werk arbeitet, desto mehr Pinselstriche weist der Körper auf. Dank solcher Merkmale kann der 80-Jährige problemlos vom 20-Jährigen unterschieden werden. Unser Aussehen ist abhängig vom Alter – das ist ganz natürlich und bis zu diesem Punkt frei von jeder Wertung.

Doch wie steht es mit dem Alter und der Schönheit? Ist Schönheit naturgemäß abhängig vom Alter? Bedeutet jung gleich schön und alt immer nicht schön? Gibt es ein Haltbarkeitsdatum für Schönheit? Betrachtet man Werbeplakate, Popstars und Modekataloge, so würde man diese Fragen klar mit Ja beantworten müssen. Wenn es dort um Schönheit geht, wird die Jugend gezeigt.

Die Recherche zum Thema »Alter und Schönheit« im Internet liefert als Ergebnis zu allererst eine Flut von Tipps, wie sich das Alter bestmöglich verschleiern lässt: Empfohlen werden Faltencremes, Haarfärbemittel und sogar plastische Chirurgie. Angeblich kann die Schönheit mit diesen oftmals kostspieligen Mitteln erhalten oder zurückgewonnen werden. In der Gesellschaft herrscht der Jugendwahn. Aber muss ein Mensch die Zeichen des Alters tatsächlich bekämpfen, um als schön wahrgenommen zu werden? Und noch wichtiger: Um sich selbst schön zu fühlen?

»Schön ist, was gefällt«, sagt der Volksmund, und nicht: »Schön ist, was jung ist.« In der Welt der Dinge gibt es dafür viele Beispiele: Schloss Neuschwanstein ist knapp 150 Jahre alt und wird mit seinen märchenhaften Türmen allgemein als schön empfunden. Der VW Käfer gilt als beliebtester Oldtimer auf deutschen Straßen. Er ging im Dezember 1945 in Serienproduktion und ist heute ein wertvolles Liebhaberstück. Menschen mögen diese alten Dinge, weil sie Zeugen einer anderen Zeit sind, weil sie Geschichte erzählen. Warum soll das nicht auch für Menschen gelten?

Höchste Zeit für ein Umdenken! Es liegt viel Schönheit in den Zeichen des Alters, weil alte Menschen ebenso Zeitzeugen sind. Sie haben Erfahrungen gesammelt, die nachfolgenden Generationen immer verborgen bleiben werden, und sie können davon berichten. Das macht die Alten unendlich wertvoll und schön.

Die Wahrnehmung von Schönheit unterliegt einer Vielzahl von Einflüssen. Was gerade als angesagt gilt, ist immer auch eine Frage der Mode. Doch die Schönheit ist zuallererst ein subjektives Empfinden und kann als solches durch eine bewusste Entscheidung beeinflusst werden. Dazu bedarf es nur eines gelegentlichen Perspektivwechsels oder des Hinterfragens von scheinbar naturgegebenen Idealen.

Zu einem solchen Perspektivenwechsel möchten wir den Anstoß geben. Schauen Sie genau hin und schauen Sie genau in den Spiegel: Weiße Haare und Falten sind nicht einfach Zeichen der Vergänglichkeit. Sie sind der Beweis für ein langes Leben, für viel Erfahrung und viele Geschichten. Das macht sie schön!

Die Zeit ist reif für eine neue Ästhetik des Alters.

 

 

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