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Hinein ins Wasservergnügen

25. Juli 2013

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Dreißig Bahnen sind Pflicht. Und zwar immer im Wechsel zwischen Brustschwimmen, Kraulen und Rückenschwimmen. Bevor Margot Arnold nicht dieses morgendliche Sportprogramm absolviert hat, kommt kein Frühstück auf den Tisch. »Im Alter ist Bewegung besonders wichtig«, sagt sie bei einer Verschnaufpause am Beckenrand. Wenn man sie so sieht – groß, trainiert, mit einem Strahlen im Gesicht – glaubt man kaum, dass die gebürtige Dresdnerin bereits 85 ist.

Die Bewohnerin gehört zum festen Stamm an Leuten, die sich jeden Tag gegen sieben im Schwimmbad der AWO Seniorenresidenz Bad Kissingen treffen. Der Panorama-Pool im Parterre der Anlage ist ein kleines Juwel: Während man seine Runden im beheizten Wasser dreht, schaut man auf sattgrüne Gänseblümchen-Wiesen, auf denen Enten vorbeiwatscheln, während am Horizont das Morgenlicht die sanfte Hügellandschaft der Rhön beleuchtet.

»Das schöne, große Schwimmbad war ausschlaggebend dafür, dass unsere Wahl auf dieses Haus fiel«, erzählt Helga Aurich, die 50 Jahre in Mönchengladbach gewohnt hat, bis ihr Mann an einer Beinlähmung erkrankte und seitdem im Rollstuhl sitzt. Hier genießt er die kurzen Wege zum Pool, in dem er jeden Morgen Aquagymnastik macht und das Gefühl der Schwerelosigkeit genießt.
Schöner Effekt: Das Gewebe wird durch eine verstärkte Durchblutung gestrafft. Bei diesen vielen positiven Auswirkungen wundert es nicht, dass  Schwimmen seit jeher praktiziert wird. Forscher sind sich sicher, dass es den Homo sapiens aquaticus bereits in der Steinzeit gab. Wer schwimmen konnte, war im Vorteil – bei der Jagd, um sich vor Feinden zu retten oder um Hindernisse zu überwinden. Im alten Ägypten gehörte Schwimmen zum guten Ton. Adelige und Kinder der Könige hatten ihren persönlichen Lehrmeister. Bei den Griechen galt man sogar als ungebildet, wenn man weder lesen noch schwimmen konnte. Die Germanen hatten den Ruf als hervorragende Schwimmer, die sich bei Wettkämpfen oft erfolgreich gegen die Römer durchsetzten. Man zollte den »harten Jungs« Respekt, denn sie stürzten sich selbst bei eisiger Kälte in die Fluten.

Das Mittelalter hingegen war keine besonders schwimmfreundliche Zeit: Christliche Moralvorstellungen und Leibfeindlichkeit ließen den Sport in Vergessenheit geraten – bis er im 18. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. 1774 eröffnete in Frankfurt am Main die erste deutsche Badeanstalt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Schwimmvereine; ab 1902 führten Städte wie Hamburg und Dresden diesen Sport als Unterrichtsfach ein. Dabei zog der Lehrer die Schüler an einer Angel, die auf einer fahrbaren Stützgabel am Beckenrand befestigt war.

»Ich habe mir das Schwimmen selbst beigebracht«, erzählt Wolfgang Jochmann aus der AWO Seniorenresidenz. »Das war nach dem Krieg in Dresden. Damals konnten wir uns den Eintritt ins Freibad nicht leisten. Also ging ich in die Elbe, stets auf der Hut, dass mich nicht die vorbeifahrenden Schiffe erfassten.« Auch der gebürtig aus Hildesheim stammende Helmut Stolze lernte im Fluss die ersten Züge zu ziehen. »Da, wo die Innerste kleine Ausbuchtungen bildet, habe ich mich erstmals mit sechs ins Wasser gewagt.« Später sei er im Sommer noch vor der Arbeit ins Freibad gegangen. Sein morgendlicher Mitschwimmer Hans-Werner Selk hat, wenn er beruflich unterwegs war, stets darauf geachtet, dass das Hotel mit einem Pool ausgestattet war.

So erinnert sich der 87-Jährige und fügt mit einem Schmunzeln hinzu. »Da waren natürlich auch Mädchen, mit denen man sich dann verabredet hatte.« Wie er sich jetzt gekonnt vom Beckenrand abstößt und zügig durchs Becken gleitet, merkt man, dass er in seinem Element ist. Bewegung, Natur sowie eine gesunde Ernährung spielen eine große Rolle in der Seniorenresidenz Parkwohnstift. Viele der rund 240 Bewohner lernten das Haus durch einen Kuraufenthalt in Bad Kissingen kennen. Wellness hat dort eine lange Tradition – hochrangige Persönlichkeiten schätzten die Heilquellen dieses bayerischen Staatsbades, darunter Sissi, die unter dem Pseudonym »Gräfin von Hohenembs« mehrmals zur Sommerfrische anreiste. Das milde Klima, die heilende Luft der Sole sowie das Thermalwasser ziehen auch heute noch Gesundheitsbewusste in den einst mondänen Badeort, der sich übrigens zusammen mit anderen führenden Bädern Europas gerade um die Aufnahme als Weltkulturerbe bewirbt. Zu den Hauptattraktionen von Bad Kissingen zählt der weitläufige Luitpoldpark mit seinen uralten Bäumen, prächtigen Blumenanlagen sowie der mediterranen Kneipp-Landschaft.

So sah es Sebastian Kneipp, dessen ganzheitliches Gesundheitskonzept auch im Jahr 2013 nicht an Aktualität verloren hat. Die Wasserkur bringt Körper, Geist und Seele in Einklang (und Schwung). Das Gute: Die meisten Anwendungen lassen sich einfach und überall durchführen. Beispiel: das »kalte Armbad«. Der Aufwand ist gering, die Wirkung sofort spürbar. Gerade im Sommer, wenn Hitze uns plagt und der Kreislauf schlapp macht, ist es die perfekte Maßnahme.

An seine letzte Erkältung kann sich Klaus Soltau nicht mehr erinnern; sie muss jedenfalls schon lange her sein. Der Mann mit dem gebräunten Teint ist 75, aus Hamburg und passionierter Ruderer. »Alle zwei Jahre unterziehe ich mich einem Gesundheits-Check«, erzählt er. »Meine Ärztin ist jedes Mal beeindruckt von meinen Werten.« Die sind wohl deshalb so gut, weil er seit 56 Jahren rudert. So lange ist der frühere Kaufmann schon Mitglied in Deutschlands ältestem Ruderverein, dem »Hamburger und Germania Ruder Club«, gegründet 1836. Zweimal in der Woche, sommers wie winters, geht’s zum Training auf die Alster, sogar an Regatten nimmt der Senior noch teil – ebenso wie am gemütlicheren »Wanderrudern«.
Gerade ist er von einer einwöchigen Tour zurück, bei der die Truppe von Prag nach Meißen ruderte. »Es macht einfach Spaß, zumal wir uns alle schon ewig kennen«, so Klaus Soltau, und begrüßt seine Mitstreiter aus dem Achter, der schnellsten und größten Ruder-Bootsklasse. Wie er so sehen auch die anderen »Oldies« wesentlich jünger aus als sie tatsächlich sind. Die frische Luft, die lebendige Gemeinschaft und natürlich die Bewegung sind Anti-Aging pur.

Das weiß Steuermann Peter Schmidt.Nach zwei Stunden auf dem Wasser würde man sich geradezu euphorisch fühlen. »Denn man tau!«, ruft der 80-Jährige, und schon steigen die acht Senioren in ihr Boot, das »Die Würstchen« heißt. Der Name stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als es kaum etwas zu essen gab und die Mannschaft damals lediglich ein paar Wiener Würstchen auf einem Gaskocher erwärmen konnte. Diese Hungerjahre sind Gott sei Dank längst vorbei. Heutzutage versammeln sich die Herrschaften nach jedem Training im Clubrestaurant, wo es dann zum gepflegten Bier feine Speisen gibt – in trauter Runde mit herrlichem Panoramablick über die glitzernden Wellen der Alster.

 

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