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25 Jahre Mauerfall

10. Oktober 2014

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»Es wächst zusammen, was zusammen gehört«, kommentierte Altkanzler Willy Brandt den Fall der Mauer am 9. November 1989. Doch wie haben Menschen aus Ost und West die Zeit vor der Wende erlebt, und wie danach? Ein Bericht mit persönlichen Erinnerungen von Bewohnern und Mitarbeitern aus den AWO Seniorenzentren in Berlin, Brandenburg und Sachsen.

Schwarz-Weiß FotosEs waren einmal zwei gleichaltrige Jungs. Sie wuchsen nicht weit voneinander auf, heirateten zu fast demselben Zeitpunkt und wurden Väter. Doch der Zufall der Geschichte wollte es, dass ihre Leben ansonsten nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Aber der Reihe nach. Arno Drefke, ein Kind aus dem brandenburgischen Wittstock, und Günter Lemke aus West-Berlin waren beide elf, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und Deutschland sowie speziell die Hauptstadt in Besatzungszonen aufgeteilt wurden: Arnos Zuhause stand fortan unter sowjetischer Kontrolle, Günters lag im amerikanischen Sektor. Lemke, Sohn eines Reichsbahners, verbrachte seine Jugend im bürgerlichen Berliner Stadtteil vor allem als Verteidiger im Fußballverein Schöneberg. Später begann er eine Lehre als Elektriker und verdiente Geld in der Autobranche, und zwar so reichlich, dass er sich einen Zweitwohnsitz in Bayern nahe Bad Wörishofen leisten konnte. Er sagt selbst, er habe bis zu seinem 75sten ein gutes Leben geführt – dann erkrankte seine Frau an Demenz.

Arno Drefke aus BrandenburgAuch Arno Drefke startete nach der Schulzeit mit einer Ausbildung und besuchte die Drogistenfachschule in Weißensee. Es waren die Jahre, in denen rund 1,5 Milliarden Dollar im Rahmen des Marshallplans in die Bundesrepublik flossen. Arno Drefkes Erinnerungen daran:

 

»Bei meinen Besuchen in West-Berlin traute ich meinen Augen nicht: Die Läden waren randvoll. Ich habe mir die Nase an den Schaufenstern plattgedrückt und eine große Ungerechtigkeit empfunden.«

1952, da war er 18, nahm er Kontakt zum »Bund Deutscher Jugend« in Frankfurt am Main auf und begann fortan mittels selbstgedruckter Broschüren auf die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen BRD und DDR hinzuweisen. Eine Kurierfahrt nach Thüringen sollte sein Leben ändern – denn sie entpuppte sich als Falle des Ministeriums der Staatssicherheit. Drefke wurde festgenommen und unter anderem wegen Wirtschaftsspionage angeklagt. Sein Urteil lautete: lebenslänglich! Der 19-Jährige kam ins Stasi-Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen.

Nicht weit von dem Epizentrum der Erniedrigung entfernt befand sich das Villenviertel der Bonzen. Während es sich Erich Mielke & Co. in ihren Häusern am Obersee gut gehen ließen, wurden knapp zwei Kilometer davon entfernt »Abtrünnige« mit perfiden Foltermethoden gequält. Als Erstes nahm man ihnen die Identität: Arno Drefke hieß ab sofort »Nr. 62«, nach den Ziffern seiner Zellennummer. »Es war ein Martyrium «, sagt Drefke bei einer Führung durch das Gefängnis, das seit 1994 als Gedenkstätte für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft fungiert.

Stasi-Gefängnis Berlin-HohenschönhauseIn dieser schlimmen Zeit, sie war geprägt von üblen Verhören, Schlaf-, Essens- und Matratzenentzug, half ihm der Kontakt zu seiner Familie und der Jugendfreundin. Ein Brief pro Monat à 20 Zeilen war erlaubt. So schrieb der junge Arno je 10 Zeilen an die Eltern und 10 an Brunhilde. Im August 1962, nach fast 10 Jahren, in denen er hermetisch von der Außenwelt abgeschnitten war, wurde er ohne Begründung entlassen. »Zu früh und zu spät gleichzeitig«, wie Arno Drefke sagt, und meint damit: Zu früh, weil es damals noch keinen Freikauf für politische Häftlinge gab, und zu spät, weil es genau ein Jahr nach dem Bau der Mauer passierte.

Sein Freund und Mithäftling Kurt wollte mit ihm gleich in den Westen fliehen. Aber nach einem Jahrzehnt hinter Gittern hatte der damals 29-Jährige Angst, erwischt zu werden und dann für immer im »U-Boot« zu landen, wie man die unterirdisch gelegenen Isolierzellen intern nannte. Lieber wollte er alles vergessen und mit Brunhilde in ein neues Leben starten. Er zog in seine brandenburgische Heimat, heiratete, wurde Vater von drei Töchtern und arbeitete »ganz unpolitisch« in einem Statikbüro. Irgendwann flatterte eine Postkarte aus Köln ins Haus. Sie war von Kurt, der per Faltboot »rübergemacht « hatte. Auf der stand: »Prüfung mit summa cum laude bestanden. « Arno Drefke freute sich für ihn, »zumal uns Kurt fortan herrlich unterstützte.«

Günter Lemke aus West-BerlinAuch Günter Lemke aus Berlin-Friedenau verband eine Männerfreundschaft jenseits der Mauer. Regelmäßig besuchte er seinen Bekannten in Rostock.

 

 

 

»Die Häuser dort hatten keine Farbe und alles sah sehr trist aus. Ich fand es traurig, dass die Menschen in der DDR immer nur im Kreis rumfahren und nicht wirklich reisen konnten.«

Heute allerdings fühlt er sich manchmal selbst wie eingeschlossen. Seit seine Frau an Demenz erkrankt ist, hat sich ein tiefer Schleier um ihn gelegt. Weil der 80-Jährige mit der Pflege überfordert war, zog das Ehepaar Lemke in die AWO Einrichtung Käthe Kollwitz. Es war der richtige Schritt. Trotzdem frustriert es Günter Lemke, dass seine Frau kaum noch ansprechbar ist und er mit ihr anlässlich der diesjährigen Goldenen Hochzeit keinen Urlaub unternehmen kann. Der Bewegungsradius hat sich auf wenige Meter reduziert.

Straßenansicht mit der MauerMit einem Schlag offen stand die Welt für ein bis dahin abgeriegeltes Land am Abend des 9. November 1989. Damals kündigte SED-Sprecher Günter Schabowski eine großzügige Reiseregelung ins westliche Ausland für DDR-Bürger an. Auf Nachfrage eines Reporters antwortete er, seines Wissens trete dies ab sofort in Kraft. Die Meldung wurde im Radio übertragen, löste kurz danach einen Massenansturm auf die Grenze nach West-Berlin aus und zwang die überforderten Grenzpolizisten zur Öffnung der Mauer. TV-Bilder von den hupenden und gefeierten Trabis unterm Brandenburger Tor gingen um den Globus.

»Ich hatte sofort den Duft vom Intershop in der Nase und roch förmlich die Zigaretten und das Parfüm, das wir uns nie leisten konnten.«

So erinnert sich Christa Bellmann an diese aufregenden Tage vor 25 Jahren. Sie war damals 59 und betrat das erste Mal westlichen Boden. »Von den 100 Westmark Begrüßungsgeld haben wir uns ein Sofa gekauft.« Ruth Joening, ihre Mitbewohnerin aus dem AWO Pflegewohnheim Cossebaude in Dresden, weiß noch genau, wie sie sich mit ihrem Mann damals den Kopf zermarterte über die Nutzung dieses Geldes. »Schließlich investierten wir es in eine Uhr für die Stube und brachten unseren Kindern ein bisschen Kaffee mit«, erzählt sie beim Gespräch im Aufenthaltsraum der Einrichtung. Renate Hanns wiederum fuhr mit ihrem Mann und der erwachsenen Tochter kaum zwei Wochen nach Schabowskis legendärer Mitteilung nach Rotenburg ob der Tauber.

Berlin»Es war Adventszeit und die mittelalterliche Altstadt strahlte eine traumhaft schöne Atmosphäre aus«, entsinnt sich die 82-Jährige, die allerdings schon vor der Wende regelmäßig ihre in Hamburg lebende Schwester besuchen durfte.

 

»Ich hatte zwar die Freiheit zu reisen, aber nicht die entsprechenden Devisen – wir waren immer auf das Geld der Gastgeber angewiesen. Das war unangenehm.«

Renate Hanns findet, dass es auch eine Menge Gutes in der DDR gab, z.B. dass behinderte Mitbürger finanziell unterstützt wurden. Auch der Zusammenhalt wird von vielen Senioren in den AWO Häusern von Brandenburg bis Sachsen immer wieder betont. Die Ellenbogengesellschaft in den alten Bundesländern machte ihnen ebenso zu schaffen wie Kriminalität und Arbeitslosigkeit. »Bei meinem ersten Besuch im Westen sah ich einen jungen Mann auf dem Boden sitzen. Er spielte Gitarre und war offensichtlich arbeitslos«, sagt Ingeborg Mrozek aus dem AWO Seniorenheim in Frankfurt an der Oder. »Das kannte ich bis dahin nicht und empfand es als sehr befremdlich.«

Irritierend fanden es auch die Töchter von Arno Drefke, als sie erst nach dem Fall der Mauer vom Schicksal ihres Vaters erfuhren. »Ich wollte sie zu DDR-Zeiten nicht damit belasten oder in Schwierigkeiten bringen.«

Arno Drefke in GedankenDoch dann wurde er aktiv, stellte noch im selben Jahr einen Antrag auf Rehabilitation und nahm einen Kredit auf, um die Drogerie seines Vaters wieder in Besitz zu nehmen. Und, 30 Jahre nach seiner Haftentlassung aus dem Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, fuhr Arno Drefke mit seiner Frau nach Hohenschönhausen und zeigte ihr alles – von der Gummizelle bis zum »Tigerkäfig«. So nannten die Häftlinge damals den mit Stacheldraht und Kameraüberwachung ausgestatteten Freiganghof. »Plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da und ich spürte, dass ich endlich darüber reden musste.«

Seit 1994 führt der sowohl körperlich als auch geistig agile 80-Jährige regelmäßig durch die Trakte des ehemaligen Knastes, in dem rund 40.000 Menschen zwischen 1952 und 1989 festgehalten wurden. »Das ist wie Therapie.« Herr Drefke sowie die Bewohner und Mitarbeiter in den AWO Häusern des wiedervereinigten Deutschlands sind froh und dankbar, dass sie inzwischen in einem freien Land leben ohne Schießbefehl, Selbstschussanlagen und ohne Mauer. Nach 25 Jahren kann man sagen: Es ist zusammengewachsen, was zusammen gehört – und die Launen des Lebens ereilen einen ohnehin, ganz unabhängig von Grenzen.

Birgit Kummerlöw, 59 Einrichtungsleiterin im AWO Pflegewohnheim Rödern:

Birgit Kümmerlow, Einrichtungsleiterin im AWO Pflegewohnheim Rödern»Ich bin seit 1986 in der Pflege tätig. Damals kostete ein Wohnplatz in einem 4- bis 8-Bett-Zimmer rund 90 DDR-Mark im Monat, ein Pflegeplatz 120 DDR-Mark. Der Alltag für die Beschäftigten war sehr mühsam, da es kaum Hilfsmittel gab. Weil die wenigen Rollstühle nicht durch Türen passten, haben wir an normale Wohnzimmerstühle Rollen angeschraubt, um so die Senioren von A nach B zu bringen. Nach dem Fall der Mauer hat das Albert-Schweitzer-Haus, das inzwischen zur AWO gehörte, viele Zuwendungen erhalten. Wie ein Fünfer im Lotto empfanden wir die Firmenspende von zwei Bädern mit Hubbadewannen. Heutzutage ist die Arbeit zumindest körperlich leichter, doch die Ansprüche der Bewohner sind gewachsen. Auch wenn früher der Zusammenhalt größer war und es sozialer zuging, will niemand das alte System der ›Misswirtschaft‹ wieder zurück. «

Irene Schulz, 84 Bewohnerin im AWO Pflegewohnheim Rödern:

Irene Schul, AWO Pflegewohnheim Rödern»Ich war Erzieherin in Sachsens erster Kinderkrippe und wurde im Mai 1990, nach 40 Jahren als Erzieherin, pensioniert. Ich habe meinen Beruf sehr gerne ausgeübt und finde es schade, wie später im Westen unser Krippensystem schlechtgemacht wurde. Christian Pfeiffer ging ja so weit, dass er die Gewaltbereitschaft von ostdeutschen Jugendlichen in Zusammenhang mit der frühen Krippenerziehung brachte; u. a., weil bei uns alle gleichzeitig auf die Töpfchen gesetzt wurden. Umgekehrt habe ich erlebt, wie in Westdeutschland Kinder noch im Alter von 4 Jahren eine Windel trugen.«

 

Christa Bellmann, 84 Bewohnerin im AWO Pflegewohnheim Cossebaude in Dresden:

Christa Bellmann, Bewohnerin im AWO Pflegewohnheim Cossebaude in Dresden»Eigentlich wollte ich Floristin werden, aber mit dem Einmarsch der Russen in Dresden gab es keine Blumen mehr. Erst war ich Trümmerfrau, später arbeitete ich in einer Gärtnerei und ab 1967 in der Süßwarenfabrik ›Vadossi‹. Wir stellten das ›Nutella‹-Pendant ›Nudossi‹ her, das es allerdings nur in Delikat-Läden zu kaufen gab. Da es in der DDR viel leichter war, an Haselnüsse als an künstliche Aromen ranzukommen, war der Nussanteil sehr hoch. Was die meisten wohl nicht wissen: Weil wir es billiger herstellen konnten, exportierten wir sogar Marzipan nach Lübeck!«

Jens-Uwe Heinrich, 51 Einrichtungsleiter im AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder:

Jens-Uwe Heinrich, Einrichtungsleiter im AWO Seniorenheim »Am Südring« in Frankfurt an der Oder»Ich habe in Zwickau Lohn-Schlosser gelernt. Als nach der Wende die Betriebe plattgemacht wurden, schulte ich zum Altenpfleger um. Zu Ostzeiten gab es nur wenige Heime. Die waren furchtbar und hießen nicht umsonst ›Siechenheime‹. Ein Großteil der älteren Menschen ist in Krankenhäusern gestorben. Diejenigen, die in den sogenannten ›Feierabendheimen‹ wohnten, waren noch sehr mobil.«

 

 

Heike Kranz, 48 Küchenleiterin im AWO Pflegewohnheim Rödern:

Heike Kranz, Küchenleiterin im AWO Pflegewohnheim RödernKüchenleiterin»Die heute viel beworbene ›regionale Küche‹ war in der DDR gang und gäbe. Ohne importierte Lebensmittel haben wir uns ohnehin lokal und gesund ernährt. In unserem Kochprojekt profitieren die Bewohner von den neuen Anregungen der beteiligten Schüler und geben den jungen Leuten ihre bewährten und besten Rezepte weiter. Das schmeckt allen!«

 

 

 

Mehr Informationen zur Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: www.stiftung-hsh.de Genslerstr. 66 · 13055 Berlin Tel. 030-986082-30

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