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Hallo Herbst

22. Oktober 2013

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Die Tage werden kürzer, die Blätter bunter. So wie sich die Natur entsprechend der Jahreszeit ändert, wandelt sich auch der Mensch.  Welche Erfahrungen haben Frauen und Männer aus den AWO Seniorenzentren in ihren verschiedenen Lebensabschnitten gemacht? und wie empfinden sie ihren ganz persönlichen Herbst? Ein Bericht über die Erntezeit (des Lebens).

Sie kann es einfach nicht lassen. Auch in diesem Jahr machte sich Suse Kalker wieder auf den Weg in ihre Heimat nach Neustadt an der Weinstraße, wo sich seit Ende September alles um Riesling, Silvaner, Weiß-, Grau- und Spätburgunder dreht. Die Ernte ist eingeholt, der junge Wein gekeltert. Jetzt ist die Zeit für rauschende Feste. So will es die Pfälzer Tradition. Höhepunkt: der Neustädter Winzerfestumzug, stets am zweiten Sonntag im Oktober, eine Institution seit 1909. Und auch heute zogen wieder rebenumrankte Wagen, schwungvolle Musikgruppen sowie Landfrauen in Trachten durch die engen Gassen, vorbei an Fachwerkhäusern und tausenden fröhlichen Besuchern, die mit neuem Wein auf Bacchus und die frisch gewählte Weinkönigin anstießen. »Dieses Ereignis lässt sich kein Vorderpfälzer nehmen«, erzählt Suse Kalker, die aus einer Neustädter Winzerfamilie stammt und in ihrem 82-jährigen Leben nicht einen Umzug verpasst hat. »Als Kind bekam ich zu diesem Anlass jedes Jahr ein neues Dirndl geschenkt«, erinnert sie sich. »Schon Wochen vorher begannen wir mit den Vorbereitungen: Ich lernte Gedichte und Lieder auswendig, die ich zum Besten gab. Dann zogen wir mit unserem Fuhrwagen los und schenkten in kleinen Probiergläschen die guten Tropfen an die Neustädter aus.« Längst ist aus dem Mädchen mit den langen Haaren, die ihr die Mutter einst kunstvoll zu Zöpfen um den Kopf band, eine Großmutter geworden. Als ihr Mann 2012 verstarb, zog Frau Kalker ins AWO Seniorenhaus »Johanna Stein« nach Pirmasens. Ein neuer Abschnitt für die Frau, die sagt, dass sie in ihrem Leben nur Glück gehabt habe.

Selbst im Krieg musste sie keine Not leiden, »denn gegen Wein hat man alles bekommen.« Wer sich seiner (privilegierten) Umstände so bewusst ist wie diese Bewohnerin und versöhnlich mit der eigenen Biografie umgeht, der tut sich meist
leichter, die Vergangenheit loszulassen – und den Herbst des Lebens willkommen zu heißen. Jene Jahreszeit, in der sich die Frauen und Männer aus den AWO Seniorenzentren befinden. Sie alle haben irgendwann gemerkt, dass ihre Kräfte nachlassen, sie anfälliger für Krankheiten werden und zunehmend auf Hilfe angewiesen sind.

Es gehört zur Befindlichkeit des Alters, dass die Begrenzungen und Beschränkungen, die Armseligkeiten und das Versagen immer näher rücken, immer auffälliger werden«, schreibt die 79-jährige Autorin Dr. Renate Krüger in ihrem Buch über den »Herbst des Lebens«. Man solle sich aber dadurch nicht bestimmen lassen. Denn schnell könne der Altersüberdruss zum totalen Pessimismus werden. Krügers Rat an ihre Altersgenossen: »Steuern Sie dagegen und freuen Sie sich wieder neu über alte Erfahrungen. Zum Beispiel draußen auf einer Bank zu sitzen und die wohlige Wärme der Oktobersonne zu spüren.« Ilse Probst aus Diez an der Lahn brauchte zwei Jahre, bis sie innerlich so weit war, ihr Haus zu verkaufen, um in die AWO »Residenz Oranienstein « zu ziehen, eine Anlage für Betreutes Wohnen. Auslöser für diesen Schritt war 2008 ihre Darmkrebserkrankung: »Nach der Operation nahm mich meine Tochter zu sich auf, aber in einer Familie muss sich jeder dem anderen anpassen, und das wollte ich niemandem zumuten«, erzählt die 87-Jährige.

Dass ihr nun weniger als die Hälfte an Wohnfläche zur Verfügung steht, macht ihr nichts aus – im Gegenteil: »Ich brauche Luft und keinen Platz für Schränke, an die ich eh nicht mehr rankomme. « Lebendig wie ihr Geist ist auch ihr Alltag: kein Tag, an dem Ilse Probst nicht irgendetwas unternimmt. Sie kegelt, tanzt, spielt Bingo, geht viel spazieren und verabredet sich gern im Hauscafé zum Klönen. Kurz: Die Rheinländerin genießt ihren ganz persönlichen Herbst.
»Meinen Kindern geht es gut, ich muss für niemanden mehr Verantwortung übernehmen und tue nur noch das, worauf ich gerade Lust habe.« Derzeit wird in den AWO Häusern von Diez bis Delmenhorst, von Aying bis Aurich die dritte Jahreszeit zelebriert – mit Zwiebelkuchen und Federweißer, in herbstlich mit Kränzen und Kastanien dekorierten Räumen. Schließlich kommt ein Großteil der Bewohner aus ländlichen Gebieten, in denen das Erntedankfest bis heute ein wichtiger Brauch ist. Besonders klangvoll geht es in diesem Jahr im Seniorenzentrum Diez zu, wo eine kleine Kapelle mit Alphornbläsern die neue Saison einläutet. Und im Pirmasenser Haus »Johanna Stein« findet ein Oktoberfest nach Münchner Vorbild mit Fassbieranstrich und deftig-bayerischer Küche statt. »Das eröffnet unsere älteste Bewohnerin, und zwar im Dirndl«, verrät Pflegedienstleiterin Marion Zürn. »Die Dame ist 101 und sitzt jeden Morgen um acht wie aus dem Ei gepellt am Frühstückstisch, mit gestärkter Bluse und Ohrringen.« Man braucht viel Glück und Gesundheit, aber auch eine gewisse Geisteshaltung, wenn man bis ins hohe Alter noch aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Nicht jeder bringt die Energie auf, sich auf die positiven Seiten des Alters zu konzentrieren. Statt sich an der Farbenpracht in der Natur zu erfreuen, trauert man den abfallenden Blättern nach. Die kahler werdenden Bäume machen deutlich: Der Sommer ist endgültig vorbei. Das löst Ängste aus – und je älter, desto dünnhäutiger wird man. Melancholie und Traurigkeit machen sich breit. »In dieser Phase besteht oft ein großer Redebedarf«, weiß Hans-Werner Thomalla. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, nimmt sich der Mitarbeiter des Sozialen Dienstes im AWO Seniorenzentrum Mayen Zeit für ausgiebige Einzelgespräche.

Trost gebe ihnen auch die Verbindung zur Kirche. So sei die katholische Messe, die einmal im Monat im Haus angeboten wird, die bestbesuchte Veranstaltung. Ebenfalls kommen kleine Ausflüge, wie beispielsweise jüngst zum Kloster Maria Laach, sehr gut bei den Senioren an, denn sie steuern negativen Gefühlen entgegen. Auch Inge Loth aus dem AWO Seniorenhaus »Alex Müller« beteiligt sich gern an dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm, damit Depressionen nicht überhand nehmen. »Ich muss versuchen, meine Situation gefühlsmäßig auf die Reihe zu bekommen«, so die 75-Jährige, die an Parkinson erkrankt ist. »Gerne wäre ich noch mal jung und hätte die Kraft von einst«, gibt sie zu. »Ich dachte immer, man wird älter und reifer, aber nicht, dass der Körper so abbaut.« Ihre Mitbewohnerin Erna Klein ist in diesem Jahr neunzig geworden: »Das muss man erst mal schaffen – geschenkt wird einem nichts!« Ihr Geheimnis? Mit sich im Reinen sein. Und: Humor. Mit dem hat die gebürtige Kaiserslauterin schon immer die Leute zum Lachen gebracht. Bereits als junges Mädchen rezitierte sie bei Volksfesten Mundartdichter. Später tingelte sie mit ihrem Berliner Bekannten Bernhard als »Erni und Berni« durch die Lande. Ihr pfälzisch-preußischer Schlagabtausch wurde zum komödiantischen Hit. Das Leben so zu nehmen, wie es kommt – das war stets die Devise von Emma Weber, die gerade ihren 93. Geburtstag feierte. »Unsere Generation muss niemand beneiden «, findet die Bewohnerin aus dem AWO Haus in Kaiserslautern. »Erst war die Heimat von den Franzosen besetzt, dann kam die große Arbeitslosigkeit, dann Hitler, der Krieg, und der hat uns dann die Männer genommen.« Sie blieb ledig. Doch statt mit ihrem Schicksal zu hadern, bildete sich Emma Weber acht Jahre lang auf einer Abendschule weiter. Später wurde sie Chefsekretärin und war im Finanzamt tätig. »Ich war keine Minute meines Lebens arbeitslos.« Der Verlust von gefallenen Vätern, Brüdern und Ehemännern, Hunger, Armut, Kriegsverletzungen, Wiederaufbau, das (oft alleinige) Großziehen von Kindern …

Wer so viel durchlitten und erreicht hat wie die heute 70- bis über 90-Jährigen, der kann auch dankbar und froh sein, viele Dinge nicht mehr erleben zu müssen.

Jetzt geht es darum, die noch verbleibende Zeit zu genießen, innezuhalten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. So wie der Baum, der sich auf den Winter vorbereitet und dabei das Wasser aus Zweigen, Ästen und Stamm zieht, bis das Laub abfällt. »Ein Baum ohne Blätter hat ein viel klareres Erscheinungsbild. Der kommt ohne Verkleidung aus – wie der Mensch, der im Herbst des Lebens seine Essenz zeigt«, so Barbara Brüggmann. Die Heilbegleiterin aus Hamburg spricht in ihrem Kurs »Abenteuer Alter« von den vier Wandlungsphasen, angelehnt an die chinesische Medizin. Die erste Phase, wenn das Leben anfängt, man wächst und Wurzeln schlägt, ist dem Element Holz zugeordnet. Dann folgen Feuer (man ist aktiv, verliebt sich), Erde (man lässt sich nieder, kümmert sich um Familie und Beruf ) und schließlich das Element Metall, das den Herbst symbolisiert. »Da sortiert man die Pokale des Lebens aus, nimmt Abschied von gewissen Dingen und akzeptiert das Hier und Jetzt.« Wenn Wilfried Claussen, technischer Kaufmann aus Pirmasens, früher an seinen Ruhestand dachte, sah er sich mit Golfschläger an einem sonnigen Plätzchen. Doch dann erlitt er eines Tages auf dem Weg zur Arbeit einen Schlaganfall – und wurde im Alter von erst 61 Jahren zum Pflegefall. Heute ist der Vater von drei erwachsenen Kindern dankbar, dass er im AWO Seniorenhaus »Johanna Stein« so gut betreut wird – »und dass es den Klaus gibt«. Mit ihm teile er nicht nur das gleiche Schicksal, sondern auch die Freude am Schachspielen und an der Bundesliga. Es gibt kein Fußballspiel, das sich die beiden Männer nicht zusammen anschauen. Soziale Bindungen sind ganz entscheidend für das Wohlergehen, besonders im Alter.

Wenn aber der Partner verstirbt, die Kinder und Enkel weit weg leben und sich Freunde sowie Nachbarn krankheitsbedingt zurückziehen, leiden viele unter Isolation. Da kann der Umzug in ein Seniorenheim wahre Wunder wirken – wie im Fall von Katharina Lubatschowski, 90: »Bis vor sechs Jahren saßen meine Schwester und ich noch jeden Abend zusammen, rauchten ein Zigarettchen, tranken dazu ein Schnäpschen und freuten uns, dass wir einander noch hatten. Dann starb sie, und ich zog ins AWO Seniorenzentrum nach Mayen. Hier fühle ich mich wohl und nie alleine.« Renate Harasym hat anderthalb Jahre auf einen Platz im AWO Seniorenzentrum Diez gewartet. Früher ist sie jeden Tag mit ihrem Hund daran vorbeigelaufen und hat sich vorgestellt, wie es ist, wenn sie mal dort wohnen würde. »Die Gesellschaft hier tut mir sehr gut«, so die 79-Jährige, die im Haus das »Nähstübchen« leitet. »Wenn ich mal traurig bin, gibt es immer jemanden, mit dem ich reden kann.« Und ihre Mitbewohnerin Hilde Hingott empfindet ihr Dasein in Diez sogar wie Urlaub: »Es wird alles für mich gemacht: geputzt, gewaschen, gekocht und außerdem für Unterhaltung gesorgt«, freut sich die Vorsitzende des Heimbeirats. »Seitdem ich hier wohne, ist wieder richtig Schwung in mein Leben gekommen!« Die schönste Jahreszeit? Welch eine Frage! »Natürlich der Herbst«, findet Suse Kalker, die Winzertochter aus Neustadt an der Weinstraße.

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