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Wenn die Lust noch nicht in Rente geht

25. Januar 2012

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Während sich auf der Bühne das fulminante Solo der Sopranistin seinem Höhepunkt nähert, wechselt sie mit ihm tiefe Blicke. Gerade erst haben sie sich das erste Mal einander vorgestellt. Kurzerhand lädt sie ihn nach der Oper zu sich nach Hause ein. Beim gemeinsamen Teetrinken knistert es gewaltig. Wenige Minuten später fallen sie übereinander her. Ein One-Night-Stand mitten in der Wohnung.

An sich eine unaufregende häufig gesehene Filmsexszene im deutschen Fernsehen, wie man meinen könnte. In diesem Fall jedoch handelt es sich zwar um eine TV-Produktion, jedoch haben die Hauptdarsteller ihr sechzigstes Lebensjahr längst überschritten. Und nicht nur das. Mit dem TV-Melodrama „Mathilde liebt“ (ARD, 2006) durchbrachen die Schauspielerin Christiane Hörbinger (73) und ihr Filmpartner Michael Mendl (67) auch die Grenze eines flächendeckenden Tabu-Themas:

Sex im Alter – wenige sprechen drüber, viele tun es.

Aktuelle Umfragen und Studien verschiedener Institute belegen, dass die Lust nach der Lust auch bis ins hohe Alter sowohl bei Frauen als auch bei Männern vorhanden ist. Gleichwohl spricht man im Allgemeinen den betagteren Herren eine größere Bettaktivität zu, oft jedoch in Liaison mit einer bedeutend jüngeren Partnerin. Dies reflektiert auch die mediale Realität, in der nicht selten prominente Männer wie Schauspieler Fritz Wepper (70) oder Fernsehmoderator Jean Pütz (75) die Welt an ihrem späten Vaterglück teilhaben lassen.

Tatsache aber ist, dass vor allem die Sexualität bei Frauen auch nach den Wechseljahren weiterhin eine große Rolle spielt. Neben erfrischender Lebensenergie und partnerschaftlicher Gemeinschaft steigert sich durch den Liebesakt das Selbstwertgefühl der Damen enorm. Auch die Selbstbefriedigung wird von Frauen älterer Semester genutzt, um ihre Sexualität auszuleben. Zwar läuft sowohl bei den Damen als auch bei den Herren die Erregung langsamer ab, dafür hält sie häufig umso länger an.

In vielerlei Hinsicht birgt der reife Sex sogar viele Vorteile in sich.

So muss sich das Paar weder Gedanken über die geeignete Verhütung machen, noch läuft es Gefahr, dass auf einmal der junge Nachwuchs in der Schlafzimmertür steht. Auch andere Belastungen, denen sich oft die Pubertierenden ausgesetzt fühlen, stellen für die Herrschaften der älteren Generation keine Probleme mehr dar.

Hauptsächliche Störfaktoren, die dem Beischlaf im Alter naturgemäß öfter im Weg stehen als den Jüngeren, sind körperliche oder internistische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Dass Mann bzw. Frau sich mitunter sogar einem größeren Verletzungsrisiko bei sexuellen Aktivitäten aussetzt, beschreibt die Autorin Elfriede Vavrik (83) sehr anschaulich in ihrem autobiografischen Buch „Badewannentag – Weiblich, 82, sucht die Liebe“.

Sie zog sich während der Selbstbefriedigung einen Oberschenkelhalsbruch zu.

Über dieses einschneidende Erlebnis und vieles mehr sinniert die rüstige Dame in dem Nachfolgeroman von „Nacktbadestrand“. Unter diesem Titel veröffentlichte die zweimal geschiedene Mutter dreier Söhne erstmals ihre Sexualerfahrungen mit knapp 80 Jahren. Auslöser für das Schreiben über dieses in der Gesellschaft so pikante Thema war ein Besuch bei ihrem Arzt, den sie aufgrund von Depressionen konsultierte. Anstatt ihr jedoch – wie erwartet – Beruhigungsmittel oder Ähnliches zu verschreiben, empfahl er ihr, es doch einmal mit Geschlechtsverkehr zu probieren. Im Alter von 79 Jahren schaltete sie also eine Kontaktanzeige und erlebt seitdem eine völlig neue Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse.

Genau wie dieses reale Beispiel zeigt ebenfalls der deutsche Kinofilm „Wolke 9“ (2008), dass sich auch jenseits der 60 die Lust noch einmal von einer ganz anderen, vielleicht sogar noch befriedigenderen Art  ausleben lässt. So führen Schauspielerin Ursula Werner (68) und ihr Kollege Horst Westphal (83) auf der Leinwand eine wilde Sex-Affäre, obwohl sie seit bereits 30 Jahren eigentlich glücklich verheiratet ist und anfangs versucht, ihre Gefühle für ihren Liebhaber zu unterdrücken. Auf die Frage nach der Idee zu diesem Film, gab der 48-jährige Regisseur Andreas Dresen eine Antwort, mit der er wohl leider ins Schwarze getroffen hat: „Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt – Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren.“

Umso besser also, dass durch Schauspieler und Autoren der älteren Generation dieses Thema immer öfter enttabuisiert wird und somit Gleichgesinnte dazu ermuntert werden, auch in höherem Alter offen mit dem Thema Sex umzugehen. Denn die wichtigsten Voraussetzungen für ein erfülltes Sexleben sind die Überwindung des eigenen Schamgefühls und die Kommunikation untereinander – und das gilt unbestritten generationsübergreifend.

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