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Ich schaff‘ das schon!

istockphoto/cherrybeans

Resilienz: Von der inneren Widerstandsfähigkeit und dem Vertrauen in uns selbst

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Liebeskummer?
Die Traurigkeit, die leeren Visionen einer Zukunft ohne die andere Person und das Gefühl, an der Situation zu verzweifeln und nie wieder glücklich zu sein? »Aber klar!«, denken Sie jetzt. Dann erinnern Sie sich bestimmt auch daran, wie Sie
ihr gebrochenes Herz zusammengeflickt haben, wieder durchatmen
konnten und das Leben weiterging. Und vielleicht hatten Sie danach
auch das Gefühl, stärker zu sein?

Das Leben steckt voller solcher Momente, die uns fordern und an denen wir gleichzeitig wachsen können: Trennungen, der Verlust einer geliebten Person, Krankheiten, ein Streit in der Familie, Stress im Job oder der Nachbar, der seine Musik einfach nicht leiser drehen will. Auch unsere derzeitige Herausforderung, die Corona-Pandemie, verlangt uns einiges ab.

Während die einen unter dem veränderten Alltag leiden, nehmen andere ihn einfach hin und ziehen für sich vielleicht noch etwas Positives raus.

Und wenn die Pandemie endet, wird es Menschen geben, die an der Krise gewachsen sind und andere, die noch lange Zeit mit ihr kämpfen werden und nicht einfach zur (neuen) Normalität übergehen können. Aber woran liegt das?

In der Psychologie spricht man von Resilienz, einer inneren Widerstandsfähigkeit.
Sie hilft uns, schwierige Situationen ohne seelischen Schaden zu bewältigen und diese sogar als Chance für die eigene Entwicklung zu nutzen. Aber was beeinflusst, ob ein Mensch resilient ist oder nicht? Und können wir Resilienz auch im Alter trainieren? Wir haben mit einer Expertin gesprochen.

Prof. Dr. Ulrike Willutzki ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Ressourcen von Menschen und ihrer Resilienz. Zudem forscht und lehrt sie zu sozialen Ängsten, Depression und posttraumatischer Belastungsstörung.

Frau Prof. Dr. Willutzki, wann ist ein Mensch resilient?
Man geht davon aus, dass jeder Mensch resilient ist. Denn wir alle werden mit Aufgaben und Situationen konfrontiert, die wir noch nicht erlebt haben, die uns herausfordern und mit denen wir schlussendlich halbwegs angemessen oder sogar erfolgreich umgehen. In der Psychologie sehen wir dabei Resilienz mehr als dynamischen Prozess als als Eigenschaft einer Person. Das heißt, jeder von uns hat in unterschiedlichen Situationen solche Stärken, und das kann sich im Lauf der Zeit verändern.

Aber es gibt Einflussfaktoren, die uns mehr oder weniger widerstandsfähig machen?
Die gibt es natürlich! Unser soziales Umfeld spielt dabei eine große Rolle. Zum Beispiel sind Familie und Freundinnen unglaublich wichtig, wenn es um die persönliche Entwicklung und unser Weiterkommen geht. Sie vermitteln uns entsprechende Haltungen, sie geben uns Beispiele, und sie ermuntern uns auch dabei, nach vorne zu schauen. Zudem sind unsere bisherigen Erfahrungen, und wie wir diese sehen, sehr wichtig.

Das heißt, wenn ich eine schwierige Kindheit hatte, ist die Gefahr groß, dass ich weniger resilient bin?
Eine schwierige Kindheit muss nicht zwangsläufig heißen, dass die Psyche dauerhaft Schaden daran nimmt. Das Risiko ist aber höher. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner hat in den 1950er-Jahren eine Studie auf der hawaiianischen Insel Kauai gemacht. Dort beobachtete sie knapp 700 Kinder für mehrere Jahrzehnte. Und die Startchancen von vielen dieser Kinder waren alles andere als gut. Sie wuchsen mit Armut, Drogensucht der Eltern und Vernachlässigung auf. Trotz solch ungünstiger Voraussetzungen haben sich ein
Drittel der Kinder zu verantwortungsvollen, stabilen und erfolgreichen Persönlichkeiten entwickelt.

Also war es Glück?
Glück war es eher nicht. Diese resilienten Kinder hatten eines oder mehrere besondere Merkmale. Sie waren intelligent, sozial verträglich, hatten ein ausgeglichenes Temperament und mindestens eine stabile Bezugsperson, auf die sie sich verlassen konnten. Das konnten die Eltern sein, aber auch z. B. Lehrerinnen, Trainerinnen oder jemand aus der Nachbarschaft.

Für widerstandsfähige Menschen wird oft die Metapher »Stehaufmännchen« verwendet. Welche Verhaltensweisen oder Sichtweisen legen sie an den Tag?
Resiliente Menschen schaffen es, sich an unterschiedliche Situationen anzupassen. Sie werden aktiv, anstatt sich ihrem Schicksal hinzugeben. Gleichzeitig halten sie die Balance zwischen »Was kann ich verändern?« und »Was muss ich akzeptieren?«. Ein Mensch mit einer hohen Resilienz leidet nicht nur darunter, dass seine Möglichkeiten in einer gewissen Situation massiv eingeschränkt sind. Und das trägt wesentlich dazu bei, weiterzukommen.

Welche Strategien helfen uns denn, Herausforderungen erfolgreich zu meistern?
Zunächst einmal die Bereitschaft, sich der Situation zu stellen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Sehr nützlich ist es auch, sich der eigenen Ressourcen
bewusst zu werden: Habe ich schon einmal eine ähnliche Herausforderung erlebt? Dann können wir uns fragen: Wie habe ich damals gehandelt?

Resiliente Menschen schaffen es, sich an unterschiedliche Situationen anzupassen. Sie werden aktiv, anstatt sich ihrem Schicksal hinzugeben.

Man sagt, Resilienz ist die Fähigkeit, an Krisen zu wachsen. Was bedeutet das in Bezug auf die aktuelle Corona-Pandemie?
Wir haben während des Lockdowns viel lernen können und mussten bzw. müssen uns den Herausforderungen stellen. Zum Beispiel haben wir uns daran gewöhnt, mit dem Nachbarn auf 1,5 m Abstand zu sprechen. Soziale Kontakte haben wir
ganz anders gepflegt, vielleicht mehr telefoniert, oder uns sogar andere soziale Medien angeeignet. Oder wir haben uns – erst mal gezwungenermaßen – mehr mit uns selbst, mit unser häuslichen Umgebung beschäftigt. Das war am Anfang schwer, aber wir sind eben Gewohnheitstiere.

Wenn ich um eine geliebte Person trauere, bin ich dann nicht resilient?
Trauern kann durchaus eine Form von Resilienz sein. Man sollte nicht glauben, dass eine hohe Widerstandsfähigkeit mit Gefühlskälte einhergeht. Denn wenn ich mich auf den Schmerz einlasse, stelle ich mich bewusst der Situation, mache mir vielleicht auch noch einmal klar, wie wertvoll da jemand für mich war, und kann gestärkt herausgehen.

Also nach dem Motto: Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Welche Rolle spielt Optimismus?
Man kann beobachten, dass optimistische Menschen resilienter sind. Jede Situation lässt sich immer aus mehreren Perspektiven sehen. Aber hier gilt: Eine mittlere Portion Optimismus ist vermutlich gut. Zu viel führt wiederum zu illusionärem
Optimismus, bei dem Schwierigkeiten dann übersehen werden.

Kann man auch im Erwachsenenalter seine Resilienz stärken?
Klar! Je früher man anfängt, Routinen aufzubauen und tätig zu werden, umso günstiger. Aber wir können jeden Tag damit anfangen, uns damit abzufinden, dass das Leben nun mal nicht leicht ist. Von da aus können wir dann vielleicht eher die
Herausforderungen sehen, die sich bieten, und die Möglichkeiten, die mit ihnen verbunden sind. Wenn wir zurückschauen, müssten wir eigentlich alle halbwegs stolz auf das sein, was wir schon alles hinbekommen haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Autor: Rouven Büker

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