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Schönheit kennt kein Alter

8. April 2011

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Wer sagt eigentlich, dass nur junge Menschen Spaß an Mode und Kosmetik haben? Wir beweisen das Gegenteil. Willkommen bei den flotten Seniorinnen!

Sie stecken ihre Köpfe zusammen, tuscheln und kichern wie junge Mädchen, die sich für ihren Abschlussball herausputzen – nur liegt der bei den Damen hier schon mindestens 60 Jahre zurück. Im Laufe der Zeit hat zwar die Spannkraft von Körper, Haut und Haaren nachgelassen, nicht jedoch die Freude, sich hübsch zu machen.

Dass vor allem die weiblichen Bewohner so aufgekratzt sind, liegt an der Frühjahrs- und Sommerkollektion, die an diesem Nachmittag im AWO Sozialzentrum Degerfeld präsentiert wird. Zweimal im Jahr kommen Margarete und Wolfgang Röser mit ihrem „Modemobil“ vorbei und zeigen, welche Farben, Formen und Schnitte in Mailand oder Paris en vogue sind. Manchmal organisieren sie auch eine Modenschau, am liebsten mit BewohnerInnen als Models. Wenn die dann im umgestalteten Speisesaal teils mit Stock oder Rollator hin- und herflanieren, nimmt das vielen die Scheu. Dank der „rollenden Boutique“ haben die SeniorInnen, die oft in ihrem Bewegungsradius eingeschränkt sind und selbst keinen Shoppingbummel mehr unternehmen können, die Möglichkeit, sich vor Ort über die aktuellen Trends zu informieren und das eine oder andere Lieblingsstück zu erstehen. So wie gerade Margret Brix, die zielsicher zwischen den sechs vollbehängten Kleiderständern eine braune Leinenjacke herausfischt.

Auch im fortgeschrittenen Alter haben die Leute Lust, etwas für sich zu tun und wollen – genau wie ihre Kinder und Enkel – gut aussehen.

Allerdings sind die wenigsten mit Mannequin-Maßen à la Margret Brix gesegnet. Einige sitzen im Rollstuhl, andere leiden stark unter Osteoporose, haben eine gebückte Körperhaltung und entsprechende Ansprüche an Schuhe und Kleidung. Das Problem: Die Textilbranche ging lange nicht auf die Bedürfnisse dieser Klientel ein, und wenn, dann mit biederem Versandhaus-Outfit in trist-beiger Einheitsfarbe, Flechttretern, Kittelschürzen & Co. Um das zu ändern, gründete Beate Winklewsky aus Wuppertal 2003 das Unternehmen „Modemobil“, das ausschließlich Senioreneinrichtungen besucht und inzwischen mit Franchisepartnern, wie den Rösers, in ganz Deutschland unterwegs ist.

Das Sortiment: eine Mischung aus gängiger Kollektionsware und Eigenmarke. „Unsere Erfahrung zeigt, dass die älteren Herrschaften meist kürzere Ärmel und Hosenbeine wünschen“, so die Geschäftsfrau, die für ihre Kunden Spezialgrößen anfertigen lässt. Auch wenn der Schnitt nicht gerade nach Haute Couture klingt, sind Hosen in „Schlupfform“ mit Gummizug und ohne Knöpfe und Reißverschluss besonders beliebt. Denn Trage- und Pflegekomfort sind genauso gefragt wie Qualität und Chic. Nach den Beerentönen zeigt sich diese Saison von ihrer grün-blauen Seite.

Das bestätigt auch ihr Mitarbeiter Wolfgang Röser, der 60 Seniorenheime in Mittelhessen betreut, darunter zahlreiche Häuser der AWO. Dutzende Teile hat er heute mitgebracht – von der Bluse im gemusterten Dessin und Dreiviertelarm bis zum Rock in Größe 36 bis 56, vom Lederschuh mit Laufsohle bis zur Halskette mit praktischem Magnetverschluss. Stolz ist er auf sein recht umfangreiches Männersortiment. Weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer sich Herren beim Thema Mode tun, trägt er als Ermutigung ein blaues Poloshirt aus der neuen Frühjahrskollektion. „Wir empfehlen helle, leuchtend-fröhliche Farben, denn die wirken sich auch positiv auf die Stimmung aus“, sagt er, während seine Frau einen knallroten Pulli von der Stange nimmt und ihn einer weißhaarigen Dame über die Schulter legt.

Dem kritischen Blick im Spiegel folgt schließlich ein Lächeln – Hilde Reichelt gefällt, was sie sieht.

Doch statt in neue Kleidung investiert sie lieber in regelmäßige Friseurbesuche. „Früher bin ich für meine kräftigen Haare bewundert worden“, erzählt die 82-Jährige. „Deshalb war es für mich besonders schlimm, als ich sie durch meine Krebserkrankung verloren hatte – ein Glück sind sie wieder nachgewachsen.“ heißt es jeden Freitag ab neun Uhr im AWO Sozialzentrum Degerfeld. Doch schon eine halbe Stunde vor Öffnung des Salons stehen die SeniorInnen vor der Tür Schlange. Wie bei den meisten Frauen gehört auch hier der Coiffeur zum Highlight des persönlichen Schönheitsrituals. Was gibt es Angenehmeres, als sich zurecht-machen und verwöhnen zu lassen? Unter der Haube wird zu Kaffee und Keksen geplaudert – über die englische Prinzenhochzeit genauso wie über die letzte Sitzung des Heimbeirates. „Die Senio-rInnen sollen sich wohlfühlen und uns vertrauen“, sagt Friseurin Stefanie Theis. „Viele haben schütteres Haar und tragen Ersatzteile. Das Wichtigste ist deshalb der Schnitt – der muss auch nach dem Mittagsschlaf sitzen.“ Margret Brix hat sich zur Feier des Tages die Fingernägel lackieren lassen – so wie früher, als sie noch mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann zu Bällen und auf Kreuzfahrten ging. Anders als damals würde sie heute allerdings nichts Tiefausgeschnittenes mehr tragen. Ihre Mitbewohnerin Auguste Metzger erinnert sich gern an die Zeit von Petticoat und Mini.

Das Bedürfnis der Großeltern-Generation nach Mode und Kosmetik spiegelt sich auch in der Werbung wider. Waren noch vor wenigen Jahren Models mit grauen Haaren und Falten undenkbar, werden sie heute wie ein Vorbild für die Jungen präsentiert. Bestes Beispiel: Eveline Hall. Seit sie Anfang des Jahres auf der Berliner Fashionweek gekonnt-extravagant über den Catwalk stöckelte, redet tout le monde über diese Frau mit der Silbermähne. Dabei könnte sie mit ihren 65 Jahren locker die Oma ihrer Kolleginnen sein. Das Geheimnis ihrer Wahnsinnsausstrahlung? Kein Lifting, sondern pure Lebenslust. Und Disziplin: „Ich lerne täglich eine Stunde Englisch und Französisch und trainiere 45 Minuten meinen Körper“, so die einstige Balletttänzerin. Übrigens: zusammen mit ihrer 90-jährigen Mutter. Schönheit kennt eben kein Alter.

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