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Mit Technologie für mehr Lebensqualität von Demenzerkrankten

© COMMWORK, Eric Langerbeins

Neue Technologien gehören zu einer modernen Pflege. Sie helfen nicht nur, Zeit und Kosten zu sparen, sondern können auch die Lebensqualität von Pflegebedürftigen fördern. Dass besonders Menschen mit einer Demenzerkrankung von digitalen Konzepten profitieren, zeigt ein Besuch in Einrichtungen der AWO Gesellschaft für Altenhilfeeinrichtungen.

Die Arme verschränkt, der Blick leer. Teilnahmslos sitzt Gisela Palmer, eine zierliche Frau mit grauem Wuschelhaar, im Wohnbereich des Walter-Heckmann AWO Senioren- und Sozialzentrums Herzogenrath. Auch ihre beiden männlichen Nachbarn im Stuhlkreis zeigen wenig Regung – bis plötzlich ein bunter Strandball auf dem Boden erscheint. Der im Rollstuhl sitzende Franz Emons gibt ihm gezielt einen Schubs, Frau Palmer streckt das rechte Bein weit nach vorne, trifft noch mit der Fußspitze … der Ball rollt unaufhaltsam. »Tooor!« Eine AWO Mitarbeiterin reißt begeistert die Arme hoch, und auf dem Gesicht der 93-Jährigen zeigt sich ein mildes Lächeln.

Das Spiel »Fußball« bereitet sichtlich Freude, auch wenn der Ball nicht aus Leder ist, sondern virtuell. Eine Lichtprojektion, aus einem an der Decke hängenden Kasten, die auf Bewegungen reagiert. »Tovertafel « nennt sich das gute Stück und umfasst Beamer, Lautsprecher, Infrarotsensoren sowie einen Prozessor, mit dem verschiedene Motive auf den Boden oder Tisch projiziert werden. Der Name kommt aus dem Niederländischen und bedeutet »Zaubertisch«. Und tatsächlich hat es etwas Magisches, wenn Sternbilder, Seifenblasen oder – wie jetzt – Seerosen und Goldfische erscheinen. Der Pfleger Benjamin Liedgens verteilt Laternenstäbe an die Bewohnerinnen, die sie als Angel benutzen sollen. Sobald die Schnur einen Fisch berührt, schwimmt dieser blitzschnell davon. Das Gefühl, an einem echten Teich zu sitzen, verstärken Blubbergeräusche, und das Wasser wirft Wellen, sobald die Seniorinnen mit ihren Füßen darüberstreichen. »Wir haben es schon erlebt, dass jemand die Hosenbeine hochkrempelt, um nicht nass zu werden«, erzählt Angelika Mehlkop, die als Koordinatorin der Alltagsbegleiter*innen bisher nur gute Erfahrungen mit diesem neuen Beschäftigungsinstrument macht. »Eine schöne Möglichkeit, Menschen mit Demenz zu mehr Bewegung und auch sozialer Interaktion anzuregen.«

Das Repertoire der Lichtspiele ist groß: von gedächtnisanregenden Rommé-Reihen über Nostalgiepuzzle, die Erinnerungen wachrufen sollen, bis zum körperlich anregenden Fußballspiel. Auch jahreszeitliche Themen wie Karneval oder Ostern stehen zur Auswahl. Je nach Stimmung und individuellem Bedürfnis kann eine heitere oder entspannte Atmosphäre geschaffen werden. Mal geht es um das Staunen über Farben, Formen und Töne, mal steht das Gruppenerlebnis im Mittelpunkt.

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»Die Tovertafel darf keine Dauerbeschallung sein«, so Einrichtungsleiter Lothar Cecharowski. »Aber wenn man sie gezielt und richtig einsetzt, also immer in Begleitung von Mitarbeiterinnen und nicht länger als 25 Minuten, dann kann sie viel Positives bewirken.« Seit November 2019 ist diese technische Pflegeinnovation im auf die Betreuung demenziell erkrankter Menschen spezialisierten AWO Haus im Einsatz. Entdeckt haben die Mitarbeiterinnen sie auf einer Altenpflegemesse in Nürnberg – und waren sofort angetan von ihr. Die Kosten von jeweils rund 6.000 Euro haben das Seniorenzentrum und drei weitere Einrichtungen der AWO Gesellschaft für Altenhilfeeinrichtungen (s. Kasten) zu 90 Prozent durch die GlücksSpirale finanzieren können, die als Partnerin der AWO gemeinnützige Vorhaben fördert. »Darüber bin ich sehr froh«, sagt Einrichtungsleiter Cecharowski, der neuen Technologien offen gegenübersteht. Gerade testet er ein weiteres Produkt aus den Niederlanden: Qwiek. up. Ein mobiles Gerät, das – begleitet von einer beruhigenden Klangkulisse – Bilder an die Decke oder an die Wand projiziert und sich damit besonders für Bettlägerige eignet. Verschiedene Themen stehen bei diesem audiovisuellen Konzept zur Auswahl, darunter »Natur« (Waldspaziergang, Bauernhof, Zoo), »Feiertage« oder »Biografiearbeit« (altes Handwerk, Babys, Kinder). Das Besondere: Qwiek.up ist multifunktional einsetzbar und kann auf dendie Bewohnerin und seineihre persönlichen Wünsche und Bedürfnisse abgestimmt und mit eigenen Fotos und Musik oder Videos ganz nach dem Geschmack desder Nutzer*in bestückt werden. Damit folgt Qwiek.up, in den Niederlanden bereits in jeder dritten Einrichtung eingesetzt, dem dort etablierten »erlebnisorientierten« Pflegeansatz. Durch spezielle Reize kann man insbesondere Menschen in der späten Phase der Demenz in ihrer ganz eigenen Welt erreichen. »Aber auch da muss man ganz genau beobachten, was der oder dem Einzelnen gut tut«, sagt Angelika Mehlkop. So habe man einer Dame, gebürtig aus Bayern, Bilder von Bergen an die Decke projiziert – in der Annahme, dass sie durch ihre Biografie darauf reagiert. Doch Fehlanzeige. »Sie schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als wir Aufnahmen von Orang-Utans abspielten.«

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Schöne Augen-Blicke: Qwiek.up eignet sich durch die Deckenprojektion vor allem für Bettlägerige

Knapp 1,6 Millionen Menschen leben derzeit in Deutschland mit einer Demenzerkrankung. Neuesten Schätzungen zufolge ist mit einem Anstieg auf 2,7 Millionen im Jahr 2050 zu rechnen. Ihre Versorgung stellt eine immense Herausforderung dar, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für die Angehörigen und professionell Pflegenden. Die gute Nachricht: Technische Unterstützung birgt enorme Potenziale. Auch bei der AWO spielt die Digitalisierung eine immer größere Rolle und gehört zunehmend zum Arbeitsalltag. So ist die elektronische Patientenakte inzwischen so selbstverständlich wie technische Bewegungs-, Transport- oder Hebehilfen. Oder die »smarte« Küche im AWO Seniorenzentrum Saaler Mühle in Bensberg. Sie spart Zeit, wenn das zehnköpfige Küchenteam von aufwendigen Dokumentationspflichten entlastet wird. »Bei uns gibt es jetzt kein Papier mehr«, sagt Anita Rosenfeld, Leiterin der Hauswirtschaft. »Wir können online Checklisten abrufen, und die Rezepte sind so hinterlegt, dass wir nur noch auf das entsprechende Knöpfchen drücken müssen.« Der 34-Jährigen macht die Arbeit mit »Connect Cooking « nicht nur Spaß, sondern sie sieht darin auch einen Lösungsansatz für den Fachkräftemangel.

Dass Menschen irgendwann ganz von Maschinen ersetzt werden, das ist jedoch auch eine Sorge beim Thema neue Technologien. Schließlich werden sogar hierzulande schon Roboter in Pflegeeinrichtungen getestet (s. AWO Journal 02/2019). Und nicht jede Innovation ist sinnvoll.

Damit keine Technik entwickelt wird, die an menschlichen Bedürfnissen vorbeigeht, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2014 im Rahmen der »Pflegeinnovationen 2020« einen Förderschwerpunkt dem Thema »Menschen mit Demenz« gewidmet. Entstanden ist daraus das Forschungsprojekt »I-CARE« der AWO Karlsruhe gemeinnützige GmbH. Im Rahmen dessen entwickelten Pflegerinnen gemeinsam mit High-Tech-Spezialisten und Wissenschaftlerinnen einen Tablet-PC zur Aktivierung von demenziell veränderten Menschen. Ziel: die Steigerung von Selbstbestimmung und Lebensqualität aller Betroffenen. Die Expertinnen kreierten ein Instrument, das trotz ausgetüftelter Technik ganz leicht zu bedienen ist. Ergebnis: Die Demenzerkrankten waren während der Sitzungen kommunikativer und aktiver. »Manche haben in diesen zehn Minuten ihre Sprache wiedergefunden «, sagt Jana Lohse, die das Projekt als Sozialarbeiterin begleitete. So habe man einem Teilnehmer und großem KSC-Fan, einst sehr engagiert in der Altherrenmannschaft des Fußballvereins, persönliche Bilder aus dieser Zeit auf dem Display gezeigt. »Die Fotos trafen ein hochemotionales Gebiet des Gedächtnisses und lösten einen positiven Effekt aus«, so die AWO Mitarbeiterin. Expertinnen sprechen von »Inseln des Selbst«. Der Mann zeigte die Bilder stolz seiner Demenzgruppe und will demnächst sogar ein Spiel besuchen.

Inzwischen wird die Software »Media Dementia« des Unternehmens »Media4Care«, ein Partner des »I-CARE«-Projektes, in Pflegeheimen eingesetzt, darunter im AWO Hermann-Koch-Seniorenzentrum. »Die ist zum Beispiel gut für die Einzelbetreuung «, sagt Alltagsbegleiterin Hedi Keimer und zeigt einer Bewohnerin auf dem Tablet Katzenbilder. »Meine Minusch zu Hause sieht genauso aus!« Die Dame weiß in diesem Moment nicht, dass sie längst im Seniorenzentrum wohnt, aber der Anblick des Haustieres löst in ihr Freude aus. So, wie die flatternden Schmetterlinge, die die eingangs erwähnte Tovertafel auf den Tisch zaubert und damit Demente kurz aus ihrer Apathie erwachen lässt. »Demenzkranke Menschen sind kognitiv eingeschränkt und in ihrem Verhalten reduziert«, erklärt Einrichtungsleiterin Petra Strömer. »Sie nehmen ihre Umwelt nicht mehr so wahr wie früher.« Der Projektor erzeuge mit angenehmen Farben und Tönen Situationen, die die Bewohner*innen an Alltägliches erinnern. Besonders beliebt sind die Blumen, die durch Berührungen immer größer werden. Bewohnerin Elke Löhr, sonst sehr unruhig, bleibt gebannt am Tisch sitzen und tippelt mit ihren Fingerkuppen auf eine Margerite, die bald die ganze Fläche bedeckt und Frau Löhrs Augen zum Glänzen bringt. Bei der Tovertafel gibt es keine Regeln, kein Falsch und kein Richtig. Das Spiel sorgt für Freude und Wohlbefinden. Was gibt es Schöneres?!

© COMMWORK, Eric Langerbeins
»Tovertafel« Der Name kommt aus dem Niederländischen und bedeutet »Zaubertisch«

EIN TUSCH AUF DIE TOVERTAFEL

Die AWO Seniorenzentren im nordrheinwestfälischen Troisdorf, Süssendell, Düren- Weyerfeld und Herzogenrath haben sich bei dem Projekt »Tovertafel« zusammengetan und wurden von der GlücksSpirale zu einem Großteil finanziell unterstützt. Alle machen hervorragende Erfahrungen mit dieser technischen Pflegeinnovation bei der Betreuung von demenziell erkrankten Bewohnerinnen. Einrichtungsleiterin Kornelia Schloms vom Alfred-Delp-Altenzentrum hebt vor allem das Gemeinschaftserlebnis hervor, das mit den interaktiven Lichtspielen möglich ist. So können auch Angehörige in die Spiele mit einbezogen werden, und die Inhalte sind auf die unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Bewohnerinnen abgestimmt. Ihre Kollegin Petra Strömer vom Hermann-Koch Seniorenzentrum sagt: »Elektronik gibt uns die Chance, noch vielfältiger zu werden und auf den Einzelnen einzugehen.« Klas Bauer, der in Süssendell die individuelle Dorfgemeinschaft für überwiegend an Demenz erkrankte Menschen leitet, hält den flexiblen Umgang für entscheidend – und eine Kombination aus herkömmlichen und digitalen Konzepten. Mehr Infos unter www.tovertafel.de

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