Das Online Magazindes AWO Magazins für Seniorenzentren

Schöner Wohnen

28. Januar 2013

14

Ein Zuhause zum Wohlfühlen – das ist gerade im Alter, neben dem sozialen Umfeld, enorm wichtig. Inzwischen gibt es vielfältige Möglichkeiten, als auch pflegebedürftiger Senior individuell zu wohnen.

»Herzlich Willkommen« steht in großen Lettern auf der einladenden Fußmatte.

Hausfrau mit Leib und Seele: Elfriede Enke

Doch auch ohne diese freundliche Begrüßung spürt der Besucher bereits beim Betreten des AWO Altenzentrums Fuldabrück, dass in diesem Haus ein gutes Klima herrscht – oder, wie es im Enkel-Jargon heißt, die »vibrations« stimmen. Dass hier der Mensch im Mittelpunkt steht, strahlt schon das Interieur aus: Alles ist sehr klar, fast puristisch, dazwischen Tapeten zur Akzentuierung.

Es ist später Vormittag. Von Weitem sind angeregte Plaudereien und immer wieder fröhliches Lachen zu hören. Ein Großteil der insgesamt zwölf Bewohner der Hausgemeinschaft »Silberbörnchen« hat es sich in der Wohnküche gemütlich gemacht. Während die einen Vorbereitungen fürs Mittagessen treffen, Kartoffeln schälen und Gemüse raspeln, brüten andere über einem Kreuzworträtsel, ruhen im Ohrensessel oder haben sich um den großen Tisch zum Klönen versammelt. Auffällig ist der harmonisch-entspannte Umgang, den die Senioren untereinander, aber auch zu den Mitarbeitern pflegen. Lebendig wie in einer Großfamilie geht es zu: Es wird genauso viel geredet wie unterbrochen, man neckt sich und man tröstet, wenn jemand einen Durchhänger hat – so wie gerade Else Buckschat. Sie wohnt hier mit ihrem Mann; doch der liegt seit einigen Tagen im Krankenhaus. »Ich habe solche Angst, dass Otto da nicht mehr rauskommt«, schluchzt die 89-Jährige und senkt den Kopf, um ihre Tränen zu verbergen.

Gute Stimmung: Albert Nöding mit Pflegedienstleiterin Christina Schüssler.

»Mach dir keine Sorgen«, sagt ihr Mitbewohner Albert Nöding. »Er kommt ganz bestimmt wieder, und bis dahin sind wir doch für dich da.« Aus allen Ecken kommen aufmunternde Kommentare, und schon huscht wieder ein Lächeln über Elses Gesicht. »Es ist rührend, wie die Bewohner aufeinander achten«, findet die stellvertretende Pflegedienstleiterin Lilli Roht. »Das hab ich in anderen Häusern so noch nicht erlebt.«

Der demographische Wandel hat längst Bewegung in das Thema »Wohnen im Alter« gebracht. Schließlich ist jeder von uns früher oder später davon betroffen. Auch als Angehöriger. Das Gute: Inzwischen gibt es eine Vielfalt an Wohnformen, und man wählt die, die am besten zu einem passt. So existieren in jeder Stadt Senioren-WGs, Mehrgenerationen-Projekte, spezielle Service-Wohnanlagen sowie Pflegehäuser. Auch die AWO geht mit der Zeit und bietet innovative Konzepte an – wie beispielsweise die betreute Hausgemeinschaft, in der sich eine kleine Gruppe eine große Wohnküche teilt. 2010 eröffnete das Haus in Fuldabrück, geführt von der ebenso jungen wie ambitionierten und allseits geschätzten Tanja Stuhl. Die 31-Jährige, die als Schülerin Posaune spielte, hat ordentlich Puste: Im November übernahm sie sogar noch die Leitung des neu eröffneten AWO Seniorenzentrums im 16 Kilometer entfernten Niestetal. Wie in Fuldabrück leben in Niestetal jeweils zwölf bis 15 Frauen und Männer in Hausgemeinschaften unter einem Dach. »Ich kann mir kein anderes Modell mehr vorstellen«, so die Einrichtungsleiterin. »Es hat einen ganzheitlichen Ansatz und berücksichtigt Individualität und Eigenständigkeit der Menschen.«

»Ich wollte zuhause wohnen bleiben, merkte aber, dass das nach dem Tod meiner Frau immer weniger möglich war.«

Konkret heißt das: An Stelle zentraler Vollversorgung durch Großküche und Großwäscherei, wie sie in der traditionellen Heimunterbringung noch üblich ist, gestal-ten die Bewohner ihren Alltag weitgehend selbstständig. Hauswirtschaftlich erfahrene und speziell geschulte »Alltagsbegleiter« unterstützen und koordinieren den Ablauf. Sie helfen beim Kochen, wenn nötig, und machen Vorschläge zur Tagesgestaltung. Ansonsten wird normaler Alltag gelebt, d.  h. gelesen, gebastelt, gespielt und geplaudert.

Fit und fröhlich: Lieselotte Heimbecher und Albert Nöding

»Ich bin fremdgegangen«, sagt eine Dame im Rollstuhl und guckt dabei schelmisch ihren Tischnachbarn an. »Rosis Mann hat mich gestern auf den Mund geküsst.« Albert Nöding täuscht Empörung vor: »Wie kannst du nur!« Der 92-Jährige und die ein Jahr jüngere Lieselotte Heimbecher haben sich zwar erst im Altenzentrum Fuldabrück kennengelernt, wirken aber wie ein altes, eingespieltes Ehepaar. Es ist pures Vergnügen, die beiden geistig so agilen Herrschaften beim Poussieren zu beobachten. Dabei hatte sich Herr Nöding lange innerlich gegen den Einzug in ein Heim gewehrt. »Ich wollte zuhause wohnen bleiben, merkte aber, dass das nach dem Tod meiner Frau immer weniger möglich war.« Schon am ersten Tag im AWO Haus fühlte er sich pudelwohl – auch weil es kein zeitliches Korsett gibt, in das man gezwängt wird. Jeder kann seinen Tag nach eigenem Rhythmus gestalten. Langschläfer müssen nicht um acht in der Früh am Tisch sitzen, sondern bekommen ihr Frühstück spät oder sogar ans Bett gebracht. Albert Nöding lässt sich gelegentlich zum Stammtisch aus alten Tagen fahren, wo er gern bei einem Glas Wein mit anderen Fußball guckt.

Menschlichkeit, Freundlichkeit und der respektvolle Umgang mit den Bewohnern haben für die gelernte Krankenschwester Tanja Stuhl oberste Priorität: »Den Leuten im Heim muss es gut gehen.« Regelmäßig schickt sie ihre Mitarbeiter zu Schulungen, zuletzt zum Thema »Sprache in der Pflege«. Seitdem werden das Wörtchen »müssen« durch »dürfen« ersetzt und Begriffe wie »Mahlzeit« und »man« ganz gestrichen. Denn: Auch verbal soll den Bewohnern Wertschätzung entgegengebracht werden – neben Zeit und Zuwendung. »Ich komme aus einem großen Haus mit 206 Betten«, erzählt die Pflegedienstleiterin Christina Schüssler. »Da ist man ständig nur am Abhaken.«

»Hier kann man sich auch mal in Ruhe mit den Bewohnern unterhalten. Das macht alle zufriedener.«

Irmgard Dietrich aus dem AWO Seniorenzentrum Wörrstadt.

Bei anderer Bewohnerstruktur wählt die AWO andere Ansätze. Etwa im Seniorenzentrum Wörrstadt. Dort sind drei Viertel der 129 Bewohner dement. Um sich stärker auf die Bedürfnisse hochbetagter, stark pflegebedürftiger Menschen einzustellen und die Einrichtungen ganzheitlich zu optimieren, wurde im Bezirksverband der AWO Rheinland vor einigen Jahren eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gebildet. Das Ergebnis: die Einführung eines Wohnküchenkonzepts.

Entsprechend ist die Küche zentrale Anlaufstelle, in der etliche Tätigkeiten ausgeführt werden, an denen alle teilhaben können – sei es durch aktive Mithilfe beim Eindecken, Spülen oder Kochen, sei es einfach nur durch Zuschauen. Inzwischen teilen sich rund 40 Personen auf jeder Etage eine Küche. »Für unsere Bewohner ist dieses Modell ein absoluter Gewinn«, so Sozialdienstleiterin Patricia Geil. »Früher musste man sie aus ihren Zimmern herausholen, heute kommen sie von allein. Die Küche ist wie ein Leuchtturm, an den sie jederzeit andocken können.«

Motiviert: Christel Hartmann aus dem AWO Seniorenzentrum Wörrstadt packt gern mit an.

Gerade demenziell Erkrankten tun die vielen Sinnesreize wie Essensduft oder das Klappern von Geschirr gut. Sie rufen früheste Erinnerungen wach, es entsteht ein Gefühl von Nestwärme und Geborgenheit. Auch das Mitwirken und Gebrauchtwerden wirkt sich positiv aus. »Wir wollen etwas tun, das Sinn macht und der Gemeinschaft nutzt«, sagt Else Difenthäler, während sie mit ihrer Mitbewohnerin Christel Hartmann Wäsche zusammenlegt. »Es ist ein bisschen wie ein Theaterspiel«, findet Patricia Geil.

»Manche kommentieren von der Ferne, andere beruhigt das Hantieren und die Geschäftigkeit um sie herum.«

Eine Vision von »Wohnen im Alter« bekommt man im 250 Kilometer nördlich von Wörrstadt gelegenen Kassel. Die documenta-Stadt ist nämlich nicht nur in Sachen Kunst aufgeschlossen, sondern auch offen für neue Wohnformen, wie ein Besuch der AWO Samuel-Beckett-Anlage im Top-Wohnviertel »Vorderer Westen« zeigt. Wie das Zuhause von Yuppies wirkt der Neubau mit den verglasten Balkonen. Doch hinter der schicken Fassade befinden sich 16 barrierefreie Seniorenwohnungen, davon zwei im Erdgeschoss. Diese bietet die AWO seit 2010 in Kooperation mit den Vereinigten Wohnstätten »1889« als ambulant betreute Wohngemeinschaften an.

»Hier möchte man sofort einziehen«, denkt der Betrachter beim Anblick der geräumigen, jeweils rund 130 Quadratmeter großen Apartments, die mit edlen Materialien, Echtholzfenstern und Stäbchenparkettboden ausgestattet sind. Je acht Personen leben in diesen Edel-WGs der AWO, die den Komfort eines Hotels und die Betreuung eines Seniorenheims bieten. »Die Mieter entscheiden selbst, ob und welche Leistungen sie in Anspruch nehmen möchten«, erklärt Mitinitiator Stephan Eigenbrodt das Konzept. »Einzelne Bausteine, wie Reinigung der Zimmer, Gymnastik oder Ausflüge, können zugebucht werden.« Zum Grundpreis von rund 600 Euro Warmmiete kommen etwa 520 Euro hinzu für die Präsenzkraft, die sich um die tägliche Organisation und die Einkäufe kümmert, und für die Nachtbereitschaft sowie ca. 150 Euro für die Verpflegung.

Noch handelt es sich bei den Mietern um weitestgehend rüstige Rentner, die ihren Alltag selbstständig gestalten. Aber sollten sich eines Tages körperliche Erkrankungen oder geistige Beeinträchtigungen einstellen, müssen sie nicht ausziehen, sondern bekommen entsprechende Pflege. »Die AWO geht mit diesem Modell neue Wege«, sagt Stephan Eigenbrodt, der als Einrichtungsleiter im AWO Altenzentrum Braunatal auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen kann. »Wir planen weitere Senioren-WGs.« Die sind sicherlich keine Alternative zu stationären Einrichtungen, aber sie erweitern die Wohnpalette im Alter. So hätte Ester Beutler wohl nie gedacht, dass sie mit 88 Jahren in ihre erste WG zieht – und es in vollen Zügen genießt. »Ich wusste überhaupt nicht, auf was ich mich da einlasse«, erzählt sie bei einer Tasse Kaffee im schönen Aufenthaltsraum. »Früher hatte ich Haus und Garten. Das wurde mir irgendwann zu viel.«

»Schön finde ich, dass man nicht mehr alleine ist.«

Gerne unterhält sie sich zum Beispiel mit Karl-Heinz Breitenwischer. Mit dem äußerst kultivierten ehemaligen Rechtspfleger und Mitbewohner wird jede Mahlzeit zu einem inspirierenden Austausch. Das ist Lebens- und Wohnqualität auf höchstem Niveau!

Kommentar schreiben