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Interview mit Diplom-Sozialpädagoge und Sozialtherapeut Peter Rothe

23. November 2018

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© rawpixel, Unsplash


Peter Rothe hat täglich mit Ratsuchenden zum Thema Sucht zu tun. Viele seiner Klienten sind über 50 Jahre alt. Der Diplom-Sozialpädagoge und Sozialtherapeut des AWO Suchtberatungszentrums Bremerhaven erzählt im Interview über die Gründe für Abhängigkeit, erste Anzeichen einer Sucht und nennt uns seine Tipps für betroffene Angehörige.

AWO Journal: Herr Rothe, wer kommt zu Ihnen in die Suchtberatung?

Peter Rothe: Die jüngsten Ratsuchenden sind 14 Jahre alt, mein ältester war 83. Etwa ein Fünftel meiner Klienten ist über 50 Jahre alt.

Welche Suchtart ist am häufigsten vertreten?

Das ist nach wie vor die Alkoholabhängigkeit. Bei uns sind es über 60 % der Ratsuchenden, die ein Alkoholproblem haben.

Wie kommt es zu einer Abhängigkeit?

Oft entsteht eine Abhängigkeit durch einschneidende negative Erlebnisse im Leben wie etwa eine Scheidung oder Todesfälle. Je älter die Menschen sind, desto gravierender ist das. Oft bricht dadurch die Welt zusammen, wichtige Bezugspersonen und eine Struktur im Leben fehlen plötzlich, der Freundeskreis wird immer kleiner.

Gibt es neben Einsamkeit und Trauer auch andere Gründe für eine Abhängigkeit?

Viele. Auch Geselligkeit kann zur Abhängigkeit führen, wenn man das Suchtmittel wiederholt und dauerhaft konsumiert.

Wann wird der Konsum bedenklich?

Sobald man ein Suchtmittel jeden Tag konsumiert. Denn der Körper gewöhnt sich daran. Wenn man dieselbe Wirkung erzielen will, muss man die Menge immer weiter erhöhen. Dann wird es kritisch.

Was sind die ersten Anzeichen für eine Abhängigkeit?

Wenn jemand etwa regelmäßig Alkohol konsumiert und plötzlich in die Verlegenheit kommt, nicht trinken zu können, merkt man diesen Personen an, dass sie unwirsch und schnell reizbar werden. Das sind erste Indizien dafür, dass schon eine Gewöhnung eingetreten ist.

Wer reagiert zuerst – die Betroffenen selbst oder das Umfeld?

Das ist von Fall zu Fall anders. Manche bemerken selbst, dass es ihnen körperlich oder psychisch nicht gut geht. Es ist aber häufig ein äußerer Anstoß, der bewirkt, dass jemand zur Beratung kommt. Das kann eine Abmahnung im Job sein, aber auch ein Ehepartner, der mit der Scheidung droht.

Ältere Menschen haben oft keinen Job und keinen Partner mehr. Wird das zum Problem?

Leider ja, denn vor allem Partner haben eine Kontrollfunktion. Wenn niemand schimpft und man wenig Kontakt zur Außenwelt hat, bleibt eine Abhängigkeit oft unentdeckt. Da ist es gut, wenn Familienmitglieder aktiv werden.

Was raten Sie Angehörigen?

Zunächst mal sollte man offen sagen, dass das Verhalten nicht in Ordnung ist und man die Situation nicht toleriert. Es ist wichtig, dass von außen Signale kommen. Oft stößt man damit allerdings auf Resignation und es kostet viel Kraft, zu widersprechen.

Wie kann man dann argumentieren?

Etwa damit, dass man im Alter ja ohnehin oft schon Vorerkrankungen hat. Wer noch zusätzlich Suchtmittel konsumiert, macht sich noch hilfloser und isoliert sich noch mehr. Außerdem fehlen bei Betrunkenen die Schutzreflexe, das kann bei Stürzen im Alter fatale Folgen haben.

Können Sie auch Personen helfen, die ihr Problem selbst nicht einsehen?

Manchmal funktioniert das, weil die Betroffenen mir als objektiver fremder Person mehr Vertrauen schenken als einem Familienmitglied. Die Betroffenen sind oft entrüstet über die vermeintliche Anklage. Im Gespräch stellt man dann aber meist zwei Dinge fest. Zum einen, dass etwa die konsumierte Menge an Alkohol doch zu viel ist. Und zum anderen, dass sich die eigene Familie Sorgen macht.

Was erwartet jemanden in einer Suchttherapie?

Kurz gesagt ist eine Therapie eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Denn all das, was wir erlebt haben, hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Das können schöne und traumatische Erlebnisse sein. Es ist wichtig, die Menschen daran zu erinnern, dass das Leben weitergeht. Wir richten dann den Blick auf die Zukunft, so entsteht im besten Fall die Motivation, etwas zu ändern.

Gelingt Ihnen das häufig?

Ja, die Beratungen enden oft positiv, weil die Menschen entdecken, dass sie ohne das Suchtmittel neue Energie bekommen und mehr erleben können als im betäubten Zustand.

Sind Frauen und Männer gleichermaßen betroffen?

70–75 % der Alkoholabhängigen sind Männer. Das mag daran liegen, dass die Alkoholabhängigkeit bei Frauen noch schambesetzter ist als bei Männern. Frauen erkranken allerdings schneller, weil die Leber nicht so viel Alkohol verstoffwechseln kann.

Was kann die Gesellschaft tun?

Es wäre gut, wenn Alkohol weniger bagatellisiert würde. Alkohol ist nach wie vor gesellschaftlich toleriert. Selbst von staatlichen Stellen heißt es: »Der junge Mensch muss den richtigen Umgang mit Alkohol lernen.« Bei Heroin würde das niemand sagen.

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