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Sex & Alter – Tabuthema Sex im Seniorenzentrum

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Über das Thema »Sexualität & Alter« wurde lange Zeit geschwiegen. Es war entweder von Scham besetzt oder aber, es wurde gleich von einem geschlechtslosen Alter ausgegangen und so getan, als sei eine Debatte überflüssig. Heute wissen wir, dass für die meisten älteren Menschen Sexualität zu einem erfüllten Leben dazugehört. Doch obwohl das Thema in Ratgebern, Zeitschriften und im Internet eine breite mediale Plattform gefunden hat, bedeutet das nicht, dass überall und vor allem im eigenen Schlafzimmer offen über Bedürfnisse, Wünsche und Probleme gesprochen wird. Der Dialog muss immer wieder angestoßen werden.

Der Duden definiert Sexualität ganz allgemein als die »Gesamtheit der im Geschlechtstrieb begründeten Lebensäußerungen, Empfindungen und Verhaltensweisen«. Das klingt nicht nach Erotik, sondern nach Evolution, und rein biologisch dient der Geschlechtsverkehr ja auch der Fortpflanzung. Mit der Menopause der Frau, die etwa mit 50 Jahren eintritt, endet ihre fruchtbare Zeit. Männer können zwar noch im höheren Alter Kinder zeugen, doch auch bei ihnen nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Vaterschaft mit steigendem Alter ab.

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Wenn die Fortpflanzung aufgrund des Alters ausgeschlossen ist, der Wunsch nach Sexualität aber fortbesteht, dann, weil Erotik und Lust je nach persönlichem Empfinden ein wichtiger Bestandteil des Lebens bleiben. Was die Lust weckt und welche Sehnsüchte es gibt, ist so einzigartig wie der Charakter eines Menschen. Einige erregt das Lesen von erotischer Literatur oder das Tanzen eines feurigen Tangos. Andere suchen körperlicher Nähe, wollen nackte Haut spüren, leidenschaftlich küssen oder mit jemandem schlafen. Für viele ist Sexualität fester Bestandteil einer Partnerschaft, sie kann aber ebenso mit Bekannten oder Fremden ausgelebt werden. Auch das Geschlecht des Partner wählt jeder nach seinen Vorlieben. Beim Sex ist alles erlaubt, was beiden Spaß macht – egal ob 18 oder 78 Jahre alt.

Zur sexuellen Erfüllung gehört oft auch die Selbstbefriedigung. Eine amerikanische Umfrage ergab, dass im letzten Lebensdrittel etwa die Hälfte der Männer und etwa ein Viertel aller Frauen masturbieren. In Partnerschaften befriedigen sich 52 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen selbst. Bei den alleinstehenden sind es 55 Prozent (Männer) und 23 Prozent (Frauen). Der geringe Unterschied zwischen Menschen mit und ohne festen Partner zeigt, dass diese Form der Sexualität für viele ein Teil ihrer Lebensform ist. Wie häufig jemand im Alter Lust auf Sex spürt, ist meist eng mit seiner Biografie verknüpft. Alte Muster bleiben häufig erhalten. Doch wie jedes Verhalten, verändert sich auch die Sexualität. Gründe dafür können körperliche Veränderungen sein, die das Lustempfinden und die Praktiken beeinflussen, aber auch andere Prioritäten und Lebensumstände wirken auf das Sexleben ein.

Sexualität verändert sich

Das Alter zeichnet den Körper. Paare nehmen diese Veränderungen oft weniger stark war, schließlich vollziehen sie sich schleichend bei beiden Partnern. Wer sich aber einer neuen Person nackt zeigt, empfindet häufig Scham für den eigenen, gealterten Körper. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist hilfreich. Und es darf am Anfang auch gern getrickst werden: Schummriger Kerzenschein ist romantisch und entspannt das erste Nacktsein.

Es gibt körperliche Veränderungen, die ganz konkret Einfluss auf den Sexualverkehr nehmen. Für viele Frauen verpassen Scheidentrockenheit, eine verminderte Elastizität der Vagina und eine schwächelnde Beckenbodenmuskulatur der Lust einen Dämpfer. Ein gutes Hilfsmittel ist Gleitgel. Das Einreiben kann zudem auch für den Mann sehr erregend sein. Während vielen Männern früher schon der Gedanke an Sex gereicht hat, um eine Erektion zu bekommen, brauchen auch sie im Alter eine stärkere körperliche Stimulation. Dann heißt es: »In der Ruhe liegt die Kraft!« Leistungsdruck führt nicht zum Ziel, ein längeres Vorspiel können aber beide genießen.

Die Häufigkeit von Sex nimmt bei den meisten Menschen im Laufe der Zeit ab. Gerade in langjährigen Beziehungen geben die Partner an, weniger häufig miteinander zu schlafen. Gleichzeitig empfinden viele ältere Menschen ihre Sexualität aber als schöner und intensiver. Dank ihrer Erfahrungen kennen sie ihren Körper und wissen, was ihnen gefällt.

Studie: Sex im Alter

Die Studie der Universität Rostock zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Gleichzeitig wird deutlich, wie groß das Bedürfnis nach Sexualität beziehungsweise nach dem Austausch von Zärtlichkeiten und körperlicher Nähe ist.

 

 

 

Sex im Seniorenzentrum

Sicher ist, dass der Wunsch nach Sexualität und körperlicher Nähe mit dem Umzug in ein Seniorenzentrum nicht schlagartig endet. Da Sexualität ganz selbstverständlich zum Alter gehört, hat sie ebenso selbstverständlich auch ihren Platz im Seniorenzentrum. Wichtig ist die Frage, welche Strukturen geschaffen werden, um den Bedürfnissen von Bewohnerinnen und Bewohnern Raum zu geben. Dazu gehört unbedingt ein respektvoller und feinfühliger Umgang mit ihrer Sexualität. Die Privatsphäre muss von Pflegekräften und anderen Bewohnern respektiert und geschützt werden. Wer sich gerade selbst befriedigt oder Besuch auf seinem Zimmer hat, möchte sich entspannen und nicht fürchten, die Tür könne aufgerissen werden.

Für Pflegekräfte sind Schulungen wichtig, die ihnen helfen, mit Fragen zur Sexualität umzugehen, und über Alterssexualität aufklären. Schließlich kann dieses Thema im Arbeitsalltag nicht ignoriert werden. Das Verhältnis von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur eigenen Sexualität, ihre Moralvorstellungen, Unsicherheiten und Scham stehen einem möglichst offenen und toleranten Umgang häufig im Weg. Gespräche im geschützten Raum, in dem Schwierigkeiten besprochen, Erfahrungen ausgetauscht und eigene Grenzen festgelegt werden, sind hier hilfreich. Auch, um die Pflege- und Betreuungskräfte im Umgang mit kritischen oder übergrifflichen Situationen nicht allein zu lassen.

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Weitere Herausforderungen im Umgang mit Sexualität ergeben sich in der Pflege von Menschen mit Demenz. Sex soll stets selbstbestimmt und freiwillig sein. Wenn der Betroffene seinen Willen oder Unwillen aber nicht konkret äußern kann, bedarf es im Umgang viel Feingefühl. Pflegekräfte und Angehörige erleben schwierige Situation, wenn die Kontrollmechanismen der Betroffenen versagen. Ohne auf gesellschaftliche Konventionen Rücksicht zu nehmen, äußern sie ihren Willen sehr direkt. Der Verlust der Impulskontrolle kann auch dazu führen, dass sie in der Öffentlichkeit masturbieren, oder es kommt zu nötigenden Handlungen. Auch hier sind Schulungen für Pflegekräfte wichtig und Enttabuisierung sowie Gespräche in Angehörigengruppen ein wichtiges Angebot.

Oftmals wird beobachtet, dass Menschen, die sexuelle Wünsche in ihrer Vergangenheit stets unterdrücken mussten, bei einer Demenzerkrankung besonders offen mit ihrer Sexualität umgehen. Die Krankheit scheint diesbezüglich eine Befreiung zu sein. Wenn der Mensch seine Sexualität jetzt ausleben kann und Sehnsüchte erfüllt werden, ist das eine positive Veränderung. Zudem bietet die Sexualität eine Möglichkeit für Nähe und Austausch, wenn verbale Kommunikation kaum noch möglich ist. Das kann besonders für Paare eine schöne Erfahrung sein.

Der Rollator zum Laufen, der Vibrator zum Sex

Das Seniorenzentrum bietet alten Menschen nötige Unterstützung in allen Lebensbereichen mit dem Ziel, möglichst viel Selbstständigkeit zu bewahren. Da Sexualität fester Bestandteil des Lebens ist, sollte auch hier darüber nachgedacht werden, wo Hilfestellungen gegeben werden können. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch Angehörige können mit viel Feingefühl das Gespräch anbieten, Bedürfnisse erkennen und ernst nehmen, um dann Barrieren zu entfernen.

Wenn zum Beispiel die motorischen Fähigkeiten nachlassen, kann Sexspielzeug die Selbstbefriedigung erleichtern. Viele Senioren haben zu solchen Angeboten keinen Zugang, da sie sich weder im Internet zu Hause fühlen, noch wollen sie einen entsprechenden Katalog in das Seniorenzentrum geschickt bekommen.

Hier könnte das Angebot, mit Hilfe einer Vertrauensperson diskret einen Vibrator zu bestellen, lustvolle Erlebnisse ermöglichen. Vielleicht gibt es auch den Wunsch, eine Prostituierte oder Sexualbegleiterin zu besuchen oder einzuladen, und keine Möglichkeit, diesen Plan selbstständig umzusetzen. Viele Senioren wissen von solchen Möglichkeiten auch gar nicht. Dann liegt es in der Verantwortung von Einrichtungsleitern, Pflegekräften und Angehörigen, über solche Angebote aufzuklären und die Kontaktaufnahme zu ermöglichen.

Im Umgang mit dem Thema Sexualität im Seniorenzentrum sollte stets die eigene Haltung hinterfragt werden – Wo bremst mich mein eigenes Schamgefühl? Wo stehen gesellschaftliche Normen im Weg? –, um so einen möglichst toleranten und offenen Umgang zu ermöglichen. Schließlich geht es darum, Bewohnerinnen und Bewohnern Selbstbestimmung, Freiheiten und Freude zu ermöglichen. Als Orientierung hilft bestimmt auch die Frage: »Wie möchte ich selbst, dass im Alter mit meiner Sexualität umgegangen wird?«

 

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