Das Online Magazinfür mehr Lebensfreude im Alter

Wenn ich nochmal jung wäre …

20. Februar 2017

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©Waltraud Zelle ©Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur


Was würden Sie anders machen, wenn Sie noch mal jung wären? Wer, wenn nicht die Seniorinnen und Senioren aus den AWO Seniorenzentren könnten uns diese Frage besser beantworten?  Das AWO Journal hat sie befragt und dabei viel Lebensweisheiten an die Hand bekommen.


»… Dann Würde ich den Beruf ergreifen, den ich und nicht mein Vater will.«

Klara Backes aus dem AWO Seniorenzentrum »Laubach« in Koblenz

»Im Dezember vor 93 Jahren bin ich in Koblenz zur Welt gekommen – als fünftes, aber nicht letztes Kind. Nach mir bekamen meine Eltern vier weitere Mädchen. Von meinen beiden Brüdern ist einer bereits mit 15 Jahren gestorben.

Mein Vater war Sattler, wir hatten kein Geld, und obwohl wir alle gescheit waren, kam eine höhere Schule nicht infrage. Zumal gerade der Krieg ausbrach, als ich die 8. Klasse beendet hatte. Ich wäre gerne Friseurin geworden, aber mein Vater erlaubte mir das nicht. Er meinte, das seien keine guten Menschen. Wir haben alles gemacht, was die Eltern sagten. Das würde heute nicht mehr funktionieren. Die jungen Leute sind ja durch die Medien viel aufgeklärter als wir damals. Wir hatten keine Ahnung von der Welt, sind in die Kirche gegangen und mussten dreimal täglich beten. Ich machte schließlich eine Schneiderlehre in Boppard, wo ich später auf der Kirmes meinen Mann kennenlernte. Wir bekamen einen Sohn und drei  Töchter. Eine davon wurde übrigens Friseurin. Und mein Sohn besuchte die höhere Schule. Die kostete damals Geld. Damit wir uns das leisten konnten, gab uns der Chef meines Mannes jeden Monat 100 Mark bis zum Abitur. Danach ging unser Sohn zur Polizei und wurde Hauptkommissar.

Willi war ein guter Vater und Partner an meiner Seite, immer treu, ein echter Gentleman, und er konnte Witze am laufenden Band erzählen. Als er 1990 an Bronchialkrebs starb, war das der traurigste Moment in meinem Leben. Aber ich habe noch fünf Schwestern. Wir telefonieren viel miteinander – meine Familie, zu der auch acht Enkel und drei Urenkel gehören, hält und trägt mich.

2013 zog ich ins Seniorenheim – zum Erstaunen meiner Kinder, denn diese Entscheidung habe ich alleine getroffen. Da bin ich eigenwillig, vielleicht auch, weil ich mich als Kind und junge Frau stets unterordnen musste.«


»… Würde ich den Unfall ungeschehen machen, der mich mein linkes Bein kostete.«

Hans-Josef Hoffmann aus dem AWO Seniorenzentrum »Laubach« in Koblenz

»Nach dem großen Bombenangriff im November 1944, bei dem Koblenz größtenteils zerstört wurde, musste die Bevölkerung in Sicherheit gebracht werden. Frauen und Kinder wurden zuerst evakuiert, also auch meine Mutter und ich, damals neun Jahre alt. Es ging nach Thüringen, wo ich bei einem Bauern gearbeitet habe. Als Flüchtling war man nicht willkommen, denn es gab ja nicht viel und um das Wenige wurde erbittert gekämpft. Gerade als ich mein Geld fürs Kartoffelsammeln abgeholt hatte, kamen drei Jugendliche mit Weidenstöcken auf mich zu. Sie schlugen mich und ich fiel rückwärts auf die Straße, wo mich ein LKW erfasste – und ich mein Bein verlor. Dadurch konnte ich nie einen richtigen Beruf erlernen, aber unterkriegen ließ ich mich trotzdem nicht. Als ich 18 war, lernte ich meine erste und einzige Liebe kennen: Katharina. Weil ihre Mutter gegen die Heirat war, mussten wir bis zu ihrem 21. Geburtstag warten. Dann bekamen wir zwei Kinder, aber leider starb meine Frau schon mit 55 Jahren. Ich habe immer in der Landwirtschaft gearbeitet und mich um Pferde gekümmert. Ich mag Tiere und habe hier ins Altenheim meine Katze Mia mitgebracht. Sie hat mir mal das Leben gerettet: Als ich ohnmächtig wurde, jaulte sie so lange von der Balkontür herunter, dass der Briefträger aufmerksam wurde und die Polizei rief.«


»… Würde ich gerne studieren.«

Eduard Schley aus dem AWO Seniorenzentrum »Vierwindenhöhe« in Bendorf

»Soweit ich denken kann, musste ich arbeiten. Wir waren fünf Kinder zu Hause, und unser Vater, ein Kesselheizer, schickte uns schon früh raus aufs Feld, das wir gepachtet hatten. Als ich sechs Jahre alt war, brach der Krieg aus und als er zu Ende war, musste ich eine Lehre machen. Dabei hätte ich viel lieber noch weiter gelernt, vielleicht später auch studiert, am liebsten Pädagogik oder eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Aber ich bin gar nicht erst gefragt worden. Mein Vater war sehr streng und entschied, dass ich eine Lehre zum Bäcker mache, damit wir zu Hause immer Brot haben. Als Geselle bekam ich eine Mark in der Woche, später 28 Mark. Und obwohl ich schon 19 Jahre alt war, musste ich alles meinem Vater abtreten – bis auf fünf Mark Sonntagsgeld. Deshalb suchte ich immer Möglichkeiten, mir noch etwas extra dazuzuverdienen. Meinen eigenen zwei Kindern habe ich mehr Freiheiten ermöglicht. Aber die jungen Leute haben es heutzutage nicht unbedingt einfacher. Es geht viel hektischer zu als früher, und wer nicht die erwünschte Leistung bringt, fliegt sofort raus. Da hatte ich es als Busfahrer bei der Bundeswehr leichter.«


»… Würde ich mich nicht mehr selbstständig machen.«

Udo Villmann

Udo Villmann aus dem AWO Seniorenzentrum »Vierwindenhöhe« in Bendorf

»Das Wasser ist mein Element seit ich denken kann: Meine Eltern und schon die Großeltern waren Binnenschiffer, und vor dem Beginn der Dampfschifffahrt auf dem Rhein zog mein Urgroßvater mit den Pferden die Lastkähne stromaufwärts. Ich lernte im Fluss das Schwimmen, aber als die Schule losging, hörte das Leben an Bord erstmal auf. Mein Bruder und ich kamen ins Schifferheim, da meine Eltern ja immer auf Tour waren. Dann endlich, mit 13,5 Jahren, durfte ich beim Vater mitfahren – einen anderen Beruf konnte ich mir nicht vorstellen!

Als ich meine spätere Frau kennenlernte, arbeitete ich bei einer Reederei und hatte gerade Urlaub. Die Zeit an Land war aber zu knapp, um Mariannes Herz zu erobern. Ich ging damals zu meinem Hausarzt und sagte: „Ich muss noch acht Tage hier bleiben.“ Er hat mich krankgeschrieben, nach einer Woche waren wir ein Paar – unzertrennlich bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren. Es schweißt zusammen, wenn man auf engstem Raum zusammenlebt, denn Marianne war vier Jahrzehnte auch auf dem Schiff an meiner Seite. Nur als unsere beiden Buben klein waren, blieb sie zu Hause. Im Alter von 53 habe ich mich noch mal selbstständig gemacht – ich wollte mein eigener Chef sein. Diesen Schritt würde ich heute nicht mehr machen, denn ich musste ab sofort für mein Geld doppelt so viel arbeiten wie bei der Reederei.  Einen Tag werde ich nicht vergessen: Es war Heiligabend vor zwanzig Jahren, und ich legte gerade mit meinem Schiff in Duisburg an. Da klingelte das Telefon, meine Frau sagte: ,Stell dir vor, Peter hat sich geoutet – er hat einen Freund.` Damals hat mich das dermaßen belastet, dass ich zehn Kilo abnahm. Inzwischen ist unser Sohn glücklich mit einem Mann verheiratet. Heute würde ich sicherlich gelassener mit dieser Situation umgehen.«


»… Würde ich alles so machen, wie ich es tat.«

Waltraud Zelle

Waltraud Zelle aus dem AWO Seniorenzentrum »Vierwindenhöhe« in Bendorf

»Im Sommer werde ich 90 Jahre, und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, ist da nichts, was ich bereue oder glaube verpasst zu haben. Ich habe alles erreicht, was ich wollte: Mit 18 lernte ich im niedersächsischen Quakenbrück meinen späteren Mann kennen, ein Jahr später, 1947, heirateten wir und bekamen eine Tochter und einen Sohn. Ich war gerne Mutter und Hausfrau. Einen Einschnitt gab es, als die Firma meines Mannes nach Bendorf übersiedelte und wir mit rund dreißig anderen Familien dorthin zogen. Aber die Rheinländer machen es einem leicht, wir fanden schnell Kontakt. Mein Mann war später dann im Karnevalsverein und ich im Chor. Als die Kinder aus dem Haus waren, wollte ich wieder arbeiten. Ich hatte nach der Schule eine Ausbildung bei einem Verlag gemacht und bekam schließlich eine Anstellung als Anzeigenleiterin bei der Bendorfer Zeitung. Die Urlaube verbrachten wir meist in Kärnten, wo wir viel wandern und in den Seen schwimmen gingen. Daran denke ich sehr gerne zurück. Sehnsucht nach der weiten Welt habe ich nicht – obwohl mein Sohn Pilot wurde und mir immer viel von den fernen Ländern erzählte. Mein nächstes Ziel ist Quakenbrück – dort möchte ich meinen runden Geburtstag mit meiner Familie feiern.«


»… Würde ich nicht so früh heiraten.«

Elfriede Pretz

Elfriede Pretz aus dem AWO Seniorenzentrum »Vierwindenhöhe« in Bendorf

»Nach dem Krieg habe ich in Bernkastel auf einer Säuglings- und Kinderstation gearbeitet, was mir große Freude bereitete. Ich wäre so gerne Hebamme geworden, hatte aber das Geld für die Ausbildung nicht.

Meinen späteren Mann lernte ich am Rheinufer kennen, wo wir uns öfters zum Schwimmen im Fluss begegnet sind. Mit zwanzig heirateten wir. Das würde ich nicht mehr machen, denn die Jugend ist damit futsch. Ab da an musste ich einen Haushalt führen und bekam in Folge vier Jungen, darunter Zwillinge, und ein Mädchen. Weil die Wohnung für so eine große Familie zu klein war, ging ich viel mit meinen Kindern spazieren. Jeden Tag um 14 Uhr liefen wir am Rhein entlang. Mein Sohn war später bei der Bundeswehr der einzige, der keine Blasen an den Fü.en bekam. Samstag war Waschtag. Da stellte man die Bütte in die Küche, streute Fichtennadelsalz rein, und wenn alle fertig waren, gab es für jedes Kind ein Rippchen Schokolade. Und gewaschen wurde alles per Hand: In einem großen Topf wurde das Wasser auf dem Herd gekocht und anschließend in den Hof getragen. Ohne Hilfsmittel wie Waschmaschine und Trockner war man da ganz schön beschäftigt. Da hat man es heute viel leichter.«

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