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Hörbücherei vor Ort : Schmökern mit den Ohren – die „Hörbücherei vor Ort“ macht’s möglich!

16. Dezember 2014

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Herr hört ein Hörbuch

Menschen mit Sehproblemen suchen meist die eher spärlich ausgestatteten Hörbuch- oder Großdruck-Abteilungen ihrer Bibliothek auf – wenn sie überhaupt kommen. Mit dem Modellprojekt „Hörbücherei vor Ort“ und seinen 40.000 kostenlosen Hörbüchern wenden sich die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg und ihre zwölf hessischen Partner-Bibliotheken gezielt am Menschen, die unter alters- oder krankheitsbedingtem Sehverlust leiden, aber nicht auf Literatur verzichten möchten.

„Gerade Menschen, die ihr Leben lang normal gesehen haben und deren Sehvermögen im Alter stark nachlässt, wissen nicht, dass es schon lange Spezialbibliotheken gibt, die Hörbücher kostenlos ausleihen“, sagt Brigitte Buchsein vom Blinden- und Sehbehindertenbund in Hessen (BSBH) beim Start des Modellprojekts „Hörbücherei vor Ort“ Anfang Dezember 2013 in der Stadtbibliothek Oberursel. „Für sie und ihre Angehörigen ist das eine Riesenchance, jetzt durch ihre Stadtbibliothek davon zu erfahren und so wieder ein kleines bisschen mehr kulturelle und soziale Teilhabe zu erlangen.“

Teilhabe – dieses abstrakte Wort bekommt so ganz konkrete Bedeutung. Nichts anderes wollen die Projekt-Verantwortlichen für blinde und sehbehinderte Menschen erreichen. Zumal sich auch die Bundesrepublik Deutschland dieses hehre Ziel auf ihre Fahnen geschrieben hat, als sie im Jahr 2009 die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen unterzeichnet hat. Eines der darin verankerten Ziele: Die Teilhabe behinderter Menschen am sozialen und kulturellen Leben.

Für den Alltag der Betroffenen hat das ganz konkrete Folgen. Schließlich führt jede Einschränkung des Sehvermögens zu einem harten Einschnitt in die Lebensqualität der Menschen. Dies schlägt sich nicht zuletzt in der Lesefähigkeit nieder. Was früher leicht und flüssig ging, kann mit einem Grauen oder Grünen Star oder nach einer Netzhautablösung zur quälenden Mühsal werden. Den Betroffenen hier wieder ein Stück Eigenständigkeit und Teilhabe zu ermöglichen ist daher oberstes Ziel der Projekt-Initiatoren. „Wer mit einem Sehverlust zu kämpfen hat und gerne liest, muss nicht zwangsläufig in die oft spärlich ausgestattete Großdruck-Abteilung seiner Stadtbücherei gehen oder gar ganz zu Hause bleiben“, betont Projektleiter Rudi Ullrich, Leiter des blista-Ressorts Kommunikation und Teilhabe und Initiator der „Hörbücherei vor Ort“.

Herr von der blista im TonstudioAus diesem Grund haben die blista und ihre Partner-Bibliotheken in Bad Hersfeld, Buseck, Flörsheim, Gießen, Hanau, Lauterbach, Kassel, Marburg, Nidda, Oberursel und Offenbach das Projekt ins Leben gerufen. Die Idee: Wer nicht mehr lesen kann, darf hören – und hat somit die freie Auswahl aus über 40.000 Titeln, die die blista in ihrem Online-Katalog anbietet. Alle sind ungekürzt und für blinde und sehbehinderte Nutzer kostenlos auf sogenannten DAISY-CDs im MP3-Format erhältlich. DAISY steht für „Digital Accessible Information System“ und bietet zahlreiche Navigations- und Zugriffs-Möglichkeiten in Hörbüchern und anderen digitalen Hörmedien. Es ermöglicht beispielsweise das Springen zwischen verschiedenen Textteilen und -kapiteln wie in einem Inhaltsverzeichnis – also von Überschrift zu Überschrift oder von Seite zu Seite -, das direkte Ansteuern einer bestimmten Seite, das Setzen von Lesezeichen oder die stufenlose Erhöhung oder Verringerung der Textgeschwindigkeit bei gleichbleibender Tonhöhe. Darüber hinaus ist DAISY äußerst platzsparend. Auf eine CD passen – abhängig von der digitalen Kompression – bis zu 60 Stunden Audio-Inhalte.

„Die CDs sind zudem auf jedem handelsüblichen DVD- und CD-Player mit MP3-Funktion abspielbar und somit äußerst benutzerfreundlich“, sagt Projekt-Koordinator Savo Ivanic. „Wer jedoch alle Navigations-Möglichkeiten einer DAISY-CD nutzen möchte, sollte den Kauf eines DAISY-Players in Erwägung ziehen“. Die Geräte werden unter bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen finanziell bezuschusst oder sogar ganz übernommen und sind sowohl in portablen als auch stationären Ausführungen erhältlich. Ein großer Vorteil für Menschen mit Sehbeeinträchtigung: Die meisten Modelle verfügen über sprechende Tasten. Das heißt: Beim Drücken einer Taste sagt der Player sofort die jeweilige Funktion an. Niemand muss sich also vor der ersten Inbetriebnahme durch komplizierte Bedienungsanleitungen quälen, sondern kann sein Gerät gleich in vollem Umfang nutzen. So bringen DAISY-Hörbücher ihre vielfältigen Eigenschaften sofort zur vollen Entfaltung. Dies ist nach Erfahrung der blista-Mitarbeiter umso wichtiger, wenn soziale Kontakte im Alter wegbrechen und akustische Literatur oft das Einzige ist, das den Betroffenen einen gewissen Halt und eine Alltagsstruktur gibt.

Ohnehin machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des blista-Rehabilitations- und Beratungs-Zentrums (RBZ) tagtäglich die Erfahrung, dass Menschen nach der Diagnose „Sehverlust“ häufig mit ihren Problemen alleine gelassen werden. „Das Wissen über Möglichkeiten, mittels vergrößernder Sehhilfen, sprechender Haushalts-Geräte oder einfachster Markierungs-Punkte – beispielsweise am Temperatur-Regler des Herdes oder dem Programm-Wahlschalter der Waschmaschine – seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit so gut wie möglich zu erhalten, ist häufig nicht vorhanden“, erläutert Projektleiter Ullrich. Kein Wunder also, dass die blista immer wieder gute Erfahrungen mit Hilfsmittel-Präsentationen vor Ort macht – beispielsweise in Kooperation mit der Stadtbibliothek Gießen. Hier war Ende August dieses Jahres das blista-eigene Sehmobil zu Gast, ein mit zahlriechen vergrößernden Sehhilfen und anderen Hilfsmitteln ausgestatteter Kleinbus, der speziell für den mobilen Einsatz vor Ort angeschafft wurde und immer wieder auf große Resonanz stößt. So auch in Gießen. Nach einer Lesung bei Kaffee und Kuchen konnten sich Interessierte einen Eindruck vom vielfältigen Inventar des Sehmobils verschaffen. Das macht es für Projekte wie die „Hörbücherei vor Ort“ geradezu zu einem maßgeschneiderten Gefährt.

„Von der ersten Idee bis zum offiziellen Start im Dezember 2013 verging fast ein Jahr“, beschreibt Ullrich den Entwicklungsprozess. „Am Anfang waren wir sehr unsicher, ob die öffentlichen Bibliotheken überhaupt ein Interesse an diesem Thema haben würden. Doch bereits nach der ersten Kontaktaufnahme mit dem Leiter der Marburger Stadtbibliothek, Jürgen Hölzer, der sehr positiv auf die Initiative reagierte und sich anbot, Kontakte zu weiteren hessischen Büchereien zu knüpfen, war uns eigentlich klar, dass es ein Erfolg werden würde“, so Ullrich weiter.

Nachdem die Projektpartner feststanden und auch die Hessische Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken in Kassel ihre Unterstützung zugesagt hatte, wurden die notwendigen inhaltlichen Festlegungen getroffen, Regularien der Zusammenarbeit und Information abgesprochen und unter Federführung der blista in die Tat umgesetzt. Dazu gehörte die Programmierung der Homepage, Gestaltung und Druck eines gemeinsamen Flyers sowie die Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort. Außerdem wurde die Pressearbeit zum Projektstart zentral koordiniert und durch die Beteiligten regional ergänzt, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu erreichen. Und so war es dann nach intensiver Vorbereitungszeit am 2. Dezember 2013 endlich soweit: Um 11 Uhr fiel der offizielle Startschuss in der Stadtbücherei Oberursel. Neben Medienvertretern von hr4, der Frankfurter Rundschau und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatten sich zwei Repräsentanten aus Landes- und Lokal-Politik sowie die Leiter von fünf der sechs Projekt-Bibliotheken nebst Monika Taubert von der Fachstelle in Kassel in der kleinen, direkt am Marktplatz gelegenen Bibliothek eingefunden.

Seitdem wird in Oberursel und den anderen Projekt-Bibliotheken jeder interessierte Hörer von Mitarbeitern beraten, die für die besonderen Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen sensibilisiert und geschult wurden. Daneben profitieren Betroffene von der Kompetenz der blista als überregionales Selbsthilfe-, Bildungs-, und Rehabilitations-Zentrum. „Die Mitarbeiter unserer Partner-Bibliotheken sind selbstverständlich keine Ersatz-Optiker oder Reha-Berater“, betont Ullrich, „sie werden bei Bedarf aber jeden Interessierten an uns verweisen – egal ob es um vergrößernde Sehhilfen oder andere Hilfsmittel oder Schulungen für Beruf und Alltag geht.“

Logo von der blistaFür ausführliche Informationen haben die Verantwortlichen außerdem eine Internet-Seite ins Leben gerufen. Unter www.hoerbuecherei-vor-ort.de können sich Betroffene und Angehörige neben dem Hörbuch-Angebot der blista über alles Wissenswerte rund ums Thema Sehverlust informieren – von Hilfsmitteln über Links zu Selbsthilfe-Organisationen bis hin zum Alltag mit einer Sehbehinderung.

Neben dem Zugang zu Literatur und den sozialen Aspekten ist den Beteiligten das Thema Gleichberechtigung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein wichtiges Anliegen. Nicht zuletzt deshalb, weil die im Jahr 2009 von der Bundesrepublik Deutschland mit unterzeichnete UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen genau diese Teilhabe einfordert. Und wer käme dafür besser in Frage als die öffentlichen Bibliotheken, Orte nicht nur des Lesens, der Bildung und Kultur, sondern auch der Begegnung von Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen, Milieus und Schichten. „Da dürfen Menschen mit Behinderung natürlich nicht fehlen!“, betont Guido Krell, Leiter der Stadtbibliothek Gießen.

Für die Zukunft planen die Projektpartner eine Ausweitung des Angebots auf weitere Bibliotheken sowie Beratungs-Veranstaltungen mit Augenärzten und Diabetologen. Denn Diabetes ist eine der häufigsten Ursachen für Sehverlust. „Wenn es gelingt, öffentliche Mittel und Spenden für dieses Projekt zu akquirieren, wollen wir gerne noch viele gemeinsame Aktionen mit den Stadtbibliotheken machen“, wagt Ullrich einen Blick in die Zukunft. „Ich kann mir zum Beispiel Lesungen von unseren Sprecherinnen und Sprechern, medizinische Vorträge oder kleine Hilfsmittelausstellungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen und ihre Angehörigen in den Stadtbibliotheken sehr gut vorstellen.“

Kontakt

Savo Ivanic
Projektkoordination, blista Marburg
E-Mail: ivanic@blista.de

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