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Ziemlich späte Freunde

1. April 2015

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Rosa Schröder und Gerda Kreuzer sind gute Freunde

Glücklich, wer auch im Alter einen lieben Menschen an seiner Seite hat. Viele alleinstehende Frauen und Männer sehnen sich nach mehr Nähe. Die einen suchen jemanden gegen die Einsamkeit im Alltag, andere finden sogar noch einmal eine Liebe. Dass es sich lohnt, auch jenseits der 70 aktiv auf andere zuzugehen, zeigen die Beispiele in diesem Bericht. Denn: Gemeinsam ist man weniger allein!


RudolfForstpointer und Kurt Neuhäuser aus dem AWO Seniorenzentrum Augsburg-GöggingenMänner machen bekanntlich keine großen Worte. Schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Da sind Rudolf Forstpointer und Kurt Neuhäuser keine Ausnahme. Spricht man die beiden Herren, die sich vor rund einem Jahr im AWO Seniorenheim Augsburg-Göggingen kennenlernten, auf ihre junge Freundschaft an, lächeln sie verlegen. »Mann« äußerst sich nur ungern über Beziehungen und so kommt die Rede erst einmal auf Fußball.

Da strahlen die Augen! Und wie durch Zauberhand liegt plötzlich ein Album auf dem Tisch, vollgeklebt mit Zeitungsartikeln und Fotos aus alten Vereinstagen. »Forstpointer war nicht zu halten«, steht da als Überschrift, oder: »Fortspointers ,hattrick‘ entschied«. Schnell zeigt sich: Der 87-Jährige war einmal ein sehr erfolgreicher Sportler, der seiner Mannschaft von »rechts und halb rechts außen« viele Siege bescherte. »Weit über 30 Jahre war ich aktiv«, erzählt Rudolf Forstpointer, dem man noch immer seine Beweglichkeit ansieht. Doch in erster Linie zehrt er heute nicht von den Erfolgen auf dem Rasen, sondern von der Zugehörigkeit zu einem großartigen Team. »Es war eine schöne Zeit, und noch immer treffe ich mich zum Frühschoppen mit meinen Kameraden im Schützenhaus.«

Rudolf ForstpointerEin Leben ohne Freunde? Das konnte sich Rudolf Forstpointer noch nie vorstellen. Schon als Mannschaftssportler hat er immer den Kontakt zu anderen gesucht. So kam es fast wie von selbst, dass er schon bald nach dem Einzug ins AWO Seniorenzentrum Kurt begegnete – und ihn sofort »wegen seiner ruhigen, netten Art« mochte. »Wir passen einfach zusammen«, sagt Herr Forstpointer, der wie sein Mitbewohner Witwer ist. Und es gibt Parallelen in ihrem Leben, die verbinden: Beide haben eine Handwerkslehre gemacht, die sie mit einem Meister abschlossen; beide sind aus der Kriegsgefangenschaft geflüchtet, und auch Kurt Neuhäuser war stets vital und baute als Mitglied der Gögginger »Naturfreunde« ein altes Bauernhaus in ein Freizeitheim um. Seine Erfahrung ist: »Wer sich im Verein engagiert, kümmert sich auch um andere.«

Die zwei Senioren hatten sicherlich Glück und etwas Mut, sich zu finden. Doch die Überwindung und der Wille zur Anpassung können sehr einträglich sein. Wer im Alter noch eine neue Freundschaft knüpft, wird mit mehr Lebensqualität, Wohlbefinden und sogar einer besseren Gesundheit belohnt.

Das weiß Oliver Huxhold vom Deutschen Zentrum für Altersfragen. Umso bedauerlicher, dass nach Erhebungen dieses Berliner Instituts bundesweit etwa 40 Prozent der über Achtzigjährigen allein leben und jeder Vierte nur noch einmal im Monat von Freunden und Bekannten besucht wird. Dabei sind die meisten Menschen keine Einzelgänger, sondern Herdentiere, was sogar wissenschaftlich belegt ist. Es gibt viele Gründe, warum man sich isoliert fühlt: der Verlust des Partners und von Freunden wie auch körperliche Beschwerden (die Füße machen nicht gut mit, das Gedächtnis lässt nach, Autofahren klappt nicht mehr, das Ohr hört schwer). All das schlägt auf die Seele.

Rosemarie MorgensternSo erging es auch Rosemarie Morgenstern, die als Witwe fast zehn Jahre allein wohnte, bevor sie schließlich nach einem längeren Krankenhausaufenthalt ins AWO Seniorenzentrum nach Miesbach in die Nähe ihres Sohnes zog. Dort ging sie in die Offensive und von Anfang an auf andere zu. »Um mich von meinem Heimweh abzulenken, habe ich sofort an sämtlichen Veranstaltungen teilgenommen«, erzählt die 86-Jährige, die im Haus wieder anfing, Klavier und Karten zu spielen.

Inzwischen hat sich die allseits beliebte Seniorin in Miesbach gut eingelebt, pflegt aber den Kontakt zu ihrem Freundeskreis in Wiesbaden per Telefon. Drei- bis fünfmal am Tag greift sie zum Hörer und unterhält sich mit ihren Bekannten über alles Mögliche, von politischen Krisen bis zum Krimi.

Gute soziale Beziehungen sind entscheidend für das Wohlbefinden. Oft reicht es schon, wenn man eine Vertrauensperson an der Seite hat. Manche aber wünschen sich sogar im Rentenalter noch einmal einen Lebensgefährten. So wie Hanne Wittkuhn und Peter Tetzlaff, die sich über eine Anzeige kennenlernten: »Hallo liebe Unbekannte, wie kommt eine Frau aus Süddeutschland in das Flensburger Tageblatt? Ich bin seit etwas über einem Jahr Witwer und sehne mich vor allem abends, wenn man alleine ist, nach einer zärtlichen Frau. Über eine Nachricht mit Foto würde ich mich freuen. Viele Grüße aus dem hohen Norden wünscht Ihnen ein noch unbekannter Verehrer.«

Mit diesen Worten begann ihre Geschichte. Peter und Hanne, die weder die große Entfernung zwischen ihren Wohnorten noch das Risiko des Scheiterns scheuten, um sich nach dem Tod ihrer Ehepartner noch einmal auf das Abenteuer Liebe einzulassen. Überwältigt von ihren Gefühlen, ziehen sie sofort zusammen, in ein Haus am Meer. Doch ganz so einfach ist es nicht. In den Weg stellen sich unter anderem Hannes eifersüchtiger Sohn und die Vergangenheit. Dokumentarfilm »Die Zukunf gehört uns - Liebe für Forteschrittene«Wie die beiden um ihr Glück kämpfen, zeigt der Dokumentarfilm »Die Zukunft gehört uns« von Marisa Middleton. »Ich wollte eine realistische Beziehung zeigen, keine kitschige à la Rosamunde Pilcher«, so die Regisseurin. »Mein Ziel ist es, älteren Menschen Mut zu machen. Denn es lohnt sich, auch im letzten Lebensabschnitt noch einen Neuanfang zu wagen.«

Ob man für diesen Schritt nun die Annoncen einer Tageszeitung nutzt, über ein Internet-Portal für Senioren (www.Ü70.de) Gleichgesinnte für gemeinsame Hobbys wie Kegeln oder Wandern sucht oder aber jemanden, der einem sympathisch erscheint, gezielt anspricht – das ist sekundär. Hauptsache, man igelt sich nicht ein, sondern ist auch als hochbetagter Mensch noch offen für neue Begegnungen. So wie Rosa Schröder aus dem AWO Seniorenheim in Königsbrunn. Die 95-Jährige fand in ihrer Mitbewohnerin Gerda Kreutzer eine Person zum Reden, Spazierengehen und Fernsehgucken. Mittlerweile haben die beiden ihr Ritual entwickelt und machen es sich jeden Abend nach dem Essen auf dem Sofa von Frau Schröder gemütlich. »Es ist gut, wenn man nicht alleine ist«, weiß Gerda Kreutzer und fügt hinzu: »Man fühlt sich irgendwie beschützt.«

Peter Dopfert»Ich bin ein geselliger Mensch, und meine Posaune hilft mir von jeher, schnell in Kontakt mit Menschen zu kommen. An den musikalischen Nachmittagen im Haus tanze ich auch sehr gerne, am liebsten zu flotter Musik. Wenn eine Frau gut tanzen kann, gefällt mir das – wichtig ist, dass sie sich führen lässt.«

 

 


INFOS ZUM THEMA:

»Wege aus der Einsamkeit« heißt ein 2007 gegründeter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Hamburg, der sich deutschlandweit für ein lebenswertes Leben im Alter engagiert. Mehr unter: www.wegeausdereinsamkeit.de.

Der Verein »Freunde alter Menschen« organisiert u. a. Besuchspartnerschaften und gemeinschaftliche Unternehmungen. Er will Jung und Alt in Kontakt bringen und Geschichten und Geschichte über die Generationen hinweg lebendig machen. Infos unter www.freunde-alter-menschen.de.

Wer sich für die Dokumentation »Die Zukunft gehört uns – Liebe für Fortgeschrittene« interessiert, kann die DVD für 15,99 € (zzgl. Versand) über diese Adresse bestellen: INDI Film GmbH, Heinrich- Roller-Str. 15, 10405 Berlin. Oder telefonisch: 030-61287852.

 

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