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Lebenslanges Lernen

21. Januar 2014

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In der »Universität der 3. Generation« brauchen die Teilnehmer kein Abitur, aber Neugierde auf Neues. Bei diesem deutschlandweit einzigartigen Projekt der AWO Bremen geht es um vielfältige Wissensvermittlung von und für ältere Menschen. Ein Besuch bei den Spätsemestern.

Donnerstagvormittag, halb elf. Rund ein Dutzend Senioren sitzt in der Begegnungsstätte Habenhausen mit konzentriertem Gesichtsausdruck um einen Tisch herum und lauscht Igor Strawinskis Ballettmusik »Le Sacre du Printemps «, die aus einem CD-Gerät ertönt. »Für die damalige Zeit waren diese außergewöhnlichen rhythmischen Klangstrukturen unerhört«, erklärt der Dozent Peter Paulitsch in einer Hörpause. »Die Aufführung im Pariser Théâtre des Champs-Élysées löste 1913 einen Riesenskandal aus. Wie empfinden Sie diese Musik?« Eine grauhaarige Dame mit Kurzhaarschnitt meldet sich zu Wort: »Ich finde sie ziemlich aggressiv.« – »Oh, dann bin ich gespannt, wie Ligetis Kompositionen auf Sie wirken«, sagt Paulitsch.

»Der ist 30 Jahre nach Strawinski noch radikaler vorgegangen und hat Melodie und Rhythmus zu einem massiven Klang verschmolzen. Da hört man zum Beispiel in einem Streichorchester gar keine Streicher mehr, sondern nur noch Klangteppiche. Das nennt man Mikropolophonie.« Einige Damen – unter den »Studenten« befindet sich nur ein einziger Herr – machen sich Notizen auf ihren mitgebrachten Blöcken. Der Kurs, an dem sie gerade teilnehmen, heißt »Die unendliche Vielfalt der Musik: Beethoven, Brahms, Mozart & mehr«. Es geht darum, Einblicke in die Techniken und die Geschichte von Komponisten zu bekommen. Mit dem 68-jährigen Peter Paulitsch konnte die AWO Bremen einen hochqualifizierten Experten gewinnen, der nicht nur hierzulande, sondern auch international als Pianist und Dirigent tätig war – und dem es jetzt sichtlich Spaß macht, im Rahmen der »Universität der 3. Generation« auch Laien die klassische Musik näherzubringen. Über 450 Studierende nehmen allein im Wintersemester 2013/2014 das Angebot dieses Modellprojekts wahr. Sie können aus den Bereichen »Kunst & Kultur«, »Politik & Gesellschaft«, »Computer & Internet« sowie »Wissenschaft & Technik« wählen. Ein weiterer Themenschwerpunkt sind die »Bremer Einblicke« mit Ausflügen u. a. ins Weserstadion oder zu einer Werft.

Nach dem Motto »Ruhestand muss kein Stillstand sein« möchte die AWO Senioren dazu ermutigen, sich weiterzubilden, und zwar »ganz entspannt und ohne Leistungsdruck «, wie der Projektleiter Bruno Steinmann betont. Um jedes Semester aufs Neue ein attraktives Programm für die Zielgruppe zusammenstellen zu können, nimmt der 30-jährige Kulturwissenschaftler regelmäßig an den Vorträgen teil. »Da kann ich selbst eine Menge lernen. Außerdem hält das nicht nur die grauen Zellen fit.« Anders als das Angebot der Volkshochschule oder der Uni Bremen, die ebenfalls Seniorenkurse anbieten, sind die der AWO kostenlos und dezentral, d. h., sie finden an unterschiedlichen Orten statt, um den älteren Herrschaften lange Anfahrtswege zu ersparen. Mehr als 70 Experten konnten die Macher der »Universität der 3. Generation«, kurz »U3G« genannt, als ehrenamtliche (!) Referenten gewinnen. Doch ohne finanzielle Unterstützung ist so ein ambitioniertes Projekt nicht möglich. »Die bekommen wir derzeit noch von der Deutschen Fernsehlotterie«, sagt Bruno Steinmann, »aber wir sind auf der Suche nach einer Stiftung, die sich am Erhalt der »U3G« beteiligen möchte.« Auch der Verein »Aktive Menschen Bremen« hilft, indem er zum Beispiel die Räume seiner Begegnungsstätte in Habenhausen zur Verfügung stellt und inhaltlichen Input bietet. »Demnächst wird es einen Europakurs geben«, erzählt die langjährige und höchst engagierte Leiterin Karin Heßling. »Viele Menschen wissen gar nicht, dass im Mai Europawahlen stattfinden, und beteiligen sich dementsprechend auch nicht. Wir wollen zumindest aufklären und laden zum Thema kompetente Gesprächspartner ein.« Manchmal kommen die Anregungen auch von den Senioren selbst. So fragte die 69-jährige Gesine Knitter den AWO Projektleiter auf einer Veranstaltung, ob man nicht mal etwas zum Thema Börse anbieten könne. Im folgenden Semester stand das Seminar »Die Finanzmärkte im Wandel« auf dem Programm, geleitet von Markus Westermann, der bei der Gewerkschaft ver.di für diesen Fachbereich zuständig ist. »Für mich sind diese Kurse perfekt«, sagt Gesine Knitter, die auch im Musikkurs dabei ist. »Sie sind zeitlich begrenzt und man muss sich nicht für eine Ewigkeit verpflichten.Außerdem erweitere ich jedes Mal meinen Horizont – wie heute, denn ich kenne mich mit Musik wenig aus.« Und Teilnehmerin Brigitte Linge findet gut, »dass der Stoff so anschaulich vermittelt wird, dass sich keiner ausgeschlossen fühlt.«

Nach vielen Hörbeispielen sowie praktischen Rhythmusübungen und einem Exkurs in die Geschichte der Musik endet das Seminar an diesem Donnerstagvormittag mit einem kleinen Klavierkonzert des Meisters, den man sich alleine schon wegen seiner längeren, graumelierten Haare und dem roten Hemd problemlos auf dem Orchesterpodest vorstellen kann. Die Runde wünscht sich drei Stücke, darunter Beethovens Mondscheinsonate. Danach verabschiedet sich Peter Paulitsch mit den Worten: »Nicht nur Sie haben etwas gelernt – auch für mich waren Sie mit Ihren Fragen und Beiträgen anregend!«

Infos unter:
www.awo-bremen.de/universitaet-der-drittengeneration
oder unter Tel. 0421 790257

 

 

 

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