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In Würde altern

Josefine Heusinger
©Josefine Heusinger

Prof. Dr. Josefine Heusinger hat früher als Krankenschwester gearbeitet.
1998 ist sie in die Altersforschung eingestiegen. Im Interview erklärt sie, warum Selbstbestimmung im Alter so wichtig ist.

Frau Prof. Heusinger, nehmen wir ältere Menschen überhaupt ernst?

Ein 70-jähriger Politiker oder eine sozial engagierte 60-Jährige werden ernst genommen, keine Frage. Aber jemand, der im gleichen Alter kaum noch am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, hat es schwer. Ob man als Senior für voll genommen wird oder nicht, hängt nicht nur vom Alter ab. Auch die Bildung, das Einkommen und die eigene Biografie spielen eine entscheidende Rolle für die Chance auf Teilhabe. Der Bruch kommt meist, wenn die Menschen krank oder gebrechlich werden. Dann wird Selbstbestimmung zur Herausforderung.

Wie kann man im Alter selbstbestimmt leben?

Man muss sich klarmachen, dass es einen Unterschied zwischen Selbstständigkeit und Selbstbestimmung gibt. Wenn ich gebrechlich werde und Manches nicht mehr ohne fremde Hilfe machen kann, dann kann ich trotzdem darüber entscheiden, wer mir wann und wie hilft. Senioren müssen entscheiden dürfen: In welches Heim möchte ich gehen? Und von welchem Pflegedienst möchte ich betreut werden?

Welche Rolle spielen die Angehörigen?

Eine große. Sie sind häufig die Vertrauenspersonen, haben Zugang zu Informationen und können Anträge stellen. Der Pro- zess ist aber oft schwierig. Vor allem Entscheidungen, die die Pflege betreffen, sollten alle Beteiligten miteinbeziehen. Beide Seiten müssen berücksichtigt werden: die Wünsche der alten Menschen und die Möglichkeiten des Umfeldes. Niemand darf ein schlechtes Gewissen haben und die Angehörigen sollten sich nicht streiten oder kaputt arbeiten.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Ja. Für Männer hängt der Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben mehr von ihrer Leistungsfähigkeit ab, für Frauen davon, ob sie noch für andere da sein können. Wenn sie das nicht mehr können, werden sie sehr bescheiden, ganz nach dem Motto: »Ich bin zu nichts mehr nütze, also darf ich auch keine Ansprüche mehr haben«.

Hat sich das Bild der Senioren verändert?

In jedem Fall! Auch hier merkt man, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Ein »guter« alter Mensch muss sich engagieren, fit halten und gesund ernähren. Damit grenzen wir alle aus, die das nicht können. Das gebrechliche Alter wird noch mehr stigmatisiert.

Welchen Rat geben Sie Senioren und dem Umfeld?

Die alten Menschen müssen lernen, Hilfe anzunehmen, ohne sich zu schämen. Sie müssen lernen, sich zu informieren und tapfer zu sagen, was sie wollen, auch wenn es ihnen schwerfällt. Angehörige und Betreuer müssen dagegen lernen, die Verantwortung bei den Älteren zu lassen und ihre Wünsche zu akzeptieren. Das ist ein noch größeres Zeichen von Liebe als aus Sorge gegen ihren Willen zu handeln.

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