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Auf eine Tasse Kaffee mit Wolfgang Schmid

16. Juni 2014

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Pfarrer Wolfgang Schmid, 87, aus dem AWO Seniorenzentrum Landsberg

Pfarrer Wolfgang Schmid (87), der nach seinem Ruhestand regelmäßig im AWO Haus Landsberg gepredigt hat, bevor er im Sommer 2013 selbst dorthin umzog.

AWO Journal: Herr Pfarrer, Sie kommen wie Joseph Ratzinger aus Oberbayern, sind nur wenige Monate älter als er und ebenfalls Theologe geworden. Kennen Sie unseren einstigen Papst Benedikt XVI. persönlich?

Pfarrer Schmid: Ja, ich habe ihn in München beim Studium kennen und als Kamerad schätzen gelernt. Als Joseph 1951 in Freising von Erzbischof Faulhaber die Priesterweihe erhielt, war ich dabei. Das hat mich damals sehr beeindruckt.

Es war der Anfang seiner großen Karriere als Geistlicher, die ihn 2005 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche machte. Hat es Sie enttäuscht, als Joseph Ratzinger vor einem Jahr das Papstamt niederlegte?

Nein, das war doch ein mutiger Schritt! Er merkte, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, um die Weltkirche zu führen. Da ist es nur konsequent, den Weg für einen anderen frei zu machen.

Sind Sie denn mit dem Nachfolger zufrieden?

Auf jeden Fall. Die Kirche muss sich öffnen, und Franziskus ist der Richtige, um sie in die Zukunft zu führen. Ich selbst war auch immer ein Befürworter der Moderne.

Wie hat sich das gezeigt?

Ich hatte zum Beispiel eine Gemeindereferentin – zu einer Zeit, als Frauen in der Kirche noch nicht selbstverständlich waren. Außerdem habe ich mich viel um die Jugend gekümmert, war aufgeschlossen für ihre Themen. Ich machte etliche Fahrten ins Ausland mit jungen Leuten, z. B. nach Frankreich. Das war besonders in der Nachkriegszeit wichtig, denn ein friedlicher Austausch mit den einstigen Erzfeinden war die Grundlage für eine bessere Welt.

Wie sind Sie selbst geprägt worden – wollten Sie schon immer Pfarrer werden?

Ich wuchs behütet mit meinem fünf Jahre älteren Bruder in Augsburg auf und war unter anderem auch Ministrant. Wir wurden so erzogen, dass man sich für andere einsetzt. Geprägt haben mich auch die Erlebnisse im Krieg: Mein Bruder fiel in Russland, und ich wurde am Ostermontag 1945 so stark verwundet, dass ich es als Geschenk Gottes empfand, als ich nach einer Nacht im Graben überlebte. Aus Dankbarkeit beschloss ich, beim Neuaufbau auf dem Fundament von Christus tatkräftig mitzumachen.

Als Seelsorger sind Sie sicherlich mit vielen Schicksalen konfrontiert worden?

Ja, ich war zum Beispiel Pfarrer in Eching, als die zehnjährige Ursula Herrmann 1981 entführt und ermordet wurde. Oder als zwei andere junge Menschen vom Ammersee bei einem Unfall auf Gran Canaria ums Leben kamen. Das sind tragische Vorfälle. Aber es gab auch viele schöne Erlebnisse, die ich in sechs Jahrzehnten als Pfarrer hatte.

1997 sind Sie offiziell in den Ruhestand gegangen, haben aber weiterhin in anderen Gemeinden ausgeholfen. Und Sie waren sogar bis letztes Jahr noch als Hauspfarrer im Landsberger Mehrgenerationenhaus der AWO sowie im Sozialzentrum St. Martin tätig.

So konnte ich jene Menschen erreichen, die nicht mehr selbst in der Lage waren, den Gottesdienst zu besuchen. Allerdings bin ich inzwischen auch gesundheitlich angeschlagen, habe mehrere Bypässe und fühle mich geschwächt. Aber ich habe Glück, denn Erika Ritter, die seit über 50 Jahren meinen Haushalt macht, ist mit mir ins Seniorenzentrum gezogen und steht mir weiterhin zur Seite.

Herr Pfarrer, zum Schluss würden wir gern ein Foto von Ihnen machen. Könnten Sie dazu Ihren Talar anziehen?

Nein, Talare tragen nur Konservative. Oder wie es Papst Franziskus bei seiner Inauguration sagte: »Lasst die Faschingskostüme bleiben!«

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