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Schule fürs Leben

3. November 2014

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Ingeborg Mrozek aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder

Der erste Schultag bleibt unvergesslich – selbst wenn er schon über 70 Jahre zurückliegt. Aber auch gefürchtete Lehrer, der Klassenclown, eine Liebelei und so manche Zeugnisübergabe sind im Gedächtnis geblieben. Bewohner aus den AWO Häusern erinnern sich an ihre Pennäler-Zeit. – Dazu Berichte über die Schule von anno dazumal und heute.

Unterricht vor 100 Jahren

(Quelle: Westfälisches Schulmuseum Dortmund)

Die Volksschulklassen waren sehr groß, und oft wurden auch – besonders in Dorfschulen – mehrere Jahrgänge zusammen in einem Raum unterrichtet. So hatte der Lehrer damals kaum die Möglichkeit, sich mit einem einzelnen Kind zu beschäftigen. Meistens setzen sie auch ältere Schüler als Helfer ein. Der Stundenplan beschränkte sich auf die Fächer Religion, Schreiben, Lesen und Rechnen. Die wichtigsten Unterrichtsziele waren: Gehorsam, Fleiß, Ordnung und Sauberkeit. Die Schüler mussten auf jedes Zeichen des Lehrers gehorchen und seine Befehle möglichst auch noch geräuschlos ausführen. Zudem wurde streng darauf geachtet, dass die Schüler gerade und angelehnt in den Bänken saßen. Beide Hände mussten auf dem Tisch liegen und die Füße parallel nebeneinander auf dem Boden stehen. Die Lehrer achteten sehr streng auf das Befolgen dieser Regeln; bei Ungehorsam gab es für die Schüler Rutenoder Stockschläge. Manchmal mussten sie auch zur Strafe in der Ecke stehen oder am Nachmittag nachsitzen. Der Lehrer nahm in der Klasse hinter einem Katheder Platz – das ist ein erhöht stehendes Pult, von dem aus er seine Schüler besser beobachten konnte. Die Kinder saßen in hölzernen, hintereinander aufgereihten Schulbänken, auf deren Tischen es Vertiefungen für die Tintenfässer gab. Die Tinte verteilte der Lehrer aus einer großen Flasche. Geschrieben wurde mit einem Federkiel, der aus einer Gänsefeder hergestellt war. Zu Beginn ihrer Schulzeit schrieben die Schüler früher mit Kreidegriffeln auf einer Schiefertafel, die mit einem kleinen Schwamm und einem Lappen immer wieder abgewischt werden konnte. Auf diese Weise wurden Hefte gespart.

Die Schulsachen wurden in einem ledernen Schulranzen transportiert, der möglichst die ganze Schulzeit halten musste. Große Wandtafeln hingen auch zu dieser Zeit schon in den Klassenräumen. Neben der Tafel stand ein Wasserkrug für den Tafelschwamm, denn fließend Wasser gab es in den Schulhäusern noch nicht. Im Klassenraum stand meist nur ein einziger Ofen, der den großen Raum oft nicht gleichmäßig beheizte. Häufig mussten Kinder neben der Schule auch noch arbeiten, da viele Familien sehr arm waren. Im Unterricht waren sie dann oft zu müde, um aufpassen zu können und dem Unterricht zu folgen. Aber auch die Lehrer verdienten damals nur sehr wenig Geld. Etliche waren nebenbei z. B. als Organist in der Kirche beschäftigt, um sich etwas dazuzuverdienen.

Erna Gehring, 95, aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder:

Erna Gehring aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder»Ich bin in einem Dorf in Pommern geboren, wo wir eine Landwirtschaft betrieben. In unserer Schule wurden alle Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet. Wir waren weiter als die Kinder in den Städten, die nur mit Gleichaltrigen zusammen waren. Auf dem Dorf mussten die älteren Schüler den jüngeren den Stoff beibringen. Durch das ewige Wiederholen blieb dann doch eine ganze Menge hängen. Abends trafen sich alle Kinder auf der Straße und spielten Völkerball – das hat immer großen Spaß gemacht.«

Ilse Theek, 91, aus dem AWO Pflegewohnheim Cossebaude in Dresden:

Ilse Theek aus dem AWO Pflegeheim Cossebause in Dresden»Eingeschult wurde ich in Alfeld. 1933 ging es auf die Höhere Schule. Ich trug bis dahin immer eine Schleife im Haar, bis einmal der Lehrer sagte: ›Da kommt die Kleine mit dem Propeller im Haar.‹ Dann war es damit vorbei. Meine Freundinnen und ich haben unsere Naturkundelehrerin Fräulein Wehmeyer so sehr verehrt, dass wir sie morgens vor der Schule abholten und mittags wieder nach Hause begleiteten. Wir hießen übrigens alle drei Ilse und gaben uns zur Unterscheidung die Spitznamen ›Blüte‹, ›Kiki‹ und ›Stockerl‹. Alle leben wir noch und stehen in Kontakt miteinander. Ich habe später die Landfrauenschule im thüringischen Reifenstein besucht, wo ich alles für den ländlichen Haushalt lernte. Nach dem Krieg und der Geburt meiner beiden Töchter arbeitete ich als Gutssekretärin.«

Elfriede Johl, 85, aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder:

Elfriede Johl aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder»An Ostern 1935 wurde ich in einer brandenburgischen Kleinstadt eingeschult. Schultüten gab es schon damals, allerdings war da nicht viel drin. Trotzdem war ich sehr stolz darauf und hängte sie später übers Bett. Bis zur 4. Klasse waren wir nur Mädchen, danach gemischt. An eine Besonderheit erinnere ich mich noch genau: Ein Jahr nach meiner Einschulung änderte sich das Schulgesetz und man begann rückwärts zu zählen, d. h. ich kam dann statt in die 2. Klasse in die 7. und bekam in der 1. Klasse mein Abschlusszeugnis. Manchmal haben wir auch Streiche gespielt: z. B. im Kochunterricht eine Hagebuttensuppe zubereitet und den Jungs die Kerne in den Rücken gesteckt. Wir trugen Schürzen, denn das Kleid musste sauber bleiben. Aber sobald die Schule vorbei war, rissen wir uns die Schürzen vom Leib und spielten Verstecken oder Völkerball rund um den Marktplatz. Langeweile gab’s nicht. Am Sonntag zum Beispiel setzten wir uns an den Straßenrand und zählten die Autos, die von Berlin nach Polen fuhren, und sagten uns gegenseitig, in welchem wir gerne sitzen würden.«

Ingeborg Mrozek, 93, aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder:

Ingeborg Mrozek aus dem AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder»Wir waren 36 Schüler, und besonders an meinen Naturlehrer erinnere ich mich noch gut. Er sagte einmal: ›Wenn der Regenwald abgeholzt wird, haben wir kein gutes Wetter mehr.‹ An diesen Satz muss ich oft denken, denn er war sehr vorausschauend. Ich hatte durch den Krieg keine Möglichkeit der Weiterbildung. Immerhin ist meine Tochter später Lehrerin geworden.«

Das Schulwesen in Berlin und Brandenburg vor und während des Zweiten Weltkrieges

(Quelle: Rene Ejury, Dissertation der FU Berlin)

Während die durchschnittliche Schülerzahl pro Berliner Schule 1932 bei 475 lag, besuchten im Schnitt nur 104 Schüler/-innen eine Brandenburger Volksschule. Die Reformbestrebungen der Weimarer Zeit wurden außerhalb der Großstädte vor allem durch den Mangel an finanziellen Mitteln gebremst. Gerade die geringe Bevölkerungsdichte in Brandenburg hätte außerdem zusätzliche schulstrukturelle Anpassungen an die Bedingungen vor Ort erforderlich gemacht. Eine mehrstufige Schule benötigt eben auch und vor allem ausreichend Schüler/-innen, damit der Unterricht nicht zum Einzelunterricht wird.

Bereits im April 1933 wurde ein Großteil der weltlichen Sammelschulen Berlins geschlossen. Dies erfolgte vor allem als Schlag gegen die fortschrittlichen und politisch bewussten Kräfte, die sich an diesen Schulen aufgrund ihrer besonderen Stellung im Schulwesen sammelten, und weniger aus Interesse an einer konfessionellen Schulbindung. Zehn Jahre später, zum 31. März 1943, wurden die Sammelschulen im gesamten Reich endgültig aufgelöst. Der innere Schulbetrieb wurde durch die Entlassung von Lehrkräften und von Schulleiter/-innen der herrschenden politischen Grundstimmung angepasst. Die ›politisch Unzuverlässigen und Unbrauchbaren‹ wurden auf Basis des ›Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‹ aus dem öffentlichen Dienst verwiesen. Viel stärker als die sonstigen gesetzlichen Regelungen wirkte besonders in den ersten Jahren die nationalistische Stimmung in einer Gesellschaft, in der Rassismus und Antisemitismus zur Staatsdoktrin wurden. Durch die mit der Überprüfungaller Beamten verbundene Einschüchterung der Lehrerschaft wurde gleichzeitig ein Klima der Angst und Unterwürfigkeit auch an den Schulen durchgesetzt. Nach Kriegsbeginn wurde das Niveau der (Höheren) Bildung immer weiter gesenkt. Offizielle Erleichterungen, wie Sonderlehrgänge, Sonderreifeprüfungen sowie Sonderregelungen für spätere Studienberechtigungen, verlagerten die Bildung immer mehr an die Front und verdeutlichten Hitlers Ideal der Jugenderziehung: ›Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Aber Beherrschung müssen sie lernen. Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen.‹ Im ›Totalen Kriegseinsatz‹ ab 1944 wurden die Schülerinnen zum Sozialdienst, die Schüler zum Einsatz in der Rüstungsindustrie oder als Flakhelfer geschickt.

Schule heute

Anders als früher, als rund 60 Kinder eine Klasse bildeten, werden heutzutage selten mehr als 30 gemeinsam unterrichtet; in Hamburg z. B. beträgt die maximale Zahl in Grundschulen derzeit 23. Lehrer treten als Helfer und Partner auf und nicht, um zu maßregeln. Körperliche Bestrafungen sind perdu, es gibt lediglich Extra-Aufgaben, Klassenbucheinträge oder Nachsitzen. Die Jungs und Mädchen werden im 21. Jahrhundert als viel »wertvoller« angesehen. Die heutigen Lehrer genießen auch eine umfassendere und mehr auf Pädagogik ausgelegte Ausbildung. Dafür haben die jetzigen Schülerinnen und Schüler mit anderen Dingen zu kämpfen, wie z. B. mit der auf 8 Jahre gekürzten Gymnasialzeit, mit Leistungsdruck, eng konzipierten Lehrplänen und mehrmals die Woche stattfindendem Nachmittagsunterricht. Frontalunterricht war gestern. Inzwischen wird nach Tages- und Wochenplan sowie in der Gruppe gelernt. Auch die Fächer in der Schule vor fast 100 Jahren unterscheiden sich teilweise ziemlich von den heutigen. Passé sind Schönschreiben, Handarbeit, Raumlehre, Rechnen und Naturkunde. Moderner Unterricht heißt heute u. a., mit Medien wie Overheadprojektor, Flipcharts, Computer und Beamer zu arbeiten. Zum Schulalltag gehören inzwischen auch gut organisierte Nachhilfe beziehungsweise Hausaufgabenbetreuung sowie eine Schulmensa.

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