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Tagespflege im Trend

15. August 2018

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© Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH


Zu Hause wohnen und tagsüber betreut unter Leuten sein: Die Tagesstätte für Senior*innen ist ein fortschrittliches Pflege-Konzept, das immer mehr angeboten und von den Kassen mittlerweile auch finanziell unterstützt wird. Was Tagespflege bei der AWO heißt, zeigen diese Beispiele in Bayern und Hamburg.

Der größte Wunsch pflegender Angehöriger: Das Senior*innen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können.

Gerolzhofen ist eine Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt, umgeben von Wäldern, Wiesen, Reben und mittelalterlichen Stadtmauern. Es gibt urige Gasthäuser, ein Nähmaschinenmuseum, eine Freiwillige Feuerwehr und am idyllischen Marktplatz einen Automaten mit »Brötchentaste« für kostenloses Parken. Kurz, in dem romantischen Städtchen ist die Welt noch in Ordnung. Gehörig aus den Fugen geriet sie allerdings im Oktober 2016 für die Gerolzhofenerin Monika Fischer*: Von jetzt auf nachher kündigte die Pflegerin ihres Mannes, der stark demenziell erkrankt und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Plötzlich stand Frau Fischer ohne Unterstützung da. »Das war heftig«, erinnert sich die 70-Jährige an die Ausnahmesituation. Doch eines stand für die gelernte Arzthelferin fest: in ein Heim sollte ihr Martin* nicht. Selbst wenn der ehemalige Sportlehrer, einst Teilnehmer bei den bayerischen Meisterschaften im Geräteturnen, sich nicht einmal mehr alleine im Bett umdrehen kann. »Mir war wichtig, dass er in seiner vertrauten Umgebung bleibt.« Wie ein kleines Wunder kam es ihr vor, als im Juli 2017 die AWO eine Tagespflege eröffnete. Also eine teilstationäre Einrichtung, in der ältere Menschen aufgrund körperlicher und/oder geistiger Einschränkungen stundenweise betreut werden. Mit einem Mal war sie viele Sorgen los, vor allem die stetige Angst, die Pflegerin falle aus Urlaubs-, Krankheits- oder sonstigen Gründen aus. Inzwischen bringt Monika Fischer, die sich noch um den familiären Weinbau kümmert, ihren Mann jeden Morgen ins AWO Haus. »Für Martin ist dieser Ort wie ein zweites Zuhause.«

Entlastung im Doppelpack: Nicht nur Monika Fischers Mann Martin besucht die Tagespflege der AWO in Gerolzhofen, sondern auch ihre 92-jährige Mutter. Die wohnt allerdings bei der berufstätigen Schwester. Für alle Beteiligten ist die stundenweise Betreuung eine gute Lösung. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Mit den großen Fensterfronten, dem hellen, freundlichen Interieur, der Sonnenterrasse und der offenen Küche, die nachmittags Duft von frisch Gebackenem verströmt, bietet die AWO im Zentrum von Gerolzhofen eine Wohlfühloase für Senior*innen, die hier von 7:30 bis 17 Uhr bleiben können. Es ist jetzt 14 Uhr, Ruhezeit nach dem Mittagessen. Ein Dutzend Frauen und Männer hat es sich in Sesseln bequem gemacht, die im Kreis angeordnet sind. Die Füße hochgelegt, machen einige die Augen zu, andere tauschen Familienfotos aus oder stecken kichernd die Köpfe zusammen wie zu alten Pennälertagen. »Die Gemeinschaft war von Anfang an sehr gut«, sagt Pflegedienstleiterin Elke Rufer. Sie erzählt, wie die Gruppe rebellierte, als man die zu groß gewordene Tafel in mehrere Tische unterteilen wollte. »Kleine Einheiten sind aus gerontopsychiatrischem Aspekt besser, aber keine Chance, die Gäste bestanden auf gemeinsame Mahlzeiten.« Eben wie in einer Großfamilie.

Tagespflege ist flexibel buchbar.

Das Haus bietet täglich 14 Plätze, der Durchschnitt kommt zwei- bis dreimal die Woche. Vorteil: Die Tagespflege ist flexibel buchbar. Je nach Wunsch und Bedürfnis kann sie nur an bestimmten Tagen in Anspruch genommen werden. Die meisten Gäste haben eine Demenz-Diagnose, was die Betreuung zu Hause oft besonders schwierig gestaltet. Es gibt aber auch welche wie Renate Röll oder Rosa Stahl, Witwen, die einfach einen schönen Tag in Gesellschaft verbringen wollen. Hier ist schließlich immer etwas los: Gymnastik, Basteln, Singen und Musizieren, Spiele und Gedächtnistraining, gemeinsames Kochen und Backen oder auch Auszüge. Zudem kommen regelmäßig die Kleinen aus dem nahen Kindergarten St. Martin vorbei und gerade ist der Diakon hereinspaziert, um den Gottesdienst am nächsten Tag zu besprechen. Es ist ein Haus ohne Berührungsängste, mit viel Kontakt zur Außenwelt. Genau so stellte sich das die AWO Ortsvorsitzende Ulrike Hahn vor, als sie die Idee zur Einrichtung hatte und das leerstehende Geschäft in der Grabenstraße 21 umbauen ließ. »Auf diese Weise konnten wir die Versorgungslücke für die Menschen in der Region schließen«, sagt die Bereichsleiterin für Senior*innen und Reha. Außerdem sei die Ambulantisierung der Pflege auch politisch gewollt.

Die Tagesgäste zeigen sich ihre Familienfotos. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Schon heute sind hierzulande knapp drei Millionen Menschen pflegebedürftig, davon werden rund 75 Prozent zu Hause versorgt. Doch nicht einmal ein Drittel der pflegenden Angehörigen erhält zusätzliche Hilfe von Pflegediensten. Was viele nicht wissen: Die Kassen bezahlen die Tagespflege. Schon seit dem ersten Pflegestärkungsgesetz von 2015 (PSG I) gibt es einen extra Topf. Jede*r Bedürftige erhält die Summe, die ihr*ihm für die ambulante Pflege zur Verfügung steht, für Tagespflegeleistungen noch einmal dazu. Folge dieser Maßnahme: Im Zeitraum von Januar 2015 bis Juni 2016 sind mehr als 650 neue Tagespflegeeinrichtungen in Deutschland entstanden, ein Plus von über 17 Prozent!

Ab Pflegegrad 2 hat jeder Anspruch auf Extra-Geld für die Tagespflege.

Und dieser Trend setzt sich mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) fort. Statt drei Pflegestufen gibt es nun fünf Pflegegrade, und demenziell Erkrankte erhalten die gleichen Leistungen wie Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung. Wer also eine »erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz« hat, braucht vor allem soziale Betreuung – und die bietet die Tagespflege. Bezuschusst wird sie von der Kasse ab Pflegegrad 2 mit monatlich 689 Euro bis hin zu 1.995 Euro bei Pflegegrad 5. »Das Finanzielle ist das Erste, was ich den Senior*innen bei meinen Hausbesuchen erklären muss«, sagt Inga Buchmann, die für die AWO in Hamburg als Pflegeberaterin zuständig ist – auch für die Senior*innen im Stadtteil Mümmelmannsberg, wo gerade die top-moderne Tagespflege »Quartiershaus.plus« eröffnet hat. »Die meisten haben keine Ahnung, was ihnen an Unterstützung zusteht.« Außerdem würden sie sich schwer tun mit dem ersten Schritt, denn der bedeute, man schaffe es ohne Hilfe nicht mehr. Tipp der Gerontologin: einen kostenlosen Schnuppertag einlegen, bei dem man einen Eindruck bekommt, sich aber nicht festlegen muss.

Tagespflege mit Garten in Peiting. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Auf die Veränderungen im Pflegegesetz reagierte auch Dominik Spring, Einrichtungsleiter des AWO Seniorenzentrums im oberbayerischen Peiting. Er eröffnete im Nebentrakt seines Hauses eine Tagespflege explizit für demenziell erkrankte Menschen. »Ich hätte mir die Umsetzung allerdings einfacher vorgestellt – es gibt viele behördliche Hürden, um die Auflagen zu erfüllen. Manche Einrichtungen dieser Art hätten da wohl heute Probleme mit der Anerkennung.« Nach etlichen Anträgen und Umbaumaßnahmen entstand dann doch ein behaglicher Wohnraum mit Küche und direktem Zugang zum Garten. »Wir wollen hier einen möglichst normalen Alltag in einer Art familiären Umgebung«, sagt Herr Spring, der dafür ein eigenes Team aus zwei Fachkräften, einer Hilfskraft, einer Betreuungsassistentin sowie drei Fahrern einsetzt.

»Wir wollen unseren Gästen einen Alltag in einer Art familiären Umgebung bieten.«

Lisa Geigant, Sozialdienstleiterin im Ingolstädter AWO Seniorenzentrum Katharinengarten, stößt beim Thema Tagespflege nach wie vor auf Unkenntnis, obwohl die Einrichtung schon seit ihrer Eröffnung 2002 diese Art der Betreuung anbietet. »Wenn wir darüber informieren, kommt das große Erleuchten.« Die Leute sind erleichtert, denn es ist eine Möglichkeit, weiterhin seiner Arbeit nach zu gehen und sich trotzdem um das pflegebedürftige Familienmitglied zu kümmern. Inzwischen gibt es eine Warteliste und die Option, auch samstags diesen Service zu nutzen. »Man darf nicht vergessen, die Angehörigen sind 24 Stunden an sieben Wochentagen im Einsatz. Die stehen unter Dauerstrom«, sagt die Fachfrau. »Wer Tagespflege in Anspruch nimmt, muss kein schlechtes Gewissen haben.« Doch das Gefühl des Abschiebens spielt oft eine Rolle. Gerade in ländlichen Gegenden lautet das ungeschriebene Gesetz, die Pflege doch bitteschön selbst in den Griff zu kriegen. Mit dem Druck der Nachbarschaft steigt die Scham. »Wenn man seinen Elternteil von einem Fahrdienst abholen lässt, guckt die ganze Straße zu. Es gibt viel Gerede«, weiß Annika Kuhbandner von der AWO in Knetzgau, einer Gemeinde in Unterfranken mit knapp 6.500 Einwohner*innen. Um die Skepsis abzubauen, lädt die Quartiersmanagerin die Senior*innen ein, zum Mittagstisch oder in das schicke Café des Seniorenzentrums zu kommen. »Dann sehen sie, wie schön und vielseitig das Haus ist und dass man hier eine gute Zeit haben kann.« Der Bau der 2016 eröffneten Einrichtung wurde in der Gemeinde heiß diskutiert. Die Rede war von Überkapazität und dass man »so etwas« in Knetzgau nicht braucht. Gertraud Oppelt hingegen ist einfach nur froh, ihre demente Mutter zur Tagespflege bringen zu können. »Ich empfinde das als eine Wohltat«, so die 58-Jährige, die sich die Pflege mit ihren Geschwistern teilt. »Das entspannt alle Beteiligten – auch unsere Mutter, denn sie ist anders gefordert als daheim und schläft viel ruhiger, wenn sie den Tag hier verbringt.«

»Während meine Mutter die Tagespflege in Knetzgau besucht, kann ich meiner Arbeit nachgehen. Nicht nur ich, sondern auch sie ist entspannter, denn sie ist anders gefordert als daheim und liebt es zum Beispiel, mit den anderen zu kochen.«

Entspannt: Gertraud Oppelt (re.) aus Knetzgau findet, dass die Gemeinschaft in der Tagespflege ihrer Mutter Rita gut tut. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Ganz klar: Tagespflege ist ein Win-win-Modell. Sie bietet pflegebedürftigen Menschen ein anderes Umfeld, kognitive Anregungen und physische Unterstützung. Die pflegenden Angehörigen erhalten so gleichzeitig eine lebensnotwendige Auszeit. Denn wer sich intensiv um einen dementen Menschen kümmert, ist oft am Ende seiner körperlichen und seelischen Kräfte.

Heinz Sandgruber, dessen Frau mit Pflegegrad 5 die AWO Tagesstätte Katharinengarten in Ingolstadt besucht, weiß, was es heißt, an seine Grenzen zu kommen. Noch heute läuft es ihm kalt den Rücken herunter, wenn er daran denkt, wie ihm einmal Elisabeth weggelaufen ist. »Mit Polizeieinsatz und Hubschrauber wurde sie gesucht«, erzählt er auf der Terrasse der Einrichtung, wo Frau Sandgruber gerade an einem Stück Minze schnuppert. Gefunden wurde sie 25 Kilometer vom gemeinsamen Haus entfernt. »Ich wünsche keinem, dass er so etwas mitmacht«, sagt Herr Sandgruber. Nie hätte der einstige Automechaniker gedacht, dass er sich mal rund um die Uhr um seine Frau und den Haushalt kümmern muss. Damit er selbst körperlich fit bleibt, geht der 77-Jährige zweimal in der Woche zum Krafttraining – und für die Seele ins Stadion zum FC Ingolstadt 04. Oder er trifft sich mit seiner alten Clique im Wirtshaus, während er seine Frau bei der Tagespflege versorgt weiß. Das sind Momente, in denen er loslassen kann. Und neue Kraft tankt für Elisabeth – mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist.

* Name von der Redaktion geändert.

Wer berät?

Fragen zu Leistungsansprüchen und Dienstleistungsangeboten wie der Tagespflege beantwortet die AWO Pflegeberatung per E-Mail und Chat oder telefonisch unter der kostenlosen Nummer 0800 60 70110. Mehr Infos unter awo-pflegeberatung.de Empfehlenswert sind auch die bundesweiten Pflegestützpunkte (Infos bei der Stadt oder Gemeinde). Sie erklären, wie man Anträge bei der Krankenkasse oder Pflegeversicherung stellt und aus welchen Töpfen pflegende Angehörige finanzielle Entlastung bekommen können.

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