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Was soll der Müll?

6. Juni 2018

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© Unsplash, @mediavormgever


Mehr als 200 Kilogramm Verpackungsmüll verursacht jeder von uns pro Jahr. Und der wird zu einem immer größeren Problem. China hat den Import von Altplastik gestoppt und unser eigenes Recyclingsystem stößt an seine Grenzen. Doch ein Alltag mit weniger Müll ist möglich. Dabei helfen auch neue Läden, die jetzt deutschlandweit aus dem Boden sprießen und Produkte unverpackt anbieten.

Grüne Tonne, schwarze Tonne, braune Tonne, gelber Sack, Container für weißes, grünes und braunes Glas, kleine Pappkartons für die Bat-terien: Wir Deutschen trennen unseren Müll akribisch. Und sind stolz darauf. Wir sind sogar Europameister im Recycling. Etwa 60 Prozent des Mülls wird wiederverwertet. Was mit dem Rest passiert, scheint dann nicht mehr so wichtig zu sein. Oder machen Sie sich große Gedanken darum, was mit all den Bechern, Dosen, Tüten und Folien geschieht, die Sie artig in die verschiedenfarbigen Tonnen und Container werfen? Aus den Augen, aus dem Sinn. Dabei verhilft uns das, was da in unseren Mülleimern landet, gleich zum nächsten Titel, diesmal leider im Negativen: Mit 37 Kilogramm Plastikmüll pro Einwohner*in lagen wir im Jahr 2015 deutlich über dem europäischen Durchschnitt und schaffen es noch so eben aufs Siegertreppchen, nur Irland und Estland verursachen noch mehr.

320.000 Coffee-to-go-Becher verbrauchen die Deutschen pro Stunde.

Laut Bundesministerium für Umwelt verursachen die Deutschen jährlich insgesamt 213 Kilogramm Verpackungsmüll pro Person. Die Gründe dafür sind vielfältig: Vor allem in Großstädten gibt es immer mehr Ein- oder Zweipersonenhaushalte, die kleinere Portionsgrößen und Abgepacktes kaufen. Viele essen zudem öfter unterwegs und fördern die To- go- und Take-away-Gastronomie. Der Überfluss und die ständige Verfügbarkeit von fast allem befeuern unsere Wegwerfmentalität noch zusätzlich. Wir essen also Tiefkühlpizza und Rinderroulade als Fertiggericht, trinken Kaffee aus Pappbechern und Wasser aus Plastikflaschen, bestellen Schuhe, Schlafanzüge und Stabmixer transportsicher verpackt im Internet. Und wenn uns irgendetwas nicht mehr gefällt oder es nicht mehr richtig funktioniert, schmeißen wir es eben weg. Die Müllabfuhr kommt schließlich so zuverlässig wie die Tagesschau.

Leitungswasser aus dem Hahn ist 100 x günstiger als Mineralwasser aus der Flasche.

Und die verkündete Anfang 2018, dass China unseren Müll nicht mehr will. Diverse Recycling-Materialien dürfen seit dem 1. Januar dieses Jahres nicht mehr dorthin exportiert werden. Bislang hat Deutschland große Teile seines Plastikmülls in die Volksrepublik verschifft und steht jetzt nach dem Importstopp vor einem großen Problem: Wohin mit dem Müll? Andere Exportmärkte, Verbrennung, Deponie oder stärkeres Recycling können keine sinnvollen Lösungen sein. Höchste Zeit, umzuden-ken, das Übel an der Wurzel zu packen und weniger Müll zu produzieren. Das scheint auf den ersten Blick besonders beim Sorgenkind Plastik unmöglich zu sein. Wir sind geradezu umringt davon: von der Zahnbürste über die Fleecejacke bis hin zum Gartenstuhl. Der Kunststoff ist in alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens vorgedrungen. Vor allem im Supermarkt ist der Verpackungswahn ausgebrochen: Im Obst- und Gemüseregal findet man einzeln verpackte Auberginen – bio wohlgemerkt –, eine Handvoll Spinat im Plastik-Beutel, 20 Himbeeren in Kleinstverpackung und auch der Brokkoli wurde vorsichtshalber noch dreimal mit Folie umwickelt. Immerhin wurden vielerorts die Hemdchenbeutel abgeschafft. Das sind die dünnen Plastikbeutel in der Obst- und Gemüseabteilung, in die manche sogar die von Natur aus gut verpackten Bananen stecken. Die Plastiktüten an der Kasse sind jetzt überall kostenpflichtig oder wurden, wie etwa vom Lebensmittelriesen Rewe, ganz abgeschafft.

Nur weniger als 50 % des Plastikmülls in Deutschland werden recycelt.

In der Tat hält Plastik unsere Lebensmittel frisch und erleichtert den Transport vieler Produkte. Als unkompliziertes und vielseitig einsetzbares Wundermaterial eroberte Kunststoff Anfang des 20. Jahrhunderts die Welt und revolutionierte in Deutschland mit Nylonstrümpfen und PVC-Böden den Nachkriegsalltag. Bloß: Wir werden ihn nicht mehr los. Zumindest nicht in diesem Leben. Denn bis Plastik vollständig zersetzt ist, dauert es je nach Zusammensetzung 50 bis 600 Jahre. So lange bleibt es als Stoff auf der Erde. In den Weltmeeren haben sich bereits fünf riesige Müllstrudel gebildet, in denen Millionen Tonnen Plastikmüll treiben. Fische, Seevögel und andere Meerestiere halten den Müll für Nahrung, fressen ihn und sterben. 2017 strandete ein Schnabelwal an der norwegischen Küste. Forscher fanden in seinem Magen 30 Plastiktüten. Für den Menschen kann vor allem jenes Plastik gefährlich werden, das wir mit bloßem Auge gar nicht sehen können. Sogenanntes Mikroplastik gelangt etwa beim Trinken aus einer Plastikflasche, durch Hygieneartikel und Kosmetika wie Duschgel, Peeling und Zahnpasta sowie beim Verzehr von Fisch oder Muscheln in unseren Körper. Viel diskutiert wurde in diesem Zusammenhang vor allem der Weichmacher Bisphenol A, der eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung auf die Sexual- und Schilddrüsenhormone hat.

Nach etwa 15 Minuten landet der Coffee-to-go-Becher bereits im Müll.

Fakten wie diese brachten Bea Johnson dazu, ihr Leben umzukrempeln. Die gebürtige Französin brachte die Welt 2010 mit einem Weckglas voll Müll zum Staunen. In dem Glas befand sich der Müll, den sie in einem ganzen Jahr produziert hatte, mitsamt ihrem Mann und den zwei Söhnen. Dafür änderte sie ihr Konsumverhalten radikal, fing an, vieles selbstzumachen und suchte unermüdlich nach Alternativen für die Plastikprodukte in ihrem Alltag. Mittlerweile ist sie so etwas wie die Mutter der sogenannten »Zero-Waste«-Bewegung. Übersetzt heißt das so viel wie »ohne Müll« und ist ein Lebensstil, bei dem man auf Plastik und Müll (weitestgehend) verzichtet. Es geht darum, den eigenen Konsum kritisch zu hinterfragen, bereits Vorhandenes wiederzuverwenden und Kaputtes zu reparieren.

25 Minuten ist eine Plastiktüte im Durchschnitt in Gebrauch.

In Großstädten ist das Konzept zum Trend avanciert. Und versetzt gerade jüngere Generationen zurück in Großmutters Zeiten. Die stapfen jetzt, bepackt mit Einkaufskorb, Brotbeutel und Weckgläsern zu kleinen Tante-Emma-Läden, in denen man Lebensmittel ohne Verpackung einkaufen kann. Mitgebrachte Behälter wie Dosen, Stoffbeutel oder Glasflaschen werden vor dem Einkauf gewogen, damit man am Ende auch nur das bezahlt, was man reingefüllt hat. An den Wänden hängen große Spender, in denen Produkte wie Getreide, Nudeln, Müsli, Öl, Kaffee und Gewürze lagern. Viele Läden führen auch eine immer größer werdende Auswahl an Non-Food-Artikeln wie Reinigungsmittel und Kosmetik.

450 Jahre dauert es, bis eine PET-Flasche vollständig zersetzt ist.

Zweifellos bedarf diese Art des Einkaufens größerer Vorbereitung und Planung als ein spontaner Gang zum Supermarkt. Wer sich aber darauf einlässt, wird feststellen, dass ein Leben mit weniger Müll keinen Verzicht bedeutet. Hat man den Konsum und die Einkaufsroutine erstmal umgestellt, spart man am Ende sogar Zeit und Geld. Trotzdem ist es für viele schlicht unmöglich, komplett auf Plastik zu verzichten. Mit ein paar kleinen Änderungen und Umstellungen hier und da können wir die Müllberge aber allemal reduzieren. Und das wäre doch schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.


Buchtipp: Besser leben ohne Plastik

Die Designerin Anneliese Bunk und die Journalistin Nadine Schubert zeigen in ihrem gemeinsamen Buch, dass ein plastikfreies Leben gesünder, günstiger und zeitsparender ist. Man findet jede Menge alltagser – probte Rezepte vom Müsli bis zur Fliegenfalle. Der Serviceteil liefert zudem Kauftipps für die wichtigsten Hilfsmittel. Im Nachfolgetitel »Noch besser leben ohne Plastik« konzentriert sich Nadine Schubert vor allem auf die Vermeidung von Mikroplastik.

Besser leben ohne Plastik
von Anneliese Bunk und Nadine Schubert
Oekom Verlag
ISBN: 978-3-86581-784-6
13 EUR


Buchtipp: Statt Plastik

Bei Jutta Grimm steht Selbermachen auf dem Plan. Die Haushalts- und Ernährungstechnikerin trägt in ihrem Buch Bastel- und Nähanleitungen zusammen, die dabei helfen, Plastik in fast allen Bereichen des Alltags zu vermeiden. Hilfreich sind auch die Rezepte für Kosme – tik- und Putzmittelalternativen sowie die Informationen zu Inhaltsstoffen und diverse Kunststoffen.

Statt Plastik: Schöne Sachen zum Selbermachen – das Ideenbuch für Einfälle statt Abfälle
von Jutta Grimm
Pala Verlag
ISBN: 978-3-89566-348-2
19,90 EUR


Filmtipp: Plastic Planet

Unverzichtbar für all jene, die sich näher mit dem Thema Plastik beschäftigen wollen, ist der Doku – mentarfilm Plastic Planet von Werner Boote aus dem Jahr 2009. Er zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie sehr der Kunststoff unser Leben bestimmt und welche Gefahren er mit sich bringt. In der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung kann man den Film anschauen:

www.bpb.de


Online-Tipp: Monomeer

Der Allrounder unter den verpackungsfreien Online-Shops hat neben der Standardausrüstung wie Stoffbeutel und Dosen auch ausgefallene Produkte wie Zahnseide, Sonnencreme und Locher im Angebot. Alles plastikfrei!

www.monomeer.de

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