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Von der Seele aufs Papier

© Studio Firma, Stocksy

Schreiben entlastet die Seele, hilft bei der Problemlösung und macht selbst körperliche Beschwerden erträglicher. Auch Ärzte und Therapeuten nutzen das als kreative und therapeutische Methode. Höchste Zeit, selbst mal wieder einen Stift in die Hand zu nehmen.

Ganz hinten im Bücherregal stehen meine Notizbücher. Die Ledereinbände sind vom vielen Anfassen ganz speckig. In den letzten Jahren habe ich darin festgehalten, was mich beschäftigt und berührt hat: Sätze, die ich irgendwo gelesen habe, Gedichte, Briefe, an mich und an andere, manche davon wurden nie abgeschickt. Den Großteil meiner Notizen hat niemand je zu Gesicht bekommen, nur ich selbst blättere hin und wieder durch die Bücher, muss manchmal schmunzeln, manchmal schlucken. Immer wenn ich sie dann wieder ins Regal stelle, denke ich, wie gut es doch tut, Dinge aufzuschreiben.

Damit bin ich offensichtlich nicht alleine: In Buchhandlungen und Schreibwarenläden werden die Drehständer mit Notizbüchern von Jahr zu Jahr größer. Im Internet findet man seitenweise Bilder von selbstgestalteten Heften und Anleitungen für To-Do-Listen und Wochenpläne. Tagebuchschreiben für Erwachsene liegt im Trend, aber weil das eben wenig erwachsen klingt, heißt es heute „Journaling“. Wie man es auch nennen mag, es scheint so, als hätten die Menschen trotz Digitalisierung das Schreiben von Hand wiederentdeckt.

Das verwundert kaum, denn die Liste mit positiven Effekten ist lang: Schreiben bringt Ordnung ins Gedankenchaos, es hilft dabei, die Perspektive zu wechseln, Gefühle auszudrücken, Erlebnisse aufzuarbeiten und sich selbst näher zu kommen. Ängste und Sorgen, die im Kopf riesig und kaum zu bezwingen erscheinen, verlieren auf dem Papier gleich einiges an Gewicht. So kann das Schreiben vor allem in Krisensituationen eine Rettung sein. Nämlich dann, wenn zum Sprechen die Worte fehlen, wenn der Kopf zu explodieren droht vor lauter Gedanken und Gefühlen, die vielleicht noch nicht mal einen Namen haben. Dann kann das Schreiben ein Ventil sein und das weiße Blatt ein stummer Zuhörer.

Auch wissenschaftlich ist die gesundheitsfördernde Wirkung des Schreibens bewiesen. Der amerikanische Psychologe James Pennebaker, der als Pionier auf dem Gebiet der Schreibtherapie gilt, fand schon in den 1980er Jahren heraus, dass sich tägliches Schreiben positiv auf die Gesundheit und Stimmung seiner Patienten auswirkt. Weitere

Studien belegen, dass Schreiben die Aktivität des Immunsystems und die Resilienz fördert und körperliche Beschwerden erträglicher machen kann. Mittlerweile wird diese Methode auch in Deutschland angewendet, etwa im Coaching oder in der Psychotherapie.

Sowohl beim kreativen als auch beim therapeutischen Schreiben geht es nicht um das Ergebnis, sondern um den Prozess. Jeder hat was zu sagen und jeder, der schreiben kann, kann schreiben. Man muss weder studiert haben, noch Unmengen an Literatur gelesen haben, man braucht kein Vorwissen und auch keine fertigen Geschichten im Kopf. Ehrlich gesagt muss man noch nicht einmal korrekt schreiben. Rechtschreibung, Grammatik und Stil sind völlig nebensächlich. Am besten wirft man also alles, was man je über das Schreiben gehört oder gelernt hat, über Bord. Und Perfektionismus und Anspruchsdenken gleich hinterher. Niemand wertet und niemand fuchtelt mit dem Rotstift.

Wer will, kann sich einer der Schreibgruppen anschließen, die in vielen Städten angeboten werden. Dort bekommt man Impulse und kreative Aufgaben, die den Einstieg ins Schreiben erleichtern. Außerdem entsteht dort oft auch ein Gefühl von Gemeinschaft, weil die Teilnehmer beim Austausch untereinander feststellen, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht alleine sind. Letztlich ist es aber kaum relevant, ob man als Teil einer Gruppe oder alleine schreibt. Das Schöne ist ja, dass man es fast überall machen kann und nicht mehr als einen Stift und ein Stück Papier dafür braucht. Wie und was man schreibt, bleibt ganz einem selbst überlassen. Denn das Schreiben ist ein höchst individueller Prozess, bei dem es nur um eines geht: den Schreiber.

 

Bücher und Adressen

Das Angebot an Kursen für kreatives Schreibenin Deutschland ist groß. Fündig wird man bei privaten Schreibcoaches und –seminaren sowie bei vielen Volkshochschulen. Auch die AWO bietet in einigen Städten und Einrichtungen Schreibgruppen und –werkstätten an, etwa die AWO Aktiv in Hamburg www.aktiv-in-hh.de oder die Seniorenschreibwerkstatt der AWO Troisdorf Mitte www.awo-troisdorf.de.

 

BÜCHER

Federleicht: Die kreative Schreibwerkstatt – Barbara Pachl-Eberhart, Integral, 19,99 €

Die Autorin und Poesietherapeutin Barbara Pachl-Eberhart hat durch ihr eigenes bewegtes Leben zum Schreiben gefunden. In Ihrem Buch gibt sie praxisnahe Tipps, sowohl für absolute Schreibanfänger als auch für diejenigen, die schon am Feinschliff arbeiten. Neben kreativen Übungen gibt es auch einen Serviceteil zum Weiterlesen.

Das Schreiblustbuch: Dichten, kritzeln, mit Worten spielen – Petra Teufl, Sabine Rädisch, Kösel, 15 €

Wenn sich der Schreibfluss nicht so richtig einstellen will und Ihre Fantasie gerade Pause macht, nehmen Sie am besten das Schreiblustbuch zur Hand. 50 kurze, hübsch gestaltete Impulse bringen Sie auf neue Ideen. Auf den Seiten ist Platz genug, sodass man die Geistesblitze gleich aufschreiben kann und kein zusätzliches Notizbuch braucht.


Ich schreibe mich gesund – Silke Heimes, dtv, 18 €

Die Ärztin und Schreibtherapeutin Prof. Dr. med. Silke Heimes hat ein Programm entwickelt, bei dem man zwölf Wochen lang jeden Tag fünfzehn Minuten schreibt. Mit konkreten Fragen und Impulsen soll dieses Gesundheitstagebuch dann dabei helfen, den Blick auf sich selbst zu richten, positive Denkmuster zu entwickeln und neue Möglichkeiten zu erkennen.

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