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Wer ist Ihr Vorbild?

Luca Pfeiffer © Eric Langerbeins

Das wollte das AWO Journal von Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen aus den Senioreneinrichtungen im nordrhein-westfälischen Kamp-Lintford sowie Voerde wissen. Herausgekommen sind teils überraschende Antworten. Ein Bericht über Held*innen (des Alltags) und was sie für uns so besonders macht.

Sie reicht ihm knapp bis zur Schulter und könnte mit ihren 16 Jahren seine Enkelin sein – und doch schaut der »Terminator« zu ihr auf. »Ich war sehr beeindruckt, als ich Greta Thunberg traf«, sagte Arnold Schwarzenegger im Frühjahr auf einer Klimakonferenz in Wien.

Auch Hollywoodschauspieler Javier Bardem ist voller Bewunderung für die Anführerin der »Fridays for Future«-Bewegung: »Ihre Stimme ist so wichtig. Wegen ihres Alters, wegen ihres großartigen Wissens, wegen ihrer Verpflichtung, der Wandel zu sein, über den alle sprechen.«

Ist die Rede von der jungen Schwedin, werden selbst Stars zu Fans. Doch was macht ein zierliches Mädchen mit geflochtenen Zöpfen zur Heldin einer ganzen Generation? »Im Moment hat alles Renaissance, was Orientierung gibt«, sagt die Psychologin Brigitte Scheidt. »Weil wir in einer Zeit leben, in der sich die Welt in einer Schnelligkeit dreht, dass einem schwindelig wird.« Da braucht es dann Pfeiler, die einem den Weg weisen.

Gerade junge Menschen sehnen sich nach Personen, mit deren Denk- und Verhaltens- weisen sie sich identifizieren können. Die fehlten Horst Wabbel in seiner Jugend. »Wir sind im Krieg groß geworden. Da hieß es nur Adolf Hitler, Jungvolk, BDM«, erzählt der 91-Jährige beim Besuch im AWO Seniorenzentrum »Altes Rathaus« in Voerde (s. S. 16). »Mein Lehrer gehörte der NSDAP an – wo waren denn da die Vorbilder?«

Es gab sie, aber wer zum Beispiel mit der Widerstandsgruppe Weiße Rose gegen die Diktatur des Nationalsozialismus sympathisierte, lebte gefährlich.

Ob die Geschwister Scholl, Mutter Teresa, Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder aktuelle Beispiele wie Joachim Gauck oder eben Greta Thunberg – gemeinsam ist diesen Persönlichkeiten, dass sie außeralltägliche Dinge getan haben beziehungsweise tun und teilweise ein großes persönliches Risiko eingegangen sind.

Doch oft sind es nicht Prominente, sondern Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld, die wir bewundern, denen wir nacheifern und die unseren Lebensweg präg(t)en. Das zeigen die Antworten der Senior*innen und Mitarbeiter*innen auf die Frage nach ihren Vorbildern.

Irmgard Schwarz, 83
Vorbild: Meine Lehrerin

»In Kamp-Lintfort besuchte ich die Marienschule, meine Lehrerin hieß Fräulein Ida Skopnik. Sie war auch so eine Kleine wie ich, tänzelte immer beim Laufen, hatte einen schönen, flotten Gang. Das hat mir gefallen. Sie war in ihren 50ern, trug ihre weißen Haare zum Knoten und unterrichtete Deutsch, Erdkunde, Gesang, außerdem spielte sie Geige.

Vor allem aber war sie sympathisch, freundlich, lustig und man konnte sich mit Problemen an sie wenden. Das war damals ja nicht so üblich, da waren die Lehrer eher streng. Mein Lieblingsfach: Schreiben. Auch das hat Fräulein Ida unterrichtet. Ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie an der Tafel steht, in der einen Hand die Kreide, in der anderen das Butterbrot. Das sah sehr putzig aus.«

Eva Schulte, 88
Vorbild: Mein Opa, der Polizist

»Mein Großvater hat in Kamp-Lintfort die Polizeistelle geleitet und ist immer aufrecht durchs Leben gegangen – davor hatte ich stets Achtung. Zum Beispiel fand während des Krieges hier eine Fronleichnamsprozession statt. Die sollte verboten werden, doch mein Opa hat den Umzug erlaubt. Das wurde ihm von den Leuten hoch angerechnet.

Ich habe ihn in seiner Uniform als großen, stattlichen Mann in Erinnerung, eine Respektsperson. Ein- mal hatte mein Opa mir einen Auftrag erteilt, den ich vergessen habe. Da musste ich zu ihm ins Büro und stramm stehen: >Eva, so was vergisst man nicht!<, hat er mich zurechtgewiesen. Was ich von ihm gelernt habe? Zuhören und sich nicht wegducken, wenn es ein Problem gibt.«

Für ihr jahrzehntelanges Engagement erhielt Eva Schulte 2011 das Verdienstkreuz am Bande und ist damit selbst ein Vorbild. Sie gehörte der Katholischen Arbeiterbewegung an und kochte regelmäßig für ältere und bedürftige Personen. Ein weiteres Anliegen von ihr: ein freundschaftliches Miteinander zu den in Deutschland lebenden Türkinnen.

Frau Schulte organisierte viele gemeinsame Treffen. Heute ist sie als Bewohnerin im Heimbeirat des Seniorenzentrums Kamp-Lintfort und engagiert sich noch immer ehrenamtlich.

Rose Kriscio, 74
Vorbild: Joachim Gauck

»Unser Ex-Bundespräsident ist genau fünf Jahre und fünf Tage älter als ich und hat mir von jeher imponiert. Mit der Gauck-Behörde trug er viel zur Aufbereitung und Aufklärung bei. Als er 2010 gegen Christian Wulff bei der Wahl zum Bundespräsidenten den Kürzeren zog, war ich sehr enttäuscht. Das habe ich ihm sogar persönlich gesagt, denn just zu dieser Zeit verbrachte ich meinen Urlaub in Zingst auf dem Darß, wo gerade eine Fernsehsendung mit ihm aufgezeichnet wurde.

Umso größer war die Freude, als Joachim Gauck zwei Jahre später dann tatsächlich das Amt übernommen hat. So stelle ich mir einen Präsidenten vor: jemand, der nicht nur schön Wetter macht, sondern auch mal sagt, was Sache ist. Und dem Freiheit ein so wichtiges Gut ist. Dass er als verheirateter Mann eine Lebensgefährtin hat, stört mich nicht. Das zeigt doch nur seine menschliche Seite.«

Ingeborg Neervort, 91
Vorbild: Meine Tochter

Mein Mann war nach einem Unfall in der Zeche querschnittsgelähmt. Ohne unsere Tochter hätte ich die Pflege alleine nicht geschafft. Überhaupt ist Gabriele immer eine gewesen, die mit angepackt hat. Ihr ist nichts zu schade, sie ist nie knurrig, macht alles mit Fröhlichkeit. Wenn jede Familie so eine Tochter hätte, wäre die Welt friedlich.

Wobei mich auch mein Sohn sehr unterstützt, er geht jeden Dienstag mit mir zum Markt. Gabriele arbeitet im Spielwarengeschäft ihrer Tochter und kommt jede Mittagspause für eine halbe Stunde ins Seniorenheim – obwohl sie so viel Stress hat und auch körperlich nicht gut drauf ist. Sie denkt immer erst an andere, hat selbst noch nie Urlaub gemacht.«

unsplash-logoRob Mulally

Luca Pfeiffer, 20
Vorbilder: Meine Eltern, Jürgen Klopp, N’Golo Kanté & der Dalai Lama

»Alle diese Personen haben etwas, für das ich sie bewundere. Zunächst einmal sind meine Eltern meine Vorbilder. Sie haben mich immer unterstützt, auch dann, wenn es mal in der Schule nicht so gut lief. Und sie reden mir bei Entscheidungen nicht rein. Als ich zum Beispiel aufs Gymnasium kam, wurde mir angeboten, in der Talentförderung des DFB zu spielen. Meine Eltern haben mich dann immer nach der Schule abgeholt und nach Duisburg gefahren. Das ging über fünf Jahre so, also eine lange Zeit.

Derzeit mache ich eine Trainerausbildung und da ist Jürgen Klopp mein großes Vorbild. Es ist bewundernswert, wie er mit jungen Spielern umgeht, sie fördert und motiviert.

Ein Sportler, den ich vorbildlich finde, ist der Franzose N’Golo Kanté. Das Geld, das er als Weltmeister bekommen hat, will er sozialen Einrichtungen spenden. Und auch sein Umgang mit Fans ist toll. Er ist bodenständig, einmal sogar mit dem Zug von einem Spiel nach Hause gefahren. Als der plötzlich ausgefallen ist, haben ihn Fans gefragt, ob er nicht mit ihnen nach Hause gehen will. Ist er – und hat mit ihnen Pizza gegessen und Playstation gespielt.

Ein ganz anderer Mensch, der mich fasziniert, ist der Dalai Lama. Seine Ausstrahlung und die Art des friedlichen Widerstands begeistern mich. Er zeigt, dass man auch ohne Gewalt oder Androhung von Krieg etwas bewegen kann.«

Horst, 91 & Emmi, 93
Vorbild: Unsere Ehe

Horst Wabbel: »Wir sind seit 68 Jahren verheiratet, insgesamt 72 Jahre zusammen. Als es Emmi gesundheitlich nicht mehr so gut ging, stand fest, dass wir gemeinsam ins Seniorenheim ziehen. Das war erst einmal ein ziemlicher Umstellungsprozess, aber gemeinsam lässt sich alles leichter bewältigen.«

Emmi Wabbel: »Kennengelernt haben wir uns beim Tanzkurs. Horst war ein guter Tänzer, ich hatte ihn schon länger im Blick und als Damenwahl war, ergriff ich meine Chance und forderte ihn auf. Dass er anderthalb Jahre jünger war, verriet er mir erst mal nicht. Im Grunde ist Horst aber ehrlich, das schätze ich an ihm, genauso wie seine Treue.«

Horst: »Ich bin jeden Tag dankbar, dass wir uns noch haben. Das ist ein großes Geschenk. Ein Schicksalsschlag war der plötzliche Tod unseres Sohnes im Alter von 28. Daran knabbern wir noch heute, aber andereBeziehungen wären daran kaputt gegangen. Gegenseitiges Vertrauen ist ganz wichtig, wir stärken uns gegenseitig das Kreuz.«

Kumpel mit Herz und Hirn

Der Zusammenhalt unter den Bergleuten war für ihn das A und O. Dafür setzte sich Werner Raschke leidenschaftlich ein – und bekam dafür das Bundesverdienstkreuz.

Der Bewohner des AWO Seniorenzentrums »Altes Rathaus« in Voerde war 50 Jahre Vorsitzender einer Siedlergemeinschaft für Bergleute und erhielt 1998 die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht.

In einem Zeitungsartikel aus dieser Zeit hieß es: »Hier wurde ein Mann geehrt, der über 30 Jahre freiwillige Arbeit an der Gemeinschaft geleistet hat und es weiterhin noch tut. Er bringt Menschen dazu, Gemeinschaft zu pflegen. Das ist etwas, was in den oft so anonymen Nachbarschaften bei uns hier die große Ausnahme ist.«

Werner Raschke, 87

»Am 1. Juni 1956 habe ich als Elektroinstallateur im Schacht angefangen. Damals boomte der Bergbau und zog wegen des regelmäßigen Verdienstes junge Familien von überall an. Aber die Wohnungsnot war groß und so entstand in Voerde die Siedlung Hinnemanns-Feld: 120 Eigenheime wurden von uns Bergleuten mit vereinten Kräften errichtet.

Ohne Nachbarschaftshilfe wäre das nicht möglich gewesen. Wer nicht unter Tage war, hat oben geschuftet. 1965 gründeten wir einen Siedlerverein und ich wurde zum Sprecher der Bergleute. Ich schaute, dass sie ihr handwerkliches Können untereinander austauschten, hatte aber auch mit den Behörden zu tun und setzte zum Beispiel durch, dass jeder einen Stall oder Geräteschuppen bauen durfte.

Auch für Spielplätze machte ich mich stark – schließlich hatte ich damals selbst vier kleine Kinder. Ich habe versucht, Streitereien aus dem Weg zu schaffen. Später, als die meisten Kumpel längst in Rente waren, organisierte ich Wanderungen, Ausflüge und Feste. Wir waren alle füreinander da – so einen Zusammenhalt findet man heute kaum noch.«

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