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Depression im Alter – kein hoffnungsloser Fall

30. Mai 2013

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Viele ältere Menschen leiden unter psychischen Erkrankungen, die oftmals nicht erkannt oder als gegeben hingenommen werden. Dabei ist es nie zu spt, um der Seele etwas Gutes zu tun. 

Ein Interview mit Helgard Koppe, die u. a. im schleswig-holsteinischen AWO Bildungszentrum Preetz als Dozentin für Gerontopsychiatrie arbeitet.

AWO Journal: Frau Koppe, jeder kennt Tage, an denen er am liebsten von morgens bis abends die Decke über den Kopf ziehen würde. Wann wird aus dem »Schlecht drauf sein«-Gefühl eine Depression?

Helgard Koppe: Wenn man antriebs- und interessenlos ist und die permanente Verstimmung z. B. einhergeht mit Symptomen wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Herzklopfen oder Schwindel. Ein Großteil der älteren Generation redet nicht über seelische Störungen, sondern geht nur wegen körperlicher Beschwerden zum Arzt. Oftmals wird eine Depression nicht diagnostiziert und folglich nicht behandelt.

… Dabei ist Altersdepression durchaus keine Seltenheit, oder?

Im Gegenteil: Mindestens sieben Prozent der über 65-Jährigen sind davon betroffen. Da die Symptome der einer Demenz ähneln, wird das häufig verwechselt.

Wann sollten bei Angehörigen und Pflegefachkräften die »Alarmglocken« läuten?

Wenn sich Resignation einstellt und plötzlich Sätze geäußert werden wie »Ich falle doch eh nur zur Last«, »Ist mir alles egal« oder »Lasst mich sterben«. Wer das sagt, hat kein Selbstwertgefühl. Besonders Menschen im fortgeschrittenen Alter kommen sich nutzlos und überflüssig vor, fühlen sich vielleicht durch Pflege- und Unterbringungskosten ihren Kindern gegenüber schuldig. Sie sehen keinen Sinn mehr im Leben, sind verstärkt suizidgefährdet.

Wie kann man den Betroffenen helfen?

Man sollte ihnen sinnvolle Aufgaben übertragen. Auch die Bewohner eines Seniorenheims können sich einbringen, z. B. indem sie anderen die Haare machen, einen demenziell Erkrankten begleiten oder jemandem die Zeitung vorlesen. Hauptsache ist, sie kommen raus aus der Passivität. Wer zu viel Zeit im Bett bzw. auf dem Sofa verbringt, hat bald keinen Antrieb mehr zum Aufstehen und kann irgendwann tatsächlich nicht mehr laufen.

Heutzutage sind die Angebote in den Seniorenheimen vielfältig – ob Bingo oder Gedächtnistraining, Sitzgymnastik oder Singkreis. Von mangelndem Beschäftigungsprogramm kann keine Rede sein, oder?

Es kommt auf den Inhalt an, der nicht zu infantil sein und die Senioren nicht unterfordern sollte. Warum besuchen die Bewohner nicht mal gemeinsam ein Konzert oder Theaterstück? Viele würden auch gern in die Kirche gehen. Überhaupt ist der Kontakt »nach draußen« ganz wichtig für das Wohlbefinden. Ich rate jedem, die alten Netzwerke nicht aufzugeben.

Das ist leichter gesagt als getan. Schließlich gehört im Alter der Verlust von Gleichaltrigen dazu.

Es ist nie zu spät, neue Bekanntschaften zu schließen. Depression ist nämlich oft die Folge von Einsamkeit. Ich habe in meiner Psychotherapie-Praxis beispielsweise einmal eine Gruppe von altersdepressiven Frauen angeleitet und sie zu gemeinsamen Aktivitäten motiviert. Inzwischen ist das ein fester Kreis, der sich gegenseitig zu Arztbesuchen begleitet, Kochrezepte austauscht und andere Dinge unternimmt.

Was kann man außerdem gegen die »dunklen Gedanken« machen?

Senioren, die unter einer Depression leiden, sind häufig im Leben zu kurz gekommen, das heißt, sie brauchen ein Verwöhnprogramm in eigener Sache. Das können Massagen sein, die Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe, eine Lichttherapie, gutes Essen sowie ein freundliches Millieu mit Pflanzen, schönen Farben etc. Entscheidend ist, dass sich die Leute beachtet und wertgeschätzt fühlen.

Was kann eine Psychotherapie für Frauen und Männer jenseits der 70 leisten?

Ein Großteil der Kriegs- und Nachkriegsgeneration musste Schlimmes durchstehen. Sie haben Kinder bei der Flucht zurückgelassen, sind über Leichen hinweggestiefelt, haben stundenlange Vergewaltigungen ertragen. In Zeiten des Wiederaufbaus herrschte eine emotionale Kälte – Gefühle konnte man sich nicht leisten, also entwickelte man Strategien des Vergessens. Jetzt, im Alter, brechen die Wunden oft sehr schmerzhaft wieder auf. Da kann es eine enorme Erleichterung sein, über Vergangenes zu sprechen. Übrigens: Meine älteste Patientin ist 92!

Info

Helgard Koppe ist Dozentin, Fachkrankenschwester und Heilpraktikerin. Sie führt in Malente eine Praxis und hat sich auf Psychotherapie für Senioren spezialisiert. Tel. 04523-880614, www.beratungamsee.de

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