Das Online Magazinfür mehr Lebensfreude im Alter

Zu Besuch bei der alten Dame

24. Februar 2017

1

©Ingeborg Weberbauer ©Eric Langerbeins, COMMWORK Werbeagentur


Mit ihren 96 Jahren gehört Ingeborg Weberbauer zu den ältesten Bewohnerinnen des AWO Seniorenzentrums »Vierwindenhöhe« im rheinischen Bendorf – was man schnell vergisst, wenn sie eloquent und höchst vital ihr Leben Revue passieren lässt.

Das erste, was gleich bei der Begrüßung auffällt: ihre klare, ohne Dialekt eingefärbte Aussprache, die sie sofort als Zugezogene »entlarvt«. Groß, mit aufrechter Haltung, festem Händedruck und wachem Blick heißt Ingeborg Weberbauer die Mitarbeiter des AWO Journals in ihrem Zimmer willkommen. Es ist der 7. November, der Tag vor der amerikanischen Wahl. Noch weiß niemand vom Sieg Donald Trumps, doch am nächsten Morgen wird die betagte Dame bereits den 18. von 45 US-Präsidenten erlebt haben. Eine seltene wie bemerkenswerte Zeitzeugin. Als Woodrow Wilson, Demokrat und Gründer der US-Notenbank, im März 1921 sein Amt niederlegte, war Inge, wie sie genannt wird, noch ein Baby. Kurz zuvor fand in ihrer Geburtsstadt Allenstein eine Volksabstimmung statt, bei der die Einwohner für einen Verbleib des südlichen Ostpreußen im Deutschen Reich stimmten. Interesse an Politik wurde dem Mädchen, dessen Eltern in Offizierskreisen verkehrten, also quasi in die Wiege gelegt. Zumal die Heimat durch den »polnischen Korridor« territorial vom Rest des Landes abgetrennt war.

Dennoch denkt Frau Weberbauer mit einem Strahlen im Gesicht an eine unbeschwerte Kindheit. »Uns ging es gut damals. Mein Vater besaß ein Sägewerk, mein jüngerer Bruder und ich wohnten in einem schönen Haus, umgeben von unzähligen, glasklaren Seen, die im Sommer zum Baden einluden, im Winter zum Schlittschuhlaufen.« Ein bisschen tun ihr heute die Kinder leid, die vor lauter Lernen und Freizeitprogramm gar nicht mehr die Tage verbummeln können. So wie sie es mit ihrer besten Freundin Elli tat, mit der sie die Schulbank der Allensteiner Luisenschule drückte. Ihr Zuhause haben die beiden Mädchen später durch den Krieg verloren – nicht aber die Erinnerungen an das freie Leben inmitten der weiten, maurischen Seenplatte. Heute blicken sie gemeinsam bei regelmäßigen Telefonaten auf die glücklichen Kindertage zurück. »Elli wohnt im Harz, aber wir haben uns nie aus den Augen verloren «, sagt Frau Weberbauer.

»Es ist schön, noch jemanden zu haben, der die gleichen Wurzeln hat.«

In der Obersekunda, also im Alter von knapp 17, kam Inge aufs Internat Hermannswerder nach Potsdam, wo sie zum letzten Mal die Leichtigkeit des Seins mit Teatime und Tanzen erfahren durfte.

»An den Wochenenden ging es mit der S-Bahn nach Berlin. Dort haben wir ausgiebig das reichhaltige Unterhaltungsangebot genossen.«

In Berlin-Friedrichstraße nahm das Schicksal dann seinen Lauf – Fräulein Fechner, so Inges Mädchenname, begegnete an der später historisch bedeutsamen Station ihrer großen Liebe: Alfons aus Schlesien, 15 Jahre älter, promovierter Chemiker und Volkswirt. Am ersten Tag des Zweiten Weltkrieges heirateten sie in Königsberg; als Bomben die Hochzeitsgesellschaft aufschreckten und den schönsten Tag der Frischvermählten zum traurigsten machten. Es war, als zöge jemand den Stecker und setzte der vergnüglichen Zeit ein jähes Ende.

»Statt Musik zu studieren, das war eigentlich mein Plan, wurde ich Rotkreuz- Schwester und kümmerte mich um verletzte Soldaten.«

Was dann folgte, hat die ebenfalls aus Ostpreußen stammende Marion Gräfin Dönhoff eindrucksvoll in ihrem Buch »Namen, die keiner mehr nennt« beschrieben: die Schrecken des Krieges, den Verlust von Heimat, die Flucht in den Westen …

Wenn Ingeborg Weberbauer heute die Bilder von Flüchtlingen sieht, weiß sie nur zu gut, was die gerade durchmachen. Und sie hofft inständig, dass diesen Männern, Frauen und Kindern jenes Glück widerfährt, das auch sie hatte: Unterschlupf bei jemandem zu finden, der es gut mit einem meint. In ihrem Fall war das ein Bauer im baden-württembergischen Ratshausen. Dessen Tochter Rita ist bis heute eine treue Freundin. In der Rückschau sagt Frau Weberbauer: »Heimat ist immer dort, wo man liebe Menschen hat.«

Damals imponierte der Protestantin besonders der Fleiß sowie die tiefe Verbundenheit der Dorfbewohner zur katholischen Kirche. Auch sie fand dort Halt und Trost. Sie konvertierte, konnte sogar ihren Mann wieder zum Glauben zurückbringen. 1949, die Bundesrepublik Deutschland wurde gerade gegründet und die Ära Adenauer begann, bekam das Paar einen Sohn und zog nach Hessen, wo Alfons Weberbauer für einen Pharmakonzern arbeitete. Viel zu früh erlag er einem Herzinfarkt. Sein Schreibtischstuhl steht jetzt in Zimmer 411 des Seniorenzentrums in Bendorf. »Ich konnte ihn zu Kriegsbeginn mit ein paar anderen Möbeln in letzter Sekunde von Ostpreußen in den Westen transportieren lassen «, erzählt die alte Dame, bei der man sich gut vorstellen kann, wie sie mit Tatendrang und preußischer Disziplin auch in großer Not kühlen Kopf bewahrte.

»Der Stuhl ist mein Lieblingsstück, das mich 50 glückliche Ehejahren begleitet hat.«

Überhaupt sei sie dem lieben Gott unendlich dankbar, dass sie einen so großartigen Mann an ihrer Seite hatte. Und einen fürsorglichen Sohn, der ganz in der Nähe wohnt, sie jeden Tag anruft und regelmäßig besucht.

»Trotzdem wäre ich nicht traurig, wenn mich der liebe Gott bald holt«, sagt sie ohne Wehmut in der Stimme. Doch wer weiß, vielleicht wird sie auch die Wahl des 46. USPräsidenten erleben.

Kommentar schreiben