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Was ist »Biografiearbeit«?

12. März 2019

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© unsplash, Jonathan Simcoe


In der Altenpflege muss man sich mit vielen Fachbegriffen auseinandersetzen. Unsere AWO Expert*innen geben Antworten! Dieses Mal auf die wichtigsten Fragen zum Thema:

Biografiearbeit

»Jede Lebensgeschichte, jede Biografie ist einzigartig und so unverwechselbar, wie es auch jede Person ist. Die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte ist unverzichtbarer Bestandteil der Lebensbegleitung älterer Personen.« Christian Burtscher bringt es in der Einleitung zu seiner Fachbereichsarbeit »Biografiearbeit im Pflegealltag« auf den Punkt.

Die Biografiearbeit bildet die Basis der kompletten Pflege- und Betreuungsarbeit in der stationären Altenhilfe. Die entscheidende Frage lautet: »Wie wurde der Mensch zu dem, was er ist?« Entweder ältere Menschen erzählen selbst aus ihrem Leben, oder Angehörige berichten und werden so mit in die Betreuungsplanung einbezogen. Aus den einzelnen Informationen ergibt sich am Ende ein Gesamtbild, das hilft, den alten Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen und seine Biografie bei der Aktivierung und Alltagsgestaltung mit zu berücksichtigen. Auch bei demenzkranken Patient*innen ist sie unerlässlich. Eine an ihrem Leben orientierte Tagesstruktur, die an die Gewohnheiten des älteren Menschen anknüpft, schafft Vertrautheit und Sicherheit in einer Welt, die Demenzkranken zunehmend fremder wird.

Die Biografiearbeit setzt stets am Anfang an: Geburtstag und Geburtsort, Kindheitserinnerungen und -gewohnheiten, Schulbesuch und Ausbildung, Partnerschaft und Ehe, Familie und Hobbys sind Anknüpfungspunkte. Dabei ist auch einiges zu Vorlieben, Gewohnheiten sowie Abneigungen in Erfahrung zu bringen. Außerdem spielen die Sinne eine wichtige Rolle: das Hören bestimmter Musik oder Alltagsgeräusche, das Betrachten alter Fotos und Gegenstände, das Riechen bestimmter Düfte und das Schmecken der Lieblingsgerichte – all das vermittelt Daheimgefühl und lässt Erinnerungen wieder lebendig werden. Biografiearbeit bedeutet aber auch Trauerarbeit: Belastende Erlebnisse wie Gewalterfahrungen, Krieg und Vertreibung, der Verlust geliebter Menschen und die eigene Erkrankung werden aufgefangen. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass Biografiearbeit ein fortlaufender Prozess ist, zu dem immer wieder neue Details hinzugefügt und mit bekannten Aspekten verknüpft werden müssen.

Man beobachtet, dass bei den Menschen das Selbstbewusstsein und die Selbstachtung wächst und Offenheit und Dialog zwischen Patient*innen und Pflegekräften gefördert werden.

Autorin: Ute Frisch

Ute Frisch ist examinierte Krankenschwester und Dipl. Sozialarbeiterin. Seit 2000 ist sie im AWO-Seniorenzentrum An der Härenwies in Trier als Leitung des sozialen Dienstes tätig. Seit September 2017 als Einrichtungsleitung.

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