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Irgendwann bekomm‘ ich es zurück!

© COMMWORK, Eric Langerbeins

Auszubildende bei der AWO, junge Mutter und Influencerin der Altenpflege. Angela Aukthun ist eine starke Frau und Teil einer deutschlandweiten Kampagne, die das Bild der Pflege aufbessert und zukünftige Pflegeexpert*innen sucht

Die AWO Sozialstation im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg liegt  versteckt in einem Mehrparteien haus. Die Eingangstür lässt sich erst nach einigen Sekunden öffnen. Ein Schild bittet Kund*innen, geduldig zu sein und bloß nicht am Türknopf zu rütteln.

Auf dem Tisch im Mitarbeiterraum steht ein Marmorkuchen, selbst gebacken, mit Schokoladenguss verziert. Angela feierte vor zwei Tagen ihren 25. Geburtstag. Heute ist ihr erster Tag nach dem Urlaub.

Die gebürtige Hamburgerin ist herzlich und ihr breites Lachen steckt sofort an. Sie trägt einen rosafarbenen Overall in Nickioptik. Ihre Arbeitskleidung zieht Angela erst später an, kurz bevor es auf Tour geht. Davor hat sie immer Zeit zum Lernen. Das gehört mit zu ihrer Arbeitszeit.

Sie setzt sich auf einen Stuhl und rückt hin und her, um eine angenehme Position zu finden. Aufgeregt ist sie nicht. Ganz im Ge- genteil, sie ist routiniert im Interviews geben. Seit letztem Jahr wird sie regelmäßig von der ZEIT in ihrem Berufsalltag begleitet.

Angela befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Altenpflegefachkraft bei der AWO. Ein Beruf, der im gesellschaftlichen Ansehen nicht an oberster Stelle steht und somit nicht oft ergriffen wird. Wenn man junge Menschen heutzutage fragt, was sie beruflich machen möchten, dann antworten viele: »Irgendwas mit Medien.« Als man Angela diese Frage nach dem Abitur stellte, wusste sie: »Irgendwas mit Menschen.«

Das unterschied sie schon damals von ihren Schulkamerad*innen. Aber vielleicht auch gerade deshalb, weil sie mit 19 Jahren schwanger wurde, mit 20 ihr Abitur machte und kurz darauf ihre Tochter Alisha bekam. Ein schneller Sprung ins Erwachsenwerden.

Nach der Schule war auch Angela ein Beispiel für ihre Generation – die »Generation (Wh)Y« – der alle Chancen offen zu stehen scheinen und die sich genau darin verlieren kann. Das Einzige, was Angela klar war:

Sie wollte in ihrem Beruf Kontakt zu Menschen haben und etwas in die medizinische Richtung tun. Kurz nach ihrer Elternzeit begann sie eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Angestellte. Der Kundenkontakt blieb jedoch aus. »Also hab’ ich das wieder aufgehört.«

 

Über die Mutter einer Freundin kam sie schließlichzur AWO und schnupperte während eines Praktikums in die stationäre und ambulante Pflege. Am Ende entschied sie sich für letzteres. »Mich hat es sehr berührt zu wissen, dass in den Wohnungen Menschen leben, die meine Hilfe brauchen.«

Als alleinerziehende Mutter kennt sie das Gefühl, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Von zu Hause bekommt sie einen starken Rückhalt. Ihre ganze Familie lebt im Stadtteil und auch Angela ist hier geblieben. Sie ist das dritte von sieben Kindern.

»Die Dritten sind immer die Schönsten!« Sie lacht und wirft sich die Haare demonstrativ zur Seite. »Man braucht als junge Mutter in der Ausbildung eine Familie, die einen unterstützt.«

Früh schwanger zu werden hat sie geprägt. »Ich war immer sehr chaotisch«, erzählt sie, »jetzt hab’ ich Verantwortung und muss strukturiert sein.« Was nicht heißt, dass sie nicht manchmal das Gefühl hat, dass alles zu viel wird. Schule, Arbeiten, Kind. Man braucht Zeit, um »in den Flow zu kommen«, wie sie es nennt.

Den Job an sich findet sie nicht anstrengend. Am Anfang war es eher das Zwischenmenschliche, das sie belastet hat. »Wenn man nach dem Besuch geht und die Menschen allein lässt, war das immer etwas traurig für mich. Es ist schwer, das nicht zu arg an sich ranzulassen.« Inzwischen betrachtet sie ihre Kund*innen wie Bekannte, bei denen sie vorbeikommt und ihnen einfach etwas unter die Arme greift.

Nicht zu arbeiten war nie eine Option für Angela. Ihre größte Motivation ist ihre Tochter Alisha. Sie weiß, dass sie eine Vorbildfunktion hat. »Ich möchte nicht, dass mich meine Kleine irgendwann fragt, warum ich zum Beispiel nicht arbeiten gegangen bin. Sie soll sehen, dass es möglich ist, als junge Mutter zu arbeiten und ein Kind großzuziehen.«

Mit ihrer Stärke inspiriert sie schon jetzt andere in ihrem Alter. Denn seit Anfang des Jahres ist Angela Teil einer bundesweiten Ausbildungskampagne der AWO, die junge Menschen motiviert, einen Beruf in der Altenpflege zu ergreifen. Als sogenannte »Pflegeexpertin« berichtet sie ehrlich aus ihrem Alltag als Auszubildene und als Mutter.

Sie sieht die Notwendigkeit, ein positives und authentisches Bild der Pflege zu vermitteln. »Viele denken, dass Altenpflege immer nur Po- abwischen ist. Das dachte ich früher auch. Aber das ist es gar nicht. Es ist so viel. Es ist unterhaltsam, lehrreich und dankbar.«

Dass ihre Generation so stark auf Handys und Social Media konzentriert ist, stört sie. »Irgendwann nimmt das Überhand und die Gemeinschaft ist nicht mehr da«, befürchtet Angela. Wenn es nach ihr ginge, sollte jeder junge Mensch zumindest eine Woche lang mit in die Pflege kommen, um zu sehen, wie es wirklich ist.

Dann würde sich das negative Bild schlagartig ändern. »Irgendwann werden wir auch alt sein und dann werden wir uns freuen, wenn es Menschen wie mich gibt. Mich beruhigt das. Denn ich weiß, dass ich es irgendwann zurückbekomme.«

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