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Moderne Pflege

14. Januar 2014

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Schnell, effizient und digital – heutzutage lassen sich nur mit Hilfe von Technik die vielschichtigen Arbeitsstrukturen bewältigen. Das gilt auch für den Alltag in den AWO Seniorenzentren. Doch mit dem Einzug von Tablets und Smartphones hört zeitgemäße Pflege noch lange nicht auf. Ein Bericht über die neuen Herausforderungen in einer immer älter werdenden, aber auch immer komplexeren Gesellschaft.

Ein großzügiger, aufgeräumter, heller Raum mit riesiger Fensterfront, die den Blick frei gibt ins Grüne: Das ist das Reich von Marco Krohn, Leiter des ambulanten Dienstes im AWO Sozialzentrum Lauterbach. Wie frisch bezogen wirkt das Büro, in dem das Wenige seinen Platz hat und sogar die selbstgemalten Kindergartenbilder der Tochter einen gewissen Galerie-Charakter ausstrahlen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte dies auch die Denkfabrik eines jungen IT-Spezialisten sein. Doch statt an einem neuen Programm zu tüfteln, organisiert Marco Krohn die tägliche Tourplanung seiner 19 Mitarbeiter von der Früh- bis zur Spätschicht.
»Früher wurden die Infos noch auf Karteikärtchen geschrieben und danach in eine Planungstafel gesteckt«, erzählt der 37-Jährige. »Jetzt ist alles digital und, wie ich finde, nicht nur übersichtlicher, sondern auch einfacher geworden.« Seit Oktober 2012 benutzt sein Team für die Pflegeplanung eine Software namens »Medifox«. Damit wird alles erfasst: von den Stammdaten des Kunden (Größe, Gewicht, Grad der Pflegestufe etc.) bis zu seinen Leistungsansprüchen, von den Vitalwerten bis zur benötigten Medikation wie Tabletten, Injektionen und Wundverbänden. Ebenfalls vermerkt ist, ob ein Kunde seinen Haustürschlüssel im AWO Sozialzentrum hinterlegt hat. Ein Klick auf den jeweiligen Namen, schon erscheinen auf dem Bildschirm die Angaben. Für die Mitarbeiter im ambulanten Dienst ist es natürlich wichtig, dass sie diese Daten auch unterwegs abrufen können. Und so liegen in Marco Krohns Büro auf einem Tisch mehrere Smartphones, aufgereiht wie das Besteck beim Zahnarzt. Zu Schichtbeginn holen die Mitarbeiter die Handys ab, die ihnen auch als Navigationsgeräte dienen. Bei so viel Technik verlieren manche Kollegen schon mal die Orientierung. Zumal die meisten ja einen sozialen Beruf erlernt haben, in dem zumindest früher kaum Wert auf EDV gelegt wurde. Doch mit der Zunahme an alten Menschen, die sich nicht mehr selbst versorgen können, steigen auch die Anforderungen an die Organisation.

Reichten einst handgeschriebene Patientenakten, so kann man mittlerweile das Aufkommen in Seniorenheimen nur noch digital bewältigen. Schließlich müssen diese, wie andere Unternehmen auch, sowohl wirtschaftlich als auch konkurrenzfähig sein und dabei so effizient wie möglich gemanagt werden. Bestes Beispiel für solch ein modernes Haus ist das AWO Sozialzentrum Lauterbach. Das bietet nämlich nicht nur ambulante Pflege für rund 80 Kunden und stationäre für 116 Bewohner, sondern außerdem ein ganzes Portfolio an Serviceleistungen: Essen auf Rädern, Mittagstisch, Betreutes Wohnen für zehn Apartments sowie Tages-, Kurzzeit- und Nachtpflege. »Wir sind in der Region die einzige Einrichtung, die so ein großes Angebot bereithält«, so die Pflegedienstleiterin Sylvia Motz- Sattler. »Die meisten Menschen wollen so lange wie möglich zu Hause wohnen – wir unterstützen dieses Bedürfnis und machen sie gleichzeitig vertraut mit unserem Haus.« So wie im Fall von Berta Schmelz. Da rief die Schwiegertochter eines Tages an und erkundigte sich nach Möglichkeiten für die 95-jährige Dame, die trotz ihres hohen Alters zwar noch rüstig ist, aber oft alleine. Jetzt kommt die Bäuerin jeden Montag zur Frühstückszeit ins AWO Sozialzentrum und freut sich über die Abwechslung mit Singen, Gymnastik und Plaudereien. Auch rund 300 Kilometer weiter nördlich, im hessischen Butzbach, sind die Menschen offen für Hightech. Immerhin diente die Kleinstadt bis 2009 als Standort für eines der führenden Online-Versandhäuser von Computern und Elektronik. Im Jahr der Schließung öffnete nach umfangreicher Renovierung das AWO Sozialzentrum Degerfeld, das seitdem als zeitgemäße, moderne Einrichtung am Platz gilt. Computergestützte Pflegeplanung und Dokumentation sind hier Alltag. So hängt im Flur des jeweiligen Wohnbereiches ein sogenannter Touch-Monitor, auf dem die Mitarbeiter mittels Magnet-Schlüssel zeitnah die Informationen über die einzelnen Bewohner eingeben und abrufen können. Vorbei die Zeiten, in denen zig Papiere ausgefüllt werden mussten und eine normale Akte schnell die Dicke eines Telefonbuches annahm.

Auf der Suche nach einer EDV-gestützten Pflegedokumentation prüfte die AWO mehr als ein Dutzend auf dem Markt verfügbare Systeme – und entschied sich für das innovative Software Programm DAN. Ein Jahr nach Schulung der Mitarbeiter ist die Pflegedienstleiterin Astrid Ewen zufrieden mit der Umstellung von Papier auf Elektronik.

Außerdem seien die Berichte ausführlicher und damit aussagekräftiger als früher. Das liegt an dem umfangreichen Katalog von Formulierungen und Textbausteinen, die das System bereits vorgibt und die man dann der individuellen Situation anpasst. Ein großer Vorteil sei auch die bildliche Dokumentation. So ist in Degerfeld jeder Pfleger mit einer Kamera ausgestattet und kann damit zum Beispiel Wunden aufnehmen und die Bilder dem behandelnden Arzt mailen. Doch nicht nur in die Ausstattung wurde investiert, auch ins Personal. »Wir haben erstmals Mitarbeiterinnen zu Schmerzschwestern ausgebildet«, sagt Astrid Ewen. »In einem Kurs lernten diese sogenannten ›Pain Nurses‹, wie man zum Beispiel Schmerzen bei demenziell Erkrankten erkennt und beurteilt. So etwas war bisher nicht möglich. Jetzt sind diese Schmerzschwestern die direkten Ansprechpartnerinnen für den jeweils behandelnden Arzt.«

Auch das gehört also zu einer modernen Pflege: der fachgerechte, an den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft orientierte Umgang mit einer (hoch)betagten Klientel. Aber hier fordert der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin noch Verbesserungen. »Wir haben einen sehr hohen Versorgungsbedarf mit einer wachsenden Zahl an Menschen mit Pflegestufe 3«, so DBfK-Pressesprecherin und Referentin Johanna Knüppel. Das verlange top ausgebildete Fachkräfte mit akademischem Abschluss wie in England und den USA und keine verkürzte Ausbildung und Minimal- Entlohnung, so wie das bei uns der Fall sei. »Es müssen attraktive Arbeitsplätze her, die mit anderen Branchen konkurrieren können.« Das Thema ist brisant. Darauf deutet auch der erstmals eingerichtete »Deutsche Pflegetag« Ende Januar 2014 in Berlin hin. »Nicht nur aufgrund der demographischen Entwicklung und des sich verschärfenden Pflegenotstands müssen wir die gesellschaftliche und gesundheitspolitische Debatte mehr forcieren«, so Mitinitiator Andreas Westerfellhaus,Präsident vom Deutschen Pflegerat. »Die Herausforderung Pflege wird zu der ›Sozialen Frage des 21. Jahrhunderts‹ in Deutschland.« Noch dramatischer sieht die Situation in Japan aus, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt: Dort sind 23 Prozent 65 Jahre und älter. Neben einer unterfinanzierten Pflegeversicherung mangelt es massiv an Fachkräften und Senioreneinrichtungen. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, setzen die Japaner auf Technik. So sollen beispielsweise Pflegebedürftige per Videokonferenz in ihrem häuslichen Umfeld beraten werden. Für Demenzkranke gibt es Betten mit Gewichtssensoren, verbunden mit einem Computernetzwerk, das automatisch die Tür verriegelt, falls der Patient plötzlich aufsteht. Auch sogenannte »human washing maschines« kommen zum Einsatz. In solchen »Waschmaschinen« werden bedürftige Senioren hineingelegt und per Knopfdruck automatisch eingeseift und gewaschen. Die wohl skurrilste Erfindung aus Fernost: Ein mit Elektroden ausgestatteter Slip, der Stromschläge an die Haut abgibt und so die bettlägerige Person in regelmäßigen Zeitabständen in eine andere Liegeposition katapultiert.

Das sind menschenfeindliche Methoden, von denen Deutschland Gott sei Dank weit entfernt ist. Viel wichtiger als hochmoderne Technologien, die Personal einsparen, sind hochmotivierte Mitarbeiter. Schließlich leisten diese einen immens wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft. Jüngst forderten Alten- und Krankenpfleger mindestens 20 Prozent mehr Personal in den Heimen. Sie taten das aufhöchst moderne Art und Weise und riefen im Internet über soziale Netzwerke zur Protestaktion auf. Folge: In den Fußgängerzonen von 40 deutschen Städten kam es zu zehnminütigen, spontanen Versammlungen. Das nennt man dann einen »Flashmob«.

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