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Lebensspuren 2/10: Franz Werner, 94, aus dem AWO Bürgerstift Landsberg

22. Mai 2014

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Franz Werner

Was prägt uns, gibt uns Halt und Orientierung? Welche Ereignisse, Menschen und Momente bleiben unvergesslich? Zehn Bewohnerinnen und Bewohner aus AWO Seniorenheimen erzählen von ihren Erfahrungen – begleitet von Weisheiten, die zur jeweiligen Biografie passen und die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen.

Franz WernerFRANZ WERNER, 94, AUS DEM AWO BÜRGERSTIFT LANDSBERG:

»Mein Vater war Bürgermeister in einer sudetendeutschen Kleinstadt. Ich besuchte ein huma – nistisches Gymnasium, lernte Latein und Alt-Griechisch und hatte fast nur Einsen im Zeugnis. Der Plan, Fernmeldewesen zu studieren, wurde vom Krieg durchkreuzt. Stattdessen ging ich im Oktober 1939 zur Luftwaffe, nahm an der Besetzung Norwegens teil. Damals war ich von dem, was wir taten, überzeugt und bedauerte es, als ich nach einer Augenuntersuchung nicht mehr ein – gesetzt wurde. Im Nachhinein war es meine Rettung. Mein Bruder zum Beispiel war einfach ver – schwunden – jede Nachforschung verlief ins Leere. Mein Vater wurde von Tschechen ermordet, meine Mutter ausgewiesen. Wir kamen in ein Flüchtlingslager nach Lübeck, wo ich in der Stadtverwaltung unterkam. Später ging ich zur Bundeswehr und wurde Oberst. An keinem einzigen Tag in meinem Leben war ich arbeitslos. Stolz bin ich auch auf meine Kinder: Meine Tochter ist Diplom-Psychologin, mein Sohn Gerichtspräsident und mein Enkel Diplom-Ingenieur. Ich selbst pflegte nach dem Ruhestand meine Frau, sie war lange bettlägerig. Außerdem gab ich Nachhilfe. Ursprünglich wollte ich Geige und Klavier unterrichten, aber immer mehr Eltern fragten mich, ob ich ihrem Kind stattdessen nicht Mathe beibringen könne. Oft haben die Schüler sich um bis zu zwei Noten verbessert. Auch das hat mich erfüllt.«

 

»SEINE PFLICHT ERKENNEN UND TUN, DAS IST DIE HAUPTSACHE.«
FRIEDRICH der II., DER »ALTE FRITZ« (König von Preußen,1712-1786)
 

 

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