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Verliebt, verlobt – vergessen

4. April 2018

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Älteres Paar am Stand

© Stocksy, Rob and Julia Campbell


Sie sind meist über 50 Jahre verheiratet – die Paare, die das AWO Journal in den Seniorenzentren traf, um der Frage nachzugehen: Was passiert mit der Liebe, wenn die Partnerin oder der Partner dement wird? Ein Bericht über das Wechselbad der Gefühle zwischen Verzweiflung und innigen Momenten.

Bild eines älteren Paares

Um die Pflege seiner Frau zu finanzieren, musste Herr Naumann jüngst das gemeinsame Haus verkaufen. Traurig, aber das Wichtigste ist ihm, dass er seine Rosa in guten Händen weiß.
© COMMWORK, Eric Langerbeins

Karl und Rosa, das war Liebe auf den ersten Blick. Als er das schlanke Mädchen mit dem Lockenkopf auf dem Jugendbekenntnistag in Höhr-Grenzhausen sieht, ist es um ihn geschehen. An jenem Sonntag feierte die katholische Jugend ihren Gottesdienst, im ländlichen Westerwald Ende der 1950er Jahre ebenso eine Gelegenheit, Gleichaltrige zu treffen. Auch Rosa fühlte sich hingezogen zu dem protestantischen Jungen, der eigentlich nicht dazugehörte. Und obwohl zwei Jahre jünger, strahlte er schon damals die Ruhe und Stärke eines Beschützers aus. Charakterzüge, die sich an der Seite seiner inzwischen dementen Frau mehr als ein halbes Jahrhundert später besonders bewähren sollten. Heute, im AWO Seniorenzentrum Kannenbäckerland, jährt sich ihre Hochzeit zum 59. Mal. Herr Naumann hat seiner Frau rote Tulpen mitgebracht, ihre Lieblingsblumen. Die hat sie einst zu hunderten im großen Garten ihres Hauses gesetzt, im Frühling ein »Klein Holland«. Rosa Naumann scheint sich über den Strauß zu freuen. Sagen kann sie es nicht. Sie sitzt im Rollstuhl, den Kopf tief nach vorne gebeugt und murmelt in einem fort die immer gleichen Töne: »Palale, Palala, Palale, Palala …«

Trauern um eine gemeinsame Zeit, die nicht mehr gemeinsam erinnert werden kann

Seit 2011 lebt die 80-Jährige im Wohnbereich für demenziell veränderte Menschen. Ihr Mann besucht sie jeden Tag. Er schiebt sie den Flur auf und ab, setzt sich zwischendurch neben sie, und wenn er dann wieder aufsteht, zieht Rosa an seinem Ärmel, sagt: »Ka-Karl, geh nicht weg«, um gleich darauf in die »Palilalie« zu verfallen, wie man den krankhaften Zwang nennt, Wörter wiederholt zu sprechen.

Liebe auf den ersten Blick: Karl und Rosa Naumann, hier in ihrem Marokko-Urlaub Anfang der 1970er Jahre. © Karl Naumann

»Ich würde meine Frau nie im Stich lassen«, sagt Herr Naumann, der lange bei der Freiwilligen Feuerwehr an vorderster Front mit dem Schlimmsten konfrontiert war. Selbst wenn er mit dem Wanderverein einmal im Jahr unterwegs ist, ruft er sie täglich an. Vielleicht aus Pflichtgefühl, ganz sicher aus Liebe. »Ich kann auch nicht ohne Rosa.«

Für Einrichtungsleiterin Claudia Schmitt aus dem AWO Haus Kannenbäckerland, das sich rund 20 Autominuten nördlich von Koblenz befindet, sind Angehörige wie Herr Naumann ein Segen. Schließlich können nicht viele so souverän mit der Krankheit umgehen. »Man muss sehr tolerant, empathisch und leidensfähig sein«, so die Sozialpädagogin. »Das hat viel mit Trauerarbeit zu tun: Trauern um eine gemeinsame Zeit, die nicht mehr gemeinsam erinnert werden kann. Und um die Zukunft, die man sich mit der Partnerin oder dem Partner vorgestellt hat, die aber nicht mehr kommen wird.« Nur wer sich auf Neues einlässt und sich dem Dementen emotional hinwendet, könne eine innige Verbindung herstellen. Versuchen die Angehörigen jedoch auf rationaler Ebene Kontakt aufzunehmen und Wissensfragen zu stellen wie »Ich war am Sonntag hier – daran musst du dich doch noch erinnern?!«, sei Frust vorprogrammiert. Frau Schmitt merkt dann, wie die Besuche immer weniger werden, bis sie ganz ausbleiben.

Die Demenz kommt meist auf leisen Sohlen daher

Rund zehn Jahre dauert der Verlauf der Krankheit im Durchschnitt. Zehn Jahre, in denen das einzig Beständige das Wechselbad der Gefühle ist. Fassungslosigkeit, Schmerz und Mitleid wechseln mit Hilflosigkeit, Ärger, Wut, Trauer und Verzweiflung. Das Gemeine: Die Demenz kommt meist auf leisen Sohlen daher. Erste Anzeichen sind Vergesslichkeit, Probleme, die richtigen Worte zu finden oder sich räumlich zu orientieren. Das Kurzzeitgedächtnis nimmt rapide ab. Für Angehörige aber wohl am schwersten zu verkraften ist die Veränderung der Persönlichkeit. Ein bis dahin friedfertiger, höflicher Mensch kann sich auf einmal ungehemmt und aggressiv verhalten. Normale Gespräche werden schwieriger, irgendwann ganz unmöglich.

Kuss auf den Kopf – das tägliche Begrüßungsritual von Frau Jäger, sobald sie ihren Mann im AWO Seniorenzentrum besucht.
© COMMWORK, Eric Langerbeins

Waltraud Jäger ist auch mit einem dementen Menschen liiert. Sie, die ihren Mann nach vier Jahren häuslicher Pflege im Juni 2017 ins AWO Seniorenzentrum Kannenbäcker-land brachte, empfindet diese Krankheit als größte Herausforderung ihrer inzwischen 55-jährigen Ehe. Ihr macht nicht nur Helmuts Vergesslichkeit zu schaffen – auch dass sie ihn plötzlich nicht mehr anfassen darf, ohne dass er ärgerlich wird. »Fummel nicht an mir rum«, sagt er dann. »Seit der Diagnose ist er auf Distanz«, erzählt Frau Jäger. Sie kam an ihre psychischen und vor allem körperlichen Grenzen: ankleiden, waschen, wechseln der Inkontinenz-Windel … eine beschwerliche Arbeit bei ihrem hochgewachsenen Gatten, mit dem sie einst im gleichen Basketballverein spielte. Jetzt hat die 77-Jährige wieder etwas mehr Zeit für sich, kann zwischen den täglichen Besuchen Kraft schöpfen. Sie geht schwimmen, walken oder trifft sich mit Freundinnen. Das tut ihr gut – und ihm auch. »Als ich Helmut neulich nach dem Essen aufs Zimmer und ins Bett brachte, da meinte er plötzlich: ›Ich muss dir was sagen‹.« Frau Jäger wunderte sich, denn was er sonst von sich gibt, ist immer ein großes Durcheinander. Aber da sagte er: »Ich möchte mich bei dir für all das bedanken, was du für mich machst.« Und dann haben beide geheult.

Einen Punkt hinter die Vergangenheit setzen und ein neues Kapitel in der Beziehung aufschlagen

Glückliche Tage: Ehepaar Jäger im Schwarzwald beim Skiurlaub und zur Feier ihres gemeinsamen 60. Geburtstages.
© Waltraud Jäger

Wie ist es, wenn das, was den geliebten Menschen ausmacht, wie bei einer Sanduhr weniger wird und irgendwann nur noch die Hülle bleibt? »Langsames Entschwinden« nennt Inge Jens diesen Prozess der Verwandlung. In dem gleichnamigen Buch beschreibt die Literaturwissenschaftlerin und Witwe des berühmten Rhetorik professors Walter Jens, wie er innerhalb weniger Wochen die Fähigkeit verliert, zu lesen, zu schreiben und schließlich zu sprechen. »Ich bin jemand, der seinen Partner verloren hat«, sagte sie in einem Interview. »Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr.«

Ehrliche Worte, die polarisieren. Dabei hat Inge Jens das gemacht, was Menschen, die professionell mit Demenz zu tun haben, empfehlen: einen Punkt hinter die Vergangenheit setzen und ein neues Kapitel in der Beziehung aufschlagen.

Bei aller Tragik dieser Krankheit kann man gemeinsam noch viel Schönes erleben. Nicht trotz, sondern wegen der Demenz!

Das musste auch Christiane von Oelsen. Die Buchhändlerin erzählt beim Gespräch im Alfred-Delp Altenzentrum der AWO, wie sehr sie den regen Austausch mit ihrem Mann einst schätzte. So gehörte das Bridgespiel zum festen Bestandteil ihrer Zweisamkeit, doch das gab Herr von Oelsen auf, als er merkte, wie schwer es ihm fiel, alle Karten im Kopf zu behalten. Er erklärte es mit »schlechter werdenden Augen«, hatte aber sicher schon einen leisen Verdacht. An den Zeitpunkt, als es bei dem heute 82-Jährigen »losging«, erinnert sich seine Frau noch genau: »Arne wachte eines Nachts auf, zog sich an und stapfte in den Wald, um Pilze zu sammeln«. Ein großes Hobby des Ehepaars, aller-dings herrschte damals tiefster Winter. Am nächsten Morgen wusste der Diplom-Volkswirt noch, wie er durch die Dunkelheit marschierte, hatte aber keine Erklärung für dieses merkwürdige Verhalten. »Ab da veränderte sich Arne peu à peu«, so Frau von Oelsen, deren Mann inzwischen im geschützten Wohnbereich der AWO Einrichtung lebt. Vieles, was ihre Ehe prägte, bröckelte im Laufe der letzten fünf Jahre wie die Fassade eines Hauses, in das der Blitz einschlug. Was der 72-Jährigen hilft, ist der Gesprächskreis mit anderen Angehörigen von demenziell veränderten Menschen. Sie hat gelernt, ihren Mann nicht mehr mit Dingen zu konfrontieren, die ihn überfordern. Statt Bridge spielen sie nun offenes Memory. Oder sie hören russische Musik. Die mag er so. Ihre größte Sorge: »Dass Arne mich nicht mehr erkennt.«

Doch bei aller Tragik dieser Krankheit kann man gemeinsam noch viel Schönes erleben. Nicht trotz, sondern wegen der Demenz! Das sagt Michael Hagedorn, der sich seit über zehn Jahren mit diesem Thema als Fotograf beschäftigt.

Musik ist Trumpf! Mit seinem Akkor-deon bereitet Joseph Kohlhofer viel Freude – wenn er spielt, fangen seine Partnerin Hildegard Römer und die anderen Bewohner sofort an zu singen.
© COMMWORK, Eric Langerbeins

Wie viel Gefühl und Lebensfreude möglich ist, zeigt die besondere Liebesgeschichte zwischen Joseph Kohlhofer und Hildegard Römer. Die beiden waren 2016 die ersten Bewohner im neu eröffneten AWO Seniorenzentrum Süssendell. Das liegt am Fuße des Nationalparks Eifel und ist durch das naturnahe, weitläufige Gelände sowie die eingeschossigen Gebäude mit einem Dorfplatz als Zentrum ganz auf die Bedürfnisse dementer Menschen ausgerichtet.

Nach dem Tod seiner damaligen Lebensgefährtin wollte Joseph Kohlhofer nicht mehr alleine in Dresden bleiben, sondern zurück in die rheinländische Heimat. Und weil er manchmal vergesslich ist und Schwierigkeiten mit dem Ausfüllen von amtlichen Formularen hat, hielten er und seine Söhne ein Heim für die bessere Alternative. »Ich habe mich gleich wohl gefühlt«, sagt der 78-Jährige, der sein Zimmer mit eigenen Bildern und Möbeln gemütlich und individuell eingerichtet hat. »Schaue ich aus dem Fenster, sehe ich die Wälder meiner Kindheit.« Durch die läuft er jetzt mit Hildegard, »meinem Tippelschwesterchen«. Anders als der Chemiefacharbeiter und spätere Rektor kann sich Frau Römer nicht mehr in dieser Weise artikulieren. Aber wenn Joseph zur Mundharmonika oder dem Akkordeon greift und ihr etwas vorspielt, leuchten ihre Augen. »Ich habe mich in Hildegard verliebt, mit ihrer Krankheit«, sagt Herr Kohlhofer und lächelt, »das war ein ziemlich großer Glücksfall, nicht wahr Hilde?« »Ja«, haucht seine Freundin und man spürt förmlich, wie wohl sich die beiden miteinander fühlen.

Infos

Spezielle Kurse für Angehörige von Demenzkranken fndet man z. B. über die Internet-Seite www.schulungen-demenz.de. Auch in den Ortsvereinen der AWO gibt es regelmäßig Veranstaltungen zum Thema.

Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft (DAlzG) hat einen neuen Ratgeber zum Thema »Was tun bei Demenz mit unter 65 Jahren?« herausgebracht. Die Broschüre ist kostenlos erhältlich im Online- Shop der DAlzG. Download unter shop.deutsche- alzheimer.de/broschueren

Buchtipp

Das Herz wird nicht dement: Rat für Pfegende und Angehörige
von Udo Baer und Gabi Schotte-Lange
Beltz Verlag
ISBN: 978-3-407-85966-2
12,95 EUR

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