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Was ist uns gute Pflege wert? Ein Gespräch mit Experten des AWO Bundesverbandes

10. April 2014

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Es vergeht kein Tag, an dem nicht öffentlich über diese Frage debattiert wird. Der demografische Wandel hat aus dem einstigen Verdrängungsthema ein heißes Eisen gemacht. Schließlich sind wir alle irgendwann einmal von Pflegebedürftigkeit betroffen, ob persönlich oder als Angehörige. Wie stellt sich die Arbeiterwohlfahrt diesem Problem? Das AWO Journal traf sich zum Gespräch mit den Pflegeexperten des Bundesverbandes in Berlin.

AWO Journal: Seit knapp zwei Jahren bietet die AWO eine telefonische sowie eine Online-Pflegeberatung an. Diese ist kostenlos und anonym. Wird dieser Service in Anspruch genommen?

Anja Roloff: Immer mehr. Inzwischen bekommen wir täglich Anfragen. Allerdings wenden sich die Leute erst relativ spät an uns, wenn z. B. ein Elternteil einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hat. Besonders nach Weihnachten ist die Nachfrage groß, weil Angehörige während der Feiertage merken, dass die Eltern nicht mehr gut allein zurechtkommen.

Mit der Sorge kommt die große Ratlosigkeit, denn das Thema Pflege ist sehr komplex, man fühlt sich schnell überfordert.

Roloff: Da den Überblick zu behalten ist in der Tat nicht einfach, und die letzte Pflegereform aus dem Jahr 2012 hat alles noch verkompliziert. Als Online-Beraterin kommt man da schnell an seine Grenzen. Denn ich kann lediglich die Bandbreite der Versorgungsmöglichkeiten aufzeigen – angefangen bei den »sofort pflegerischen Angeboten« wie Einkaufshilfen oder Begleitdiensten bis zur Unterbringung in einem Pflegeheim – und welche finanzielle Unterstützung man jeweils in Anspruch nehmen kann.

In den meisten Fällen reicht das Geld nicht aus, weshalb man seit einem Jahr eine staatlich geförderte pivate Pflegezusatzversicherung abschließen kann. Wie steht die AWO zu diesem sogenannten »Pflege-Bahr«?

Wer eine Pflegezusatzversicherung mit staatlicher Förderung (»Pflege-Bahr«) abschließt, bekommt vom Staat einen Zuschuss von 5 Euro im Monat bzw. 60 Euro im Jahr. Problem ist: Bei vielen Zusatzversicherungen bleibt im späteren Pflegefall trotzdem eine finanzielle Lücke. Teure Tarife können sich, trotz der staatlichen Förderung, viele Menschen nicht leisten. Der Zuschuss von 5 Euro pro Monat ist zu gering, um sich die »guten« Tarife leisten zu können. Ein Vergleich der Tarife ist in jedem Fall sehr wichtig.

Immerhin hat man zum ersten Mal konkret auf den demografischen Wandel reagiert. Fakt ist, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis 2030 um fast das Doppelte ansteigen wird. Wie will
die AWO den explodierenden Kosten von morgen begegnen?

Roloff: Mit einer Bürgerversicherung! Wenn alle in ein System einzahlen würden, dann wäre mehr Geld im Pflegesystem. Bisher gibt es die gesetzliche und die private Pflegeversicherung, und mit dem »Pflege-Bahr« wird
ausschließlich das private System unterstützt.
Claus Bölicke: Jeder, der pflegebedürftig wird, sollte auch die Leistungen bekommen, die er benötigt. Das darf nicht davon abhängen, ob er sich das privat leisten kann oder nicht. Derzeit ist es ja so, dass Menschen mit hohem Risiko, ein Pflegefall zu werden, in der gesetzlichen Pflegeversicherung sind und die Wohlhabenderen mit einem oft besseren Gesundheitszustand in der privaten. Während die gesetzliche Pflegeversicherung ins Minus rutscht, hat die Private rund 24 Milliarden an Rücklagen angespart. Wir von der AWO finden, dass das System so nicht funktioniert und dass es eine Versicherung geben muss, in der alle Personengruppen mit allen Einkommensarten einzahlen sollen.

Ist diese Bürgerversicherung denn schon mehr als ein Gedankenspiel?

Bölicke: Wir haben dazu ein Gutachten vom Zentrum für Sozialforschung an der Uni Bremen in Auftrag gegeben. Bei unserem Modell würden wir mehr Mittel für die Pflegeversicherung bekommen, weil eine Anpassung der Leistung vonstatten gehen würde, also eine regelmäßige Leistungsdynamisierung. Bisher sind die Beträge gar nicht angestiegen, aber die Leistungen immer teurer geworden – alleine schon, weil z. B. die Löhne der Angestellten angepasst werden. Das ist eine schleichende Entwertung. Die Gutachter gehen davon aus, dass die Umsetzung einer Bürgerversicherung rund 4 Milliarden Euro kosten wird. Wir wissen aus Umfragen, dass die Bevölkerung durchaus bereit wäre, mehr Beiträge zu zahlen, wenn damit eine bessere Versorgung im Alltag einherginge. Man hat Angst, dass die Gelder einfach irgendwo, z. B. in der Verwaltung, versickern. Als AWO halten wir natürlich an einer paritätischen Finanzierung fest, d. h.: Hälfte Arbeitgeber, Hälfte Arbeitnehmer. Ein weiteres Gutachten hat ergeben, dass eine Bürgerversicherung rechtlich möglich ist. Man muss es politisch nur wollen.

Dann ist jetzt die beste Zeit, diesen Vorschlag in der Großen Koalition umzusetzen.Die FDP, bekanntlich ein großer Fan der PKV, ist nicht mehr dabei. Wie sehen Sie die Chancen, die CDU von einer solchen Bürgerversicherung zu überzeugen?

Bölicke: Überhaupt keine. Die SPD, die eine Bürgerversicherung befürwortet und diese auch in den Koalitionsverhandlungen gefordert hat, konnte sich nicht durchsetzen. Wie die FDP, so hält auch die CDU an den zwei Systemen fest. Aber als AWO geht es uns ja auch um ein gesellschaftliches Bewusstsein und um eine langfristige Lösung: Was ist uns Pflege wert? Wollen wir das als Gesellschaft stemmen und niemanden zurücklassen, der sich das – aus welchen Gründen auch immer – nicht leisten kann? Der Anteil an alten Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, wird steigen. Dann springt der Sozialhilfeträger ein und belastet damit auch die Gesellschaft, über Umwege und versteckt.

Dass uns Pflege nicht allzu viel wert ist, zeigt allein schon die geringe Bezahlung der Pflegekräfte, die u. a. der Grund für das mangelnde Interesse an diesem Beruf ist.

Bölicke: Deutschland gehört europaweit mit unter 1 % vom Bruttoinlandsprodukt zu den Ländern, die im Bereich der Pflege die geringsten öffentlichen Ausgaben haben. Selbst Griechenland hat eine höhere Quote!

Kein Wunder, dass wir einen Fachkräftemangel haben. Statistiken zeigen, dass bis 2030 rund 491.000 Stellen fehlen werden. Wie versucht die AWO unter den jetzigen Bedingungen gute Pflege in ihren rund 900 Altenhilfeeinrichtungen zu leisten?

Bölicke: Nicht nur in der Pflege, sondern in allen Dienstleistungsbereichen hat die AWO eigene Qualitätsnormen festgelegt. Hierbei handelt es sich um Mindeststandards, die Leistungen definieren, die wiederum jederzeit überprüft werden. Wir sind kein Billiganbieter, sondern bieten Qualität. Wo AWO draufsteht, ist auch AWO drin. Konkret heißt das: Wir bieten anständige, angemessene Arbeitsbedingungen einschließlich fairer Löhne. Und unsere Kunden bekommen entsprechende Dienstleistungen, die wir versuchen, auf die sich ändernden Bedarfe immer weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Was uns die Pflege wert ist, betrifft nicht nur die Wirtschaft, sondern das ist auch ein familiäres, privates Thema. Wie soll sich der Einzelne dabei verhalten?

Bölicke: Jeder zweite Mann und jede dritte Frau werden im Laufe ihres Lebens pflegebedürftig. Wo hat man schon eine 50-zu-50- Wahrscheinlichkeit, dass irgendwas eintrifft? Und trotzdem geht jeder davon aus, dass er zu den 50 Prozent gehört, denen nichts passiert. Bei der Rente machen sich die Leute ja auch früher Gedanken und warten nicht, bis sie 67 sind, um dann festzustellen, dass das Geld nicht reicht. Jeder wünscht sich, irgendwann einen schönen Tod zu haben, ohne vorher pflegebedürftig zu werden. Aber das ist unrealistisch.
Roloff: Deshalb unser Appell: Machen Sie sich vorher Gedanken, wie Sie im Alter leben und welche Hilfe Sie in Anspruch nehmen wollen. Es gibt viele Dienstleistungen, mit denen man auch als Pflegebedürftiger noch ein zufriedenes Leben führen kann. Wenn man das früh genug klärt, dann bricht das auch nicht mehr so über einen herein. Und vor allem: Es nimmt die Angst vor dem Alter.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

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