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Rechte Masche, linke Masche

26. September 2014

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Es ist wieder en vogue, mit der Strick- oder Häkelnadel Selbstgemachtes herzustellen. Doch was heute als Hobby ein Comeback erlebt, gehörte einst zur Pflicht von (angehenden) Hausfrauen. Die meisten Bewohnerinnen aus den AWO Häusern – wie Margarete Braun und Erna Sellmann – haben Handarbeit von der Pike auf gelernt.

QL9B0782Für Margarete Braun ist das ganze Jahr über Winter. Auch jetzt, wenn die Natur in voller Blüte steht und Freibadtemperaturen herrschen, denkt sie an die kalte Jahreszeit – wenn wieder Mützen, Handschuhe, Stulpen, Schals und dicke Pullover gefragt sind. Eben alles, was die 81-Jährige schon Monate vorher strickt und häkelt, damit es zum Saisonstart fertig ist. Unter dem Bett befinden sich ihre Schätze. Und es werden täglich mehr! Schon jetzt quillt der Koffer über, mit dem Margarete Braun im November ins Heiligen-Geist-Hospital zum Kunsthandwerkermarkt fahren und ihre selbstgemachten Sachen ausstellen wird. In diesem Jahr ist sie zum 20. Mal mit ihrem Stand dabei. »Im Laufe der Zeit habe ich schon viele Trends kommen und gehen sehen«, erzählt die Bewohnerin aus dem Lübecker AWO Servicehaus, während die Nadeln zwischen ihren Fingern wieder zu klappern beginnen. »Mal hat man mir die Norwegerpullis aus der Hand gerissen, mal bunte Bommelmützen; und jetzt sind gerade Dreieckstücher gefragt.«

Um mit der Mode zu gehen, blättert die vierfache Mutter regelmäßig Kataloge, hält die Augen auf beim Schaufensterbummel und befragt ihre Enkel. Die haben heute nicht mehr wie anno dazumal Handarbeitsunterricht in der Schule. »Mir hat das immer unheimlich viel Spaß gemacht«, sagt Frau Braun, die aus einer Fischerfamilie in Schlutup an der Grenze zu Mecklenburg stammt. »Meine Freundin und ich haben uns regelrecht Wettkämpfe geliefert und immer wieder neue Muster ausprobiert. Die schönsten Entwürfe wurden in einer Glasvitrine in der Schule ausgestellt – das spornte natürlich ungemein an.« Sie kann sich nicht erinnern, je ohne Handarbeit gewesen zu sein. Später, als sie selbst Kinder hatte, saß sie bei deren Hausaufgaben stets mit Strick- und Nähzeug nebendran. Das war nicht nur effizient, sondern schonte auch die Familienkasse, denn bei vier Töchtern war das Geld zum Kleiderkauf knapp. »Aber meine Mädchen waren immer hübsch angezogen«, erzählt Frau Braun mit Stolz in der Stimme.

Ehrgeizig ist sie noch immer. 08/15-Dinge zu fabrizieren, kommt nicht infrage. Sie experimentiert mit Farben und traut sich auch an Kompliziertes, wie z. B. das Knüpfen von Zierkissen. Und ihre Kindermützen haben auch schon mal die Form einer Erdbeere.

Die tägliche Portion Wolle.

Nach der Trennung von ihrem Mann 1978 verdiente sich Frau Braun mit Handarbeiten zusätzlich Geld. »Ich arbeitete als Garderobiere im Theater und konnte während der Vorstellung immer etwas stricken«, erinnert sich die Bewohnerin. »Auch meine Kolleginnen hatten Handarbeitssachen dabei, und so inspirierten wir uns gegenseitig – das war eine schöne Zeit.« Fürs Wohlbefinden braucht sie bis heute ihre tägliche Portion Wolle.

QL9B1396Erna Sellmann aus dem AWO Servicehaus Lensahn bedauert es, dass ihre Finger nicht mehr so beweglich für die Handarbeit sind. »Früher habe ich alles selbst gemacht, aber das waren ja auch andere Zeiten.« Sie wundert sich, wie die Kinder heutzutage aufwachsen: Sie machen ihre Hausaufgaben am Computer, nachmittags steht Freizeit auf dem Programm, und Kleider werden ständig neu gekauft. »Ich komme aus der Landwirtschaft, und da musste ich schon früh tüchtig mithelfen: Kartoffel säen, Beete harken, Tiere füttern, sogar Geflügel schlachten; genauso wie Brot backen, Wäsche waschen und eben auch Handarbeit.« Nach dem Kühemelken am Morgen ging es für klein Erna zur Schule – mit Holzpantoffeln an den Füßen und dem Bruder an der Hand. »Obwohl der zwei Jahre älter ist, drückten wir gemeinsam die Schulbank – große Klassen waren damals üblich.« Nur im Handarbeitsunterricht ging man getrennte Wege. Dort lernten die Mädchen alles, von Platt-, Kreuz- und Kettenstich bis zum Hohlsaumnähen. »Diese Fertigkeiten waren besonders während des Krieges sehr nützlich«, erinnert sich die 91-Jährige. »Da wurde dann Schönes aus alten Tüchern und aus Bettzeug gezaubert.«

Tipp für Hobbyhandarbeiter

Wer in alten Erinnerungen schwelgen oder seinen Enkeln die Zeit von anno dazumal näherbringen möchte, für den empfiehlt sich ein Besuch im schleswig-holsteinischen Dorfmuseum Schönwalde. Dort stehen noch die alten Bänke, in denen auch Frau Sellmann als Abc-Schützin saß – mit original Tintenfass, Schiefertafel und Griffel.

Dorfmuseum Schönwalde
Am Ruhsal, 23744 Schönwalde a. B. Geöffnet: Mai bis September Di. und Fr. von 16 bis 18 Uhr, im Juli und August zusätzlich So. von 16 bis 18 Uhr www.dorfmuseum-schoenwalde.de

Handarbeitsmuseum Gröbern
Radeburger Str. 24, 01689 Niederau, OT Gröbern (bei Meißen) Geöffnet: Do. und Fr. 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr, So. 14 bis 17 Uhr www.handarbeitshaus-meissen.de In dem Fachwerkhaus kann man nicht nur alte Geräte und Handarbeitstechniken wie Occhi, Filet und Gabeln bewundern, sondern auch an verschiedenen (Quilt-)Kursen teilnehmen.

Sie haben keine Zeit für Handarbeit, wünschen sich aber Selbstgemachtes?
Dann schauen Sie sich doch mal die hübschen Sachen an, die Seniorinnen im Internet verkaufen: www.omaschmidtsmasche.de und www.myoma.de

 

 

 

 

 

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