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»Vorsorge liegt im Trend«

11. Januar 2018

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Michael Rosellen vom AWO Bezirksverband Niederrhein, © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH


Interview mit Michael Rosellen, 40, Dipl. Sozialarbeiter, -pädagoge und Abteilungsleiter, Behindertenhilfe des AWO Bezirksverbands Niederrhein in Essen

AWO: Herr Rosellen, ob nun vom Verbraucherschutzministerium oder der Stiftung Warentest – es gibt viele Stellen, die zum Thema Vorsorge informieren. Was macht den Vorsorge-Ordner der AWO so besonders?

Michael Rosellen: Der/die Nutzer*in wird Schritt für Schritt durch das Werk geführt. Wir konfrontieren die Leute nicht sofort mit einer Patientenverfügung, sondern alles ist fein abgestuft: Am Anfang macht man sich Gedanken, was für den Notfall wichtig ist, also Zahlen, Daten, Fakten. Dann trägt man persönliche Unterlagen zusammen – wie z.B. Rundfunkbeitrag, Schrebergarten-Pachtvertrag oder Lotto-Abonnement. Die nächste Stufe dreht sich um die Gesundheit: Welche Krankheiten habe ich, welche Medikamente nehme ich, was ist meine Sozialversicherungsnummer etc. Wenn man das alles mental einmal bewegt hat, stellt sich die Frage: Was passiert, wenn ich selbst keine Entscheidung mehr treffen kann? Und da geht es dann um die Vorsorgevollmacht sowie die Betreuungs- und Patientenverfügung.

Sie haben den Ordner vom »Büro für leichte Sprache« beim AWO Bundesverband in Berlin übersetzen lassen. Warum?

Da wir gerade die erste Generation an Behinderten erleben, die zum Glück alt wird, war es an der Zeit, dieses komplexe Thema neuen Zielgruppen zugänglich zu machen. Der Ordner ist so gehalten, dass links der Inhalt in gewohnter und rechts in leichter Sprache steht.

Die ist nicht nur besser zu verstehen, sondern durch die größere Schrift und farbige Grafiken auch sehr seniorenfreundlich. Auf dem Titelbild des Ordners steht im Vordergrund ein junges Paar. Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich dem Thema zu widmen?

Das ist sehr individuell. Bei mir war der Auslöser die Geburt meines ersten Kindes. Da habe ich mir die Frage gestellt, was, wenn ich nicht mehr bin? Die Risiko-lebensversicherung deckt zwar viele Fragen ab, aber nicht alle. Und der Schlag kann jeden jederzeit treffen, auch schon mit 20. Klar, wir plädieren dafür, es eher früher als später zu machen.

Welche Konsequenzen hat es, wenn man keine Vorsorge macht?

Da fallen mir viele Horrorszenarien ein. Im letzten Jahr habe ich das noch bei meiner Großmutter erlebt, die – entgegen meiner Ratschläge – keine Vorsorge traf. Es kam der erste Schlaganfall, dann der zweite – und dann konnte sie nicht mehr selbst entscheiden.

Was war mit Ihrem Großvater?

Viele unterliegen dem Irrglauben, dass verheiratete Partner sich gegenseitig vertreten können. Dem ist nicht so! Und die klassischen Fragen, welche medizinische Behandlung zum am-Leben-lassen, Beatmung ja-nein, künstliche Ernährung ja-nein … konnten erst mal nicht geklärt werden. Vielmehr verzögerte sich der Prozess um 48 Stunden, da sich das Krankenhaus weigerte, die Entscheidung meines Großvaters zu akzeptieren. Das klappte erst, als er ganz offiziell über das Amtsgericht als gesetzlicher Vertreter bestimmt wurde. Mit einer Patientenverfügung oder einer Vollmacht wäre das nicht passiert.

Reicht es nicht, nur die Vorsorgevollmacht zu erteilen?

Wir empfehlen, alle drei Formulare auszufüllen. Mit der Vollmacht bestimme ich eine Person, die in meinem Sinne zum Beispiel Bankgeschäfte erledigt, wenn ich das selbst nicht mehr machen kann. Die Betreuungsverfügung ist noch differenzierter: Da sage ich dem Gericht, wer für mich Dinge regeln soll – ansonsten bestimmt nämlich das Gericht einen Betreuer. Und die Patientenverfügung deckt das Medizinische ab, falls man mal bewusstlos ist und deshalb selbst seine Wünsche nicht äußern kann.

Wer, meinen Sie, eignet sich als Bevollmächtigter?

Eine Person des Vertrauens. Jemand aus der Familie, der beste Freund oder ein gesetzlicher Betreuer von Amtswegen. Man sollte fragen: Wer wäre in der Lage, meinen Willen umzusetzen? In der Jüdischen Gemeinde von Duisburg, wo wir auch Vorträge halten, sind viele osteuropäische Menschen. Deren Kinder und enge Freunde wohnen zum Beispiel in St. Petersburg. Das nützt jedoch nichts, denn im Fall der Fälle ist niemand in der Lage, entsprechende Verfügungen hierzulande umzusetzen.

Sollte man sicherheitshalber mehrere Personen bevollmächtigen?

Nein, die Durchsetzung der eigenen Interessen wird eher geschwächt, wenn mehrere Personen beteiligt sind. Die sind sich dann im Zweifel nicht einig, ob man die Beatmungsmaschine nun an- oder ausstellt. Wir empfehlen, nur eine Person zu benennen. Da ist doch Streit unter den Geschwistern vorprogrammiert, wenn die Eltern nur ein Kind bevollmächtigen? Vielleicht. Aber damit niemand das Gefühl bekommt, hinterm Rücken wird was gemauschelt, ist es wichtig, über die Dinge zu reden. Man regelt ja nichts, was das Erbe angeht – das beruhigt schon mal viele. Sollte man die Vorsorge notariell beglaubigen lassen?Nur wenn Immobilien im Spiel sind oder etwa eine Firma. Ansonsten kostet das unnötig Geld und bringt keinen Vorteil.

Wo sollten die Formulare am besten hinterlegt werden?

Den Notfall-Ausweis – ähnlich dem Organspende-Ausweis – immer bei sich tragen! Der Vorsorge-Ordner sollte so aufbewahrt werden, dass er bei Bedarf gleich gefunden wird.

Kann ich meine Meinung in Bezug auf die medizinische Versorgung später noch mal ändern?

Ja, das ist jederzeit möglich. Wir empfehlen die Aktualisierung der Verfügungen einmal im Jahr. Nicht nur wegen der gesetzlichen Veränderungen, sondern vor allem, weil sich die Dinge ändern, z. B. eine Trennung vom Partner, oder der bevollmächtigte beste Freund ist selbst schon erkrankt und dann nicht mehr in der Lage etwas zu tun. Oder eben, wenn die eigenen medizinisch-ethischen Vorstellungen andere geworden sind.

Eine generelle Frage: Kümmern sich die Menschen heute mehr um Vorsorge als früher?

Die Zahl derer, die angeben eine Patientenverfügung verfasst zu haben, ist in den vergangenen fünf Jahren stark angestiegen von 26 % auf 43 %. Weitere 32 % haben schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht. Darüber hinaus hat das Zentrale Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer bereits über 3 Millionen Verfügungen registriert.

Es gibt also einen Trend zur Vorsorge?

Ja, der ist auch dem Wandel der Zeit geschuldet. Medizinisch gibt es deutlich mehr Möglichkeiten. Aber nicht alles, was möglich ist, möchte man vielleicht für sich in Anspruch nehmen. Dass das Thema den Leuten unter den Nägeln brennt, erleben wir auch bei Infoveranstaltungen. Die bieten wir mehrmals im Monat an, und sie sind immer gut besucht.

Interessant. Was ist die Motivation der Leute?

Viele wollen die Dinge in ihrem Sinne regeln, damit sie ihren Kindern, Eltern, Verwandten, Freunden diese Entscheidung abnehmen.

Ein ehrbares Motiv!

Es nimmt auch viel Last, wenn dieses Thema geklärt ist. Selbst nach langer, schwerer Krankheit befinden sich der Betroffene und die Angehörigen im Ausnahmezustand. Und dann hilft es, wenn an einer Stelle alle Infos sind und man sich nicht erst durch die Akten seiner Eltern oder des Lebenspartners durchwühlen muss.

Hier können Sie den Vorsorgeordner bestellen:

AWO Bezirksverband Niederrhein e.V.
Lützowstr.32
45141 Essen

info@was-wirklich-wichtig-ist.org
Tel.: 0201 3104-264

19,50 Euro zzgl. Versandkosten

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