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Weihnachten in englischer Kriegsgefangenschaft

3. Dezember 2012

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von dem Gast-Autor, Herrn Hähner, aus dem AWO Seniorenzentrum Frieda-Nadig-Haus in Bielefeld

 

Es war 1946 kurz vor Weihnachten. Wir hatten den Krieg überstanden und warteten in englischer Gefangenschaft auf unsere Entlassung. Für damalige Verhältnisse ging es uns gut, fast ausgezeichnet. Wir durften sogar nachmittags bis zum Eintritt der Dunkelheit außerhalb des Lagers spazieren gehen.

Da kam ein Kamerad auf die Idee: Wir müssen einen Baum haben! Ein guter Einfall. Aber wie sollten wir mit einem Weihnachtsbaum am Posten vor dem Tor vorbeikommen? Er wusste auch da einen Rat.

»Der Lange muss mit!« Der Lange (1,81m) war ich.

Schon am nächsten Nachmittag zogen wir beide los Richtung Wald. Dort angekommen, sprang mein Kamerad mit einem Taschenmesser bewaffnet in eine kleine Schonung und kam nach kurzer Zeit mit einem kleinen Bäumchen zurück. Wir legten es an die Erde und banden die Zweige fest an den Stamm. Dann musste ich meinen recht weiten Mantel ablegen und er band mir den Tannenbaum direkt vor den Bauch, um mir dann wieder recht umständlich in meinen Mantel zu helfen.

»Halte ihn durch die Manteltaschen fest, damit er Dir nicht wegrutscht!«
riet er mir.

So marschierten wir zurück ins Lager. Ich musste ganz gerade gehen und durfte mich nicht bücken, sonst hätte ich die Baumspitze in der Nase gehabt.

Am Posten vor dem Lagertor kamen wir gut vorbei, er hatte keinen Argwohn und grüßte freundlich, Gut gelaunt brachten wir unsere Errungenschaft in die Baracke und damit war mein Beitrag zum Weihnachtsfest geleistet. Die Kameraden zogen Kerzen aus holten Bunkerlichtern und holten sich vom Lagerarzt Watte gegen angebliche Ohrenschmerzen, die sie dann als Engelshaar für den Tannenbaum spendeten.

Als dann der Heilige Abend herankam, stand in unserer Hütte ein schmuckes Bäumchen. Wir durften es uns gemütlich machen. Die Lagerküche lieferte etwas Gebäck, vom Roten Kreuz bekam jeder ein Päckchen Tabak, und die Lagerverwaltung spendierte zusätzlich einen Eimer Kohlen pro Hütte.

Da wurde unsere besinnliche Stille plötzlich durch den Ruf gestört: »Der Lagerkommandant kommt!« Wir wollten noch schnell den Tannenbaum verschwinden lasen, aber da wurde schon die Tür aufgerissen und der englische Kommandant stand im Raum, begleitet von zwei Posten.

Er gab jedem einzelnen die Hand, wünschte frohe Weihnachten und ließ jedem eine Zigarette überreichen. Er schien unseren Baum gar nicht zu bemerken. Als er sich schon zum Gehen wandte und in der Türe stand, sagte er:

»Das mit dem Weihnachtsbaum kommt mir vor wir die Speisung der Fünftausend! Zwei Bäume sind offiziell ins Lager gekommen, einer für den Krankensaal und einer für die Lagerkapelle und bisher habe ich in jeder Hütte einen gesehen.«

 

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