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Vom Zauber der Liebe im Alter

17. Februar 2014

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Die einen teilen schon seit Kriegstagen ihr Leben miteinander, die anderen haben sich erst im Seniorenzentrum kennengelernt. Dass man auch weit jenseits der 70 noch romantische Gefühle füreinander empfindet, zeigen die Geschichten von Paaren aus den AWO Häusern in Hessen und Bremen.

Krieg, Arbeitslosigkeit, die Geburt von zwei Kindern, unzählige Urlaube mit dem Wohnmobil, ein Schlaganfall und zuletzt der Umzug ins Bremer AWO Seniorenzentrum Heinrich- Albertz-Haus – diese Stationen eines ereignisreichen Lebens liegen zwischen dem Schwarz-Weiß-Foto an der Wand und dem, das gerade aufgenommen wurde. Das eine zeigt ein junges Paar mit ernster Miene. Die Frau trägt einen weißen Schleier im dunklen, vollen Haar, der Mann die Uniform eines Soldaten. Es ist der 16. Dezember 1944, es ist der Tag ihrer Hochzeit. Damals kannten sich Elisabeth und Karl-Heinz Ladwig gerade mal drei Monate. Die Liebe auf den ersten Blick hatte keine Zeit zu verlieren. Wer wusste damals schon, ob es ein Morgen gibt? Also musste alles ganz schnell gehen: Papiere besorgen von der arischen Großmutter und den Bürgermeister um Erlaubnis fragen, denn die Braut wuchs bei Pflegeeltern auf und war noch keine 21, also nicht volljährig. Anders als viele Frauen ihrer Generation hatte Elisabeth Glück. Ihr Mann ist aus dem Krieg heimgekehrt und bis heute an ihrer Seite. 70 Jahre nach dem Kennenlernen lässt sich das Paar erneut von einem Fotografen ablichten.
Diesmal legt Karl-Heinz Ladwig den Arm um seine Frau. Sie schauen sich fest und mit einem Lächeln in die Augen. Man spürt die Freude, einander noch immer zu haben. »Bei Kalle fühlte ich mich von der ersten Sekunde an geborgen«, so die heute 89-Jährige beim Gespräch auf dem Sofa im Foyer des AWO Heinrich-Albertz-Hauses. »Er war so anders als die anderen Männer – den wollte ich sofort haben.« Mit einem Grinsen fügt sie schelmisch hinzu: »Außerdem
gab es damals keine große Auswahl. Und die, die da waren, hatten nur noch einen Arm oder ein Bein.

Auch Kalle kehrte mit einer Kriegsverletzung zurück: Er verlor ein Auge, aber das fand ich nicht so schlimm.« Wer genau auf das Hochzeitsfoto schaut, erkennt am Kopf des Bräutigams einen Verband, der die Splitterwunde abdeckt. Kein Wunder, dass man in einer solchen Zeit keine überbordende Glückseligkeit ausstrahlte, so wie sie heutzutage von Hochzeitspaaren fast schon zur Schau getragen wird. Schluss mit lustig ist dann aber oft schon recht schnell. Nur etwa elfeinhalb Jahre dauert in Deutschland durchschnittlich jede dritte Ehe. Auch Karin, die Tochter der Ladwigs, ist bereits geschieden, sogar dreimal. Wie kommt es, dass ihre Eltern selbst eine so stabile Beziehung seit nunmehr sieben Jahrzehnten führen? »Ich bin eine Kämpfernatur«, sagt Elisabeth Ladwig. »Außerdem hatten wir lange nichts und mussten für alles hart arbeiten – sicherlich schweißt das zusammen.«
Während man heute in Saus und Braus den schönsten Tag des Lebens begeht und danach nicht selten auf einer karibischen Trauminsel flittert, musste sich das niedersächsische Fräulein aus Rotenburg an der Wümme Hochzeitskleid und
Schuhe leihen. »Die waren viel zu klein! Mit angezogenen Zehen bin ich vor den Traualtar getreten«, erinnert sie sich. Gefeiert wurde anschließend mit einem vom Schlachter geschenkten Braten und einer Flasche Wein, die die Jungvermählten mit ihren 18 Gästen teilten. »Einen Schwips hatten wir trotzdem, nicht wahr Mäuschen?«, sagt Karl-Heinz Ladwig und lacht. Wie die beiden so nebeneinander dasitzen, erinnert das an Eheszenen von Loriot. Dessen berühmtes Sofa befindet sich übrigens nicht weit von hier, vor dem Funkhaus von Radio Bremen. Und zwar in Bronze gegossen, als Hommage an Vicco von Bülow, der dort einst seine Sketche zum Besten gab und ganz Nachkriegsdeutschland zum Schmunzeln brachte. Humor, das zeigte sich beim Gespräch mit vielen Seniorenpaaren aus den AWO Häusern, ist eine gute Zutat für eine dauerhaft glückliche Beziehung.

Erika und Gerhard Berger, die vor wenigen Wochen im hessischen AWO Sozialzentrum Degerfeld ihre Eiserne Hochzeit begingen, nehmen sich allzu gern gegenseitig auf den Arm. »Mein Mann war ein Flotter«, sagt die 84-Jährige
und fügt nach einer Pause hinzu: »Naja, alles hat einmal ein Ende.« Und auf die Frage, was das Geheimnis ihrer langen Ehe sei, klärt Gerhard Berger auf: »Montage«. Tatsächlich war er als Kraftfahrer viel unterwegs und seine Frau mit den
beiden Kindern alleine zu Hause. Nie aber wurde das gegenseitige Vertrauen missbraucht. Das Wochenende stand im Zeichen der Familie und war heilig. Dann ging es in den Kleingarten, und abends schwangen die Eltern das Tanzbein. Mit solchen Aktivitäten schufen die Bergers schon früh die Grundlage für das Gelingen ihrer Ehe.

Denn, so zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, durch gemeinsame Interessen und Erlebnisse, wie Hobbys, Kinder und Reisen, wird die Lebensgeschichte der Partnerschaft geformt. Wichtig ist außerdem eine gute Kommunikation. Schwindet sie, da sind sich die Experten einig, verblasst auch das Gefühl der Nähe und des Verstandenwerdens. »Wir sind immer aufeinander zugegangen, nie auseinandergegangen «, so der 88-Jährige, der beim Einzug ins Seniorenzentrum als erstes die beiden Einzelbetten zum Ehebett zusammenschob. Jetzt baumelt über den Kissen je eine Hochziehhilfe – dazwischen hängt eingerahmt der Bibelspruch ihrer Trauung: Was passiert, wenn aus dem einstigen Feger ein im Rollstuhl sitzendes Häufchen Traurigkeit wird? Zwei, die wissen, wie sich das anfühlt, sind Gudrun und Gerhard Bauer. Vor drei Jahren erlitt die bis dahin gesunde Frau einen Schlaganfall und ist seitdem rechtsseitig gelähmt. Besonders tragisch ist, dass sie nicht mehr sprechen kann. Für ihren Mann war es damals keine Frage, mit ihr ins AWO Sozialzentrum Lauterbach zu ziehen. »Wir gehören zusammen«, sagt der 90-Jährige und legt dabei seine Hand auf ihre. »Obwohl anfangs Steine im Weg lagen. Denn Elisabeth war eine höhere Tochter und mein Schwiegervater alles andere als begeistert von mir.« Doch das Paar bekam drei Kinder und machte sich mit einer Gärtnerei selbstständig. »Als ich mit Anfang 60 an Darmkrebs erkrankte, kam Gudrun jeden Tag ins Krankenhaus und kümmerte sich um mich. Jetzt tue ich es für sie.«

Was passiert, wenn aus dem einstigen Feger ein im Rollstuhl sitzendes Häufchen Traurigkeit wird? Zwei, die wissen, wie sich das anfühlt, sind Gudrun und Gerhard Bauer. Vor drei Jahren erlitt die bis dahin gesunde Frau einen Schlaganfall und ist seitdem rechtsseitig gelähmt. Besonders tragisch ist, dass sie nicht mehr sprechen kann. Für ihren Mann war es damals keine Frage, mit ihr ins AWO Sozialzentrum Lauterbach zu ziehen. »Wir gehören zusammen«, sagt der
90-Jährige und legt dabei seine Hand auf ihre. »Obwohl anfangs Steine im Weg lagen. Denn Elisabeth war eine höhere Tochter und mein Schwiegervater alles andere als begeistert von mir.« Doch das Paar bekam drei Kinder und
machte sich mit einer Gärtnerei selbstständig. »Als ich mit Anfang 60 an Darmkrebs erkrankte, kam Gudrun jeden Tag ins Krankenhaus und kümmerte sich um mich. Jetzt tue ich es für sie.«

Sein Mitbewohner Herbert Enderer hat ebenfalls eine pflegebedürftige Frau. Sie ist schwer dement und wird künstlich ernährt. »Manchmal frage ich mich, ob das in Irmgards Sinne ist«, sagt der 78-Jährige mit leiser Stimme.
»Wir haben darüber leider nie gesprochen. Aber ich würde es nicht übers Herz bringen, die Geräte abzuschalten.« Aus Angst vor solch einem Pflegefall gehen viele alleinstehende Senioren keine Beziehung mehr ein. Oder sie möchten den Schmerz nicht nochmal erleben, den Partner zu verlieren. Manche unterdrücken ihre Bedürfnisse auch aus Scham. »In einer Gesellschaft, in der Jugend und Schönheit als zentral gelten, sind Liebe und Sexualität bei älteren Menschen auch heute noch ein Tabu«, so Prof. Kirsten von Sydow, Psychologin und Verfasserin des Buches »Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen«. 2008 wurde mit »Wolke 9« dieses Thema sehr einfühlsam verfilmt. Dabei verliebt sich der 82-jährige Hauptdarsteller in eine verheiratete Frau. Leidenschaft und Leid inklusive. In einem Interview sagte der Schauspieler Horst Westphal: »Ich möchte nicht aufhören, Anfänger zu sein.« Auch in der späten Liebe findet er es wichtig, dass man sich nie sicher ist.

Mächtig gekribbelt hat es bei Willi König, als er »die Neue« im Garten des AWO Hauses in Hadamar werkeln sah. Da schnappte er sich sein Werkzeug und bot Hilfe an. Ein paar Tage später überraschte er die 73-Jährige mit einem selbst gepflückten Wiesenstrauß, den er ihr vom Fahrrad aus entgegenstreckte. Spätestens da war es auch um das Herz von Walburga Allendorf geschehen. Seit Sommer 2012 genießen die beiden rüstigen Witwer, die je ein Apartment im »ServiceWohnen« der AWO haben, die Liebe im Herbst ihres Lebens. »Ich freue mich sehr, dass ich wieder einen Partner gefunden habe«, so die Hessin. »Ohne Kindererziehung und all die anderen Verpflichtungen fühle ich mich heutzutage viel freier und genieß die Zweisamkeit.« Beide vereint ehrenamtliches Engagement und die Freude am geselligen Beisammensein. An Heiligabend überraschten beide die Mitbewohner: Willi König kam als Weihnachtsmann und Walburga Allendorf als Engel. Sie ist für ihn »Meine kleine Prinzessin« – so steht es auf dem Lebkuchenherz, das er ihr schenkte und das die Wand in Walburgas Wohnung schmückt. Ein Andenken an schöne Momente – so wie sie Verliebte nun mal gerne festhalten, egal ob jung oder alt. Denn eines steht fest: Die Liebe kennt kein Verfallsdatum; sie rostet auch nicht, sie leuchtet von innen. Den Beweis geben all die vorgestellten Paare aus den AWO Seniorenzentren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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