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Schau mir in die Ohren, Kleines!

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 Ranija Güse ist Hörgeräteakustikerin in Hamburg. Sie versorgt schwerhörige Menschen mit Hörgeräten. Zu ihren Aufgaben gehören die Beratung, Anpassung und Wartung der Geräte. Im Interview erklärt sie, warum Hörverlust uns alle betrifft und auf welchem Stand die Technik ist.

Frau Güse, wann braucht man ein Hörgerät?

Man merkt meist selbst gar nicht, dass man schlecht hört. Das Gefühl, die anderen müssten lauter und deutlicher sprechen, damit man sie versteht, ist aber oft ein erster Hinweis. Auch das Umfeld kann einen auf die Schwerhörigkeit aufmerksam machen. Diese Hinweise sollte man ernst nehmen.

Warum kann man das selbst so schlecht einschätzen?

Man gewöhnt sich an den Hörverlust. Deshalb rate ich den Kunden dazu, einmal im Jahr einen Kontroll-Hörtest durchführen zu lassen.

Was sind die Ursachen für den Hörverlust?

Natürlich gibt es unzählige Krank- heiten wie etwa einen Hörsturz oder angeborene Fehlbildungen, die das Hörvermögen stark beeinträchtigen. Bei den meisten älteren Menschen ist es aber schlicht ein Verschleiß. Zuerst ist der hochfrequente Bereich betroffen, der für die Sprache nicht wichtig ist. Das bleibt zunächst unbemerkt. Mit zunehmendem Alter sind dann auch Frequenzen betroffen, die für das Sprachverstehen relevant sind.

Lässt sich das Hörvermögen wieder komplett herstellen?

Die meisten Hörbeeinträchtigungen sind leider irreparabel. Sie lassen sich jedoch teilweise oder sogar vollständig durch ein Hörsystem ausgleichen. Sprache bewegt sich in einem bestimmten Frequenzspektrum. In diesem Bereich gibt es eine Skala von sehr laut bis sehr leise. Wir messen das Hörvermögen mit einem Audiometer und vergleichen es mit den Werten eines Normalhörenden. Diese Werte werden dann in das Hörgerät programmiert.

Braucht man ein neues Hörgerät, wenn sich die Ohren weiter verschlechtern?

Nein. Die Akustiker sollten darauf achten, dass eine normale Verschlechterung als Reserve mit einkalkuliert ist. Dann kann man das Gerät später nachjustieren.

Wie teuer ist ein Hörgerät?

Die günstigsten Modelle liegen bei circa 700 Euro pro Ohr. Das ist in etwa der Betrag, den die gesetzlichen Krankenkassen dazu bezahlen. Nach oben gibt es dann so gut wie keine Grenzen. Das teuerste Modell liegt bei circa 3000 Euro pro Ohr. Für welche Ausstattung man sich entscheidet, hängt also von den persönlichen Bedürfnissen ab: Musikliebhaber achten auf eine hochauflösende Klangqualität, Technikfans auf eine drahtlose Kopplung mit dem Smartphone.

QL9B7349Wie lange hält ein Hörgerät?

Ein Hörgerät trägt man im Durchschnitt sechs Jahre. Dann zahlen auch die gesetzlichen Krankenkassen wieder zu einem neuen Gerät dazu. Eigentlich gibt es aber keine Grenze. Da sich die Technik aber so rasant entwickelt, wollen viele Kunden schon früher etwas Neues ausprobieren.

Worin unterscheiden sich die Hörgeräte?

Sie unterscheiden sich in Form und Ausstattung. Die meisten Menschen nutzen Hörgeräte, die hinter dem Ohr liegen oder solche, die im Gehörgang verschwinden. Was die Ausstattung angeht, gilt: Man kann mit jedem Hörgerät besser hören als ohne. Aber im Komfort, also was technische und kosmetische Aspekte angeht, gibt es doch enorme Unterschiede. Es hängt also von den Erwartungen ab, die ich an das Gerät habe. Will ich nur den Partner oder den Fernseher besser verstehen? Oder bin ich viel unterwegs? Und sitze in langen Besprechungen?

»Die Geräte unterscheiden sich heute vor allem im Komfort. Besser hören kann man mit allen.« Ranija Güse

 Was kann die Hörgeräte-Technik heutzutage?

Viele Geräte kann man mittlerweile über das Smartphone steuern, meist über eine App. Da können die Nutzer zum Beispiel die Lautstärke oder den Bass verändern. Man kann sie auch als Headset benutzen und damit Musik hören oder telefonieren. Außerdem werden Wind- und Nebengeräusche reduziert. Ein Komfort, den das normale Ohr nicht bietet. Das Hören wird dadurch noch angenehmer.

Was sind besondere Erfindungen in Sachen Hörgeräte?

Es gibt eine Art Kontaktlinse für das Ohr. Das ist ein winziger Knopf, der vom Akustiker eingesetzt wird und dann für zwei bis drei Monate fest im Ohr bleibt. Man kann damit sogar duschen und schwimmen. Eine weitere Besonderheit ist der sogenannte Hörschmuck, bei dem die Technik in Ohrringe eingebaut ist. Diese werden vom Juwelier gefertigt und unauffällig ans Ohrläppchen gesteckt.

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»Ich trage seit dem Frühjahr 2015 Hörgeräte. Meine Enkel rieten mir dazu. Alt fühle ich mich deswegen nicht, eine Brille macht doch auch nicht alt. Und das ständige Nachfragen, weil man etwas nicht verstanden hat, nervt nur.« Lieschen Herr

Welche Pflege empfehlen Sie Hörgeräte-Trägern?

Man trägt die Geräte ja direkt am Körper, das heißt, sie kommen mit Schweiß, Fett und anderen Körperflüssigkeiten in Berührung. Deshalb rate ich dazu, sie regelmäßig zu desinfizieren. Praktisch sind elektronische Trockenstationen. Da legt man die Geräte hinein und sie werden mit warmer Luft und UV-Licht schonend getrocknet. Regelmäßige Kontrollen beim Akustiker sind unerlässlich. Da werden die Geräte gründlich gereinigt und die Filter ausgetauscht.

Wie sieht die Zukunft aus?

Hörsysteme werden immer kleiner und raffinierter. Die Technik entwickelt sich fast täglich weiter. Der aktuelle Trend geht dahin, dass Hörgeräte nicht mehr nur von Schwerhörigen genutzt werden, sondern auch als Kommunikationsmittel dienen. Es gibt etwa Überlegungen, ein Hörgerät als Übersetzer zu benutzen, der die Fremdsprache direkt im Ohr übersetzt. Aber bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg.

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