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Ein guter Plan: Warum Vorsorge für den Pflegefall so wichtig ist

4. Januar 2018

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Bewohner Friedrich Kor-nelius, Seniorenzentrum Wilhelm-Lantermann-Haus, mit seiner Tochter Ursula Röter-Rosemann

Bewohner Friedrich Kornelius, Seniorenzentrum Wilhelm-Lantermann-Haus, mit seiner Tochter Ursula Röter-Rosemann. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH


Ein guter Plan hilft im (Pflege)Fall der Fälle. Wer auch im Alter selbstbestimmt leben möchte, sollte die Wahl des Wohnsitzes nicht anderen überlassen. Was man für die Vorsorge tun kann, erzählen Bewohner*innen, Angehörige und Mitarbeiter*innen von Seniorenzentren der AWO in Nordrhein-Westfalen.

»Mein erster Gedanke: Ab jetzt ist nichts mehr wie bisher.«

Montagmorgen, 8. März 2010. Das Radio berichtet von einem schweren Beben im türkischen Ostanatolien. Zur gleichen Zeit stellt Wolfgang Rings fest, dass seine Frau nicht mehr im Schlafzimmer neben ihm liegt – er findet sie im Bad: nackt, zusammengekauert auf den Fliesen, hilflos. Da glaubt auch er, den Boden unter den Füßen zu verlieren. »Mein erster Gedanke: Ab jetzt ist nichts mehr wie bisher«, erinnert sich der 78-jährige Kölner. Später, im Krankenhaus, wurde Herr Rings gefragt, ob ihm in letzter Zeit Veränderungen bei seiner Frau aufgefallen seien. Da schossen ihm all die Bilder durch den Kopf, die er bis dahin verdrängt hatte: Wie Elfriede bei einer Spritztour im Kölner Umland plötzlich rechts ranfuhr, ihm den Schlüssel in die Hand drückte und sagte: »Ich werde nie wieder Auto fahren«. Oder als er von einem seiner Radausflüge anrief und seine Frau nicht ans Handy ging – sie wusste nicht, wie. Damals hatte er es noch mit technischer Überforderung abgetan. Aber als ihm Elfriede ein anderes Mal wütend den Kartoffelschäler zuwarf und schimpfte, er solle das gefälligst selbst tun, da kam ihm der Verdacht, seine Frau sei einfach nicht mehr dazu in der Lage.

»Gott sei Dank war Elfriede da noch bei klarem Verstand, sodass wir gemeinsam mit unserem Sohn zum Notar gingen und alles festhalten ließen, was uns wichtig war.«

Eine Fernsehsendung über Vorsorge öffnete dem Rentner schließlich die Augen: Er musste schleunigst aktiv werden, bevor es zu einem weiteren Schlaganfall kommt und er sogar als Ehemann nicht mehr in ihrem Sinne handeln durfte. »Gott sei Dank war Elfriede da noch bei klarem Verstand, sodass wir gemeinsam mit unserem Sohn zum Notar gingen und alles festhalten ließen, was uns wichtig war«, erzählt Wolfgang Rings beim Gespräch im AWO Seniorenzentrum Marie-Juchacz, wo seine inzwischen stark demenziell erkrankte Frau nun wohnt. Jetzt weiß er: Solange Elfriede noch selbstständig essen kann, wird nichts passieren, aber künstliche Ernährung kommt nicht infrage. Das hat sie in ihrer Patientenverfügung abgelehnt.

Die meisten Menschen kümmern sich erst um Vorsorge, wenn die »Katastrophe« passiert (s. auch »Vorsorge liegt im Trend«). Der Klassiker: Oberschenkelhalsbruch, Krankenhaus, austherapiert – aber nicht mehr in der Lage, in den eigenen vier Wänden alleine zurecht zu kommen. Meist muss es dann schnell gehen und innerhalb von 48 Stunden ein Platz in einer Pflegeeinrichtung gefunden werden. Die hat man sich vorher nicht angeschaut und wunschgemäß ausgesucht, sondern es ist die eine, die noch ein Bett frei hat. Kein Wunder, solch eine Situation überfordert sowohl die betroffene Person als auch die Angehörigen.

Ulrike Romag-Zawari, Sozialer Dienst, Adam Romboy-Seniorenzentrum, Mönchengladbach. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Eine, für die der Ausnahmezustand zum Alltag gehört, ist Lydia Hointza. Seit 25 Jahren kümmert sie sich um die Aufnahme im Kölner Marie-Juchacz-Zentrum. »In dieser Zeit waren es nicht mal zwei Hände voll Kunden, die gezielt, nach reiflicher Überlegung zu uns gekommen sind. Viele werden direkt mit dem Krankenwagen eingeliefert.« Wie Bewohner Karl Frevert, der nach einem häuslichen Sturz nicht mehr in seine Eigentumswohnung ohne Fahrstuhl zurückkehren konnte. »Anfangs fühlte ich mich hier nicht wohl – das Haus war mir zu groß«, sagt der 90-Jährige. Er bereut, sich nicht früher informiert zu haben, zumal ihm Selbstbestimmung immer wichtig war. »Ich dachte, ich würde vor meiner Frau sterben und habe das Thema Vorsorge zu sehr auf die leichte Schulter genommen«, gibt der einstige Prokurist zu.

»Die Besucher erkennen schnell, dass es sich bei uns gut leben lässt und dass Altern in Würde funktionieren kann.«

Nachvollziehbar. Wer beschäftigt sich schon gerne mit dem Ende des Lebens? Eine unangenehme Angelegenheit, die man am liebsten weit von sich schiebt. Doch statt es totzuschweigen, empfiehlt Frau Hointza, sich damit auseinanderzusetzen, wenn noch alles im grünen Bereich ist. »Agieren Sie, bevor zu Hause die Situation eskaliert! Sprechen Sie mit den Familienmitgliedern und nutzen Sie die zahlreichen Möglichkeiten, die die Seniorenzentren der AWO anbieten, um sich vor Ort ein Bild zu machen.« Das sei auch im wörtlichen Sinne so gemeint. Man solle sich nicht scheuen, mit dem Smartphone Fotos von der Anlage zu machen und sie dann Mutter oder Vater zu zeigen. So könne man unkompliziert das Thema anschneiden.

Einen guten Eindruck vom Haus bekommen Interessierte beim »Tag der offenen Tür«, den jede AWO Einrichtung regelmäßig offeriert. Neben Besichtigungen der Räumlichkeiten kann man sich an Informationsständen bei Fachkräften über alles Wichtige schlaumachen: von der Tages- bis zur ambulanten Pflege, vom Speiseplan bis zum Freizeitprogramm. Im Marie-Juchacz-Zentrum gibt es dazu noch einen Basar, auf dem Selbstgemachtes verkauft wird und man bei Kuchen oder Würstchen leicht ins Gespräch kommt. »Die Besucher erkennen schnell, dass es sich bei uns gut leben lässt und das Altern in Würde funktionieren kann«, so Lydia Hointza, die weiß, dass das schlechte Gewissen die größte Hürde darstellt. Bewohnerin Ursula Kruse kam 2015 hierher und sagt: »Das war das Allerbeste, was ich tun konnte! Hier treffe ich immer auf jemanden, mit dem ich Kaffee trinken und Fußballgucken kann. Ich finde nichts blöder, als alleine zu jubeln, wenn ein Tor fällt.«

»Die Leute sagen, ein Altenheim bedeutet Endstation ohne Sehnsucht«, so Frau Schoofs. »Das muss sich ändern!«

Die meisten Menschen träumen davon, den Lebensabend zu Hause zu verbringen. Doch wenn der Partner verstirbt, die Kinder weit weg wohnen und auch die Bekannten zunehmend gebrechlich und nicht mehr mobil sind, dann ist Einsamkeit vorprogrammiert – und das Eigenheim plötzlich kein Ort mehr von Geborgenheit, sondern vielmehr von Gefahrenquellen. Diese Erfahrung mussten Friedrich Kornelius und seine Angehörigen machen. »Mein Vater sieht sehr schlecht und hat Diabetes«, erzählt Tochter Ursula Röter-Rosemann. »Ich lebte in permanenter Angst, dass ihm etwas zustößt, zumal ich zu der Zeit noch berufstätig war und 130 Kilometer entfernt wohnte.« Ihr Bruder und sie schöpften sämtliche Hilfsmittel vom Putzdienst über »Essen auf Rädern« bis zum häuslichen Notdienst aus und besuchten ihren Vater im wöchentlichen Wechsel. »Doch mir fiel zunehmend die Decke auf den Kopf«, gesteht Herr Kornelius im Gespräch mit dem AWO Journal. Auch für seine Kinder war diese permanent angespannte Situation kein tragbarer Zustand mehr. Gemeinsam beschlossen sie den Umzug nach Dinslaken, wo die Tochter lebt und gerade das Wilhelm-Lantermann-Seniorenzentrum der AWO eröffnet hatte. Friedrich Kornelius zog zunächst zur Kurzzeitpflege ein. »Wir haben nicht nur die Belegung, sondern auch die Menschen im Blick und betonen immer, dass man bei uns auch wieder ausziehen kann«, sagt Einrichtungsleiterin Marina Schoofs. Ihr liegt besonders die Öffnung des Hauses am Herzen, was sie unter anderem auch auf Facebook demonstriert. »Die Leute sagen, ein Altenheim bedeutet Endstation ohne Sehnsucht«, so Frau Schoofs. »Das muss sich ändern!« Um die ganze Bandbreite des Wilhelm-Lantermann-Hauses transparent zu machen, soll eine Quartiersmanagerin nun dafür sorgen, die Hemmschwelle abzubauen und zeigen, dass man hier zum Beispiel auch gut und günstig Mittagessen, sich die Haare beim hauseigenen Friseur schneiden lassen und gemeinsame Ausflüge machen kann.

Jutta Kruschke besucht einmal die Woche die Tagespflege im Wilhelm-Lantermann-Haus in Dinslaken. © Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur GmbH

Jutta Kruschke kommt aus dem Viertel und besucht seit Kurzem einmal in der Woche die Tagespflege der AWO. »Ich will selbst aussuchen, wo ich später lande«, sagt die 83-Jährige, die sich schon für einen stationären Platz angemeldet hat. »Jetzt bin ich noch rege genug, um Kontakte zu knüpfen.«

Vorbildlich! Mit solch weitsichtigem Verhalten überraschte auch eine Dame die Belegschaft des Mönchengladbacher Adam-Romboy-Seniorenzentrums. Anderthalb Jahre hatte Frau Maß, die inzwischen verstorben ist, ihren Umzug minutiös vorbereitet, bis sie eines Tages dann am Eingangstor der AWO Einrichtung stand – mit Kartons und 530 Wäschestücken! »Sie hatte auch alles für die Zeit nach ihrem Tod organisiert«, erinnert sich Ulrike Romag-Zawari vom Sozialen Dienst. »Sogar den Spruch für das Kondolenzbuch hatte sie ausgesucht.«

»Schreiben Sie nicht nur auf, was Sie nicht wollen, sondern auch, was Sie wollen!«

Das nennt man rundum selbstbestimmtes Handeln. Schließlich weiß keiner besser als Sie selbst, was Sie sich wünschen. Das dachte sich übrigens auch Wolfgang Rings aus Köln, als er nach dem Schlaganfall seiner Frau die Vorsorge klärte. Der 78-Jährige legt allen ans Herz: »Formulieren Sie nichts vage. Alles sollte klar und deutlich auf dem Papier stehen«. Und, ganz entscheidend: »Schreiben Sie nicht nur auf, was Sie nicht wollen, sondern auch, was Sie wollen!« Er zum Beispiel möchte, wenn er selbst dazu nicht mehr in der Lage ist, Geschichten des finnischen Schriftstellers Arto Paasilinna, »Meister des skurrilen Humors«, vorgelesen bekommen. Und auf keinen Fall WDR4-Schlager hören müssen, sondern Jazz. Über solche Details mag man schmunzeln, aber sie können im Fall des (Pflege)Falls enorm zur Lebensqualität beitragen.


Beratungsgespräch

Die Entscheidung, in ein Seniorenzentrum zu gehen, ist für keinen Menschen leicht. Deshalb bieten alle Häuser der AWO Interessierten ausführliche und individuelle Beratung an. Machen Sie einen Termin aus – hier spricht man offen über alle Fragen!


Wie rede ich mit Mutter/Vater über das Thema Vorsorge?

Die erwachsenen Kinder sollten akzeptieren, dass die Eltern vielleicht Angst haben vor dem Sterben, vor dem Tod und den Fragen, die damit zusammenhängen. Dazu gehört auch die Befürchtung, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren und wichtige Dinge nicht mehr selbst entscheiden zu können. Beim Gespräch sollten die Wünsche von Mutter und Vater im Mittelpunkt stehen und ihre Ängste ernst genommen werden. Benutzen Sie statt Sätzen wie »Du solltest …«, »Du musst …« besser Ich-Botschaften: »Ich mache mir Gedanken, was du dir wünschst, wenn du es selbst nicht mehr sagen kannst.« Wenn es den Eltern schwerfällt, innerhalb der Familie über Vorsorge zu sprechen, kann das Thema auch von außen herangetragen werden, z.B. durch den Hausarzt oder durch eine Beratungsstelle für Senior*innen.

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